Ida Kudo im Interview: „Durch Musik konnte ich mich als Mensch outen“

Ida Kudo gehört zu den Künstlerinnen, von denen wir dieses Jahr noch ganz viel hören wollen. Im Interview hat uns Ida, die letzten Herbst ihre neue Single „Paradise“ veröffentlicht hat, verraten wie ihre Herkunft sie beeinflusst, wie sie gelernt hat sich durch Musik auszudrücken und mit welchen Themen sie sich als Frau und Künstlerin auseinandersetzt. 

Deine Mutter ist Japanerin, du bist in Dänemark geboren. Wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in einem schönen Vorort von Kopenhagen aufgewachsen. Sehr idyllisch. Wälder, Bäume, Natur. Eine kleine Gemeinde. Meine Mutter ist zwei oder drei Jahre bevor ich geboren worden bin von Japan nach Dänemark gekommen. 

Sprichst du japanisch?

Leider nicht wirklich. Im Sommer war ich zwei Wochen dort und habe viel gelernt. Aber ich kann nicht sagen, dass ich fließend spreche. 

Ich habe gehört, dass eine große Inspiration für dich die Filme von Hayao Miyazaki waren.

Ja! Diese japanischen Filme und Geschichten sind für mich seit meiner Kindheit eine große Inspiration. Außerdem gab es da meinen dänischer Großvater. Er war Amateurschauspieler und sehr begeistert von Literatur und Theater. Jedes mal wenn wir unsere dänischen Großeltern besucht haben, haben wir uns hin gesetzt und er hat uns Fabeln und Märchen vorgelesen und sie für uns nachgespielt. Das waren immer Geschichten, die eine starke Moral hatten, eine Botschaft, aus der man etwas lernen konnte. Als Erwachsene habe ich dann erfahren, dass er jede Geschichte immer sehr genau danach ausgesucht hat, wie alt meine Schwester und ich gerade waren, sodaß wir so viel wie möglich davon mitnehmen. Die Art, über solche Art von Erzählungen ein Universum zu kreieren, hat mich sehr beeindruckt. Von meiner japanischen Familie her waren es die Miyazaki Filme, die ich mitgegeben bekommen habe. Sie sind so wunderschön, so ästhetisch! Allein die Landschaften, das findet man so nicht in Disney Filmen. Gleichzeitig sind die Charaktere in Miyazaki Filmen sehr komplex, sie haben oft eine helle und eine dunkle Seite. Sie sind nicht entweder gut oder böse. Ich könnte mir vorstellen, dass deshalb manche Eltern denken, diese Filme wären zu gruselig für ihre Kinder. Aber ich liebe diese Figuren, sie sind menschlich und haben Nuancen. Meinen Hang zu Poesie und Mystizismus habe ich von dort. In meinen Songs findest du die ganze Zeit die Gegensätze von hell und dunkel, von Realismus und Mystizismus. Sowohl meine japanische als auch meine dänische Herkunft haben mich da sehr inspiriert. 

Und wie hast du herausgefunden, dass Musik die Kunst ist, durch die du dich ausdrücken möchtest?

Meiner Mutter war es sehr wichtig, uns Musik mit auf den Lebensweg zu geben. Als ich vier war habe ich angefangen Geige zu spielen, Zuzuki Methode, das volle Programm. Ich war sehr musikalisch, aber die Geige hat irgendwie nicht zu mir gesprochen. Die klassische Musikwelt war keine, in der ich frei sein konnte. Später habe ich angefangen mich für Popmusik zu interessieren und herausgefunden, dass wenn ich mit meiner Stimme arbeite, ich nicht gegen diese Ansprüche von technischer Perfektion arbeiten muss, mit denen ich in der klassischen Musik ständig zu kämpfen hatte. Durch die Stimme konnte ich mich unmittelbar ausdrücken und habe mich nicht so gebrainwasht gefühlt. Vielleicht habe ich nicht alles richtig gemacht, aber diese Unmittelbarkeit war sehr wichtig für mich. In mir hatte sich viel aufgestaut, das ausgedrückt werden wollte! All die Jahre, in denen ich Geige gespielt habe hatte ich diese Musikalität in mir, die ich ausdrücken wollte, aber diese ganze Technik hat mich davon abgehalten. Angefangen zu singen habe ich in einem Gospelchor, so laut dass ich regelmäßig meine Stimme verloren habe. Ich hatte so viel auf dem Herzen! Als ich angefangen habe auf der Bühne zu stehen habe ich sofort herausgefunden, dass das der Ort ist, an dem ich ich selbst sein kann und mich nicht an die Welt um mich herum anpassen muss. Alles Falsche, alles Unbequeme, alles wofür ich mich geschämt habe, all die Dinge, die keinen Platz in der Gesellschaft haben und von ihr nicht geschätzt werden – das war der Ort, wo ich all das raus lassen konnte. Ich habe ein starkes Bedürfnis mich auszudrücken, und ich brauche einen Ort, an dem ich das tun kann. Musik ist für mich das Mittel dafür. Es mag komisch klingen, aber durch Musik konnte ich mich als Mensch outen. Ich war schon immer sehr unterstützend gegenüber der LGBTQ Community. Diese Menschen haben all mein Herz und all meine Unterstützung. Sie müssen sich outen, sie haben überhaupt keine andere Wahl. Überall sonst muss ich mich ständig anpassen. Auf der Bühne kann ich mich outen als der Mensch, der ich wirklich bin. 

