
Über 180 Musiker und Musikerinnen aus den verschiedensten Gewerken und Ländern kamen letzte Woche in Berlin zusammen. Das PEOPLE Festival, gegründet von Justin Vernon (Bon Iver), den Brüdern Bryce und Aaron Dessner (The National) sowie den Betreibern des Michelberger Hotels, gab ihnen zum zweiten Mal die einmalige Möglichkeit, eine Woche lang gemeinsam neues Material, neue Konstellationen und neue Performances zu schaffen. Und das an einem geschichtsträchtigen Ort, der rein für sich schon die pure Inspiration ist: dem Funkhaus in der Nalepastraße.
Zum Wochenende hin öffnete dieses dann seine Türen dem Publikum, das die Früchte dieser besonderen Arbeit erleben durfte. Und auch das ist ein Erlebnis, das sich schwer mit anderen Festivals vergleichen lässt. Tagsüber wurden die Zuschauer*innen in sechs Gruppen eingeteilt, innerhalb derer sie einem individuellen Fahrplan folgen mussten. Vier Blöcke Musik durfte jeder auf diese Weise erleben, zwei im großen Saal des Funkhauses, einen in Saal 2 und einen verteilt auf die fünf Aufnahmestudios des Hauses.
Was hinter den jeweiligen Türen passieren würde, blieb dabei eine Überraschung. Die Namen der teilnehmenden Künstler*innen waren bekannt, zahlreiche bekannte Namen sind dabei: allen voran die Dessner Brüder, Ben Howard, Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe von den Kings of Convenience, die französische Neo-Chanson-Sängerin Saho de Sagazan, Woodkid oder Caspar Clausen von der dänischen Band Efterklang sind nur ein paar, die auf den ersten Blick herausstechen. Wer aber letztendlich auf der Bühne stehen wird, ist für jede Gruppe zu jeder Zeit an jedem der beiden Tage unterschiedlich.

Es ist also kein Festival, das man besuchen sollte, wenn man jemanden Bestimmtes unbedingt sehen möchte. Oder wenn man grundsätzlich ein großes Problem mit FOMO hat. Dann könnte man leicht den ganzen Tag unter Stress stehen, weil Gruppe 3 vielleicht gerade den intimen Auftritt der Kings of Convenience erwischt hat, den man selbst so gerne erlebt hätte. Beim Warten auf den Einlass für den nächsten Slot (wir werden darauf zurückkommen), sinniert jemand, die Namen auf dem Programmheft studierend, ob es dann nicht sogar Sinn machen würde, die Teilnehmenden überhaupt nicht vorab anzukündigen.
Der Gedanke ist gar nicht so weit hergeholt. Wenn ein Festival im Vorfeld mit bestimmten Namen wirbt, dann liegt natürlich nahe, dass man diese auch sehen möchte. Und überhaupt gar nicht zu wissen, wer hinter der nächsten Tür, auf der nächsten Bühne auf einen wartet, das wäre doch die ultimative Überraschungs-Experience. Aber irgendwie müssen die Tickets ja auch verkauft werden.
Auf der anderen Seite macht aber genau das den Reiz des PEOPLE Festivals aus: einen Raum zu betreten, ihn zu sondieren, die bereits auf einen dort wartenden Performer auf bekannte Gesichter zu scannen. Dieses Wiedererkennen, das Bestaunen der neuen Konstellationen, zu sehen, dass in der Zwischenzeit vielleicht ein komplettes Orchester aufgebaut wurde – das verursacht schon ein ganz besonderes Kribbeln. Hinzu kommt das Wissen, dass die meisten Künstler*innen das PEOPLE Festival nicht nutzen, um ihre “größten Hits” zu spielen, sondern um neues, meist unveröffentlichtes Material zu testen.
Und dann gab es ja auch noch an beiden Abenden die Show im großen Saal, deren Programm kurz vorher bekannt gegeben wurde. Das machte es einem dieses Jahr möglich, gezielt Acts wie The National, Ben Howard, Efterklang und Moses Sumney auf jeden Fall zu erleben. Darüber hinaus gab es zwei Tage lang durch das Zufallsprinzip die Möglichkeit, viele neue Künstler*innen zu entdecken.
Dabei fiel besonders positiv auf, dass das Line-Up noch eine Spur internationaler zusammengesetzt schien als bei der ersten offiziellen Ausgabe im Jahr 2018. Es wurde in zahlreichen Landessprachen gesungen und diverse musikalische Stile miteinander vereint. Eine echte Entdeckung waren dabei zum Beispiel die französische Sängerin Clara Ysé