Wie fühlst du dich als Frau in der Branche? Leider sind wir auch in der Musikbranche ja von wirklicher Gleichstellung immer noch weit entfernt. 

In Dänemark gibt es gerade eine große Bewegung was das angeht. Es tut sich etwas. Frauen aus der Branche haben sich zusammen getan, es gibt Gruppen, Meetings, Initiativen. Künstlerinnen unterstützen sich gegenseitig, anstatt sich als Konkurrenz zu betrachten. Zuletzt Jahr gab es eine große Welle, als die Top Charts der großen Radiostationen raus kamen und es darin keine einzige Künstlerin gab, alles nur Männer. Das hat für viel Diskussionen gesorgt, Künstlerinnen haben das Gespräch gesucht und im Radio Interviews gegeben. Es gab aber auch viele von den typischen Kommentaren, die man erwarten würde: du bist doch nur neidisch, dann musst du halt bessere Musik machen… Aber diese Zahlen zu sehen war wirklich schockierend. Wenn man sich dagegen die Charts in UK, den USA und Schweden ansieht, dort sind Frauen viel präsenter. 

Es ist wichtig, dass es solche Bewegungen gibt! Man muss immer in Bewegung bleiben. Erst kürzlich habe ich gelesen, dass Ende der sechziger Jahre der Ehemann noch berechtigt war, den Job seiner Frau zu kündigen. Das ist gerade mal 50 Jahre her. 

Ich denke es geht viel um Bewusstsein. Und ich glaube, das Bewusstsein für diese Themen wächst immer noch und muss es weiter tun. Das ist wichtig für jeden, aber vor allem auch für Frauen selbst. Sich bewusst zu machen: was fühlt sich für mich selbstverständlich an? Und was kann ich als Frau nicht so ohne weiteres tun, und aus welchen Gründen? Ist es eine Sache der Tradition? Der Kultur? Kulturelle Hintergründe beeinflussen immer noch sehr was wir denken tun zu können und was nicht. 

Da hast du absolut recht. Ich glaube ja, dass gerade Frauen immer noch lernen müssen, dass wir weiter über diese Themen sprechen müssen. Ohne dass es anstrengend wirkt oder man als die super harte Feministin rüber kommt, die nicht in der Lage ist, „die Dinge mal locker zu sehen“.

Für mich fängt alles bei mir selber an. Welche Fragen stelle ich mir selbst? Welche Zweifel habe ich? Das zeigt mir, wo ich her komme, aus welcher Kultur ich stamme. Es geht mir da nicht so sehr um Politik, sondern wie gesagt mehr um Bewusstsein, Selbsterkenntnis. Es ist eine Frage der Mentalität. Ich spüre das in meinem eigenen Kopf, meinen eigenen Gedanken, meinem Körper. Wenn ich mir meine Zweifel ansehe, dann erzählen sie eine ganze Geschichte darüber, wie ich mich als Frau selbst sehe. Wenn ich da tiefer rein gehe, wenn ich mich frage: warum macht mir das Angst? Warum denke ich, das wäre ein Fehler? Dann wird es interessant. Es ist vielleicht gar nicht so relevant, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Interessant ist doch, was für eine Art von Künstler*in man ist. Man möchte etwas Interessantes erschaffen. Im Zuge dessen muss man sich fragen, ob es Dinge gibt die einen davon abhalten, sich so auszudrücken, wie man sich eigentlich fühlt. Und wenn es heutzutage immer noch Dinge gibt, die dich als Frau davon abhalten, dann ist das relevant! 

Foto © Anna Maria Kabana

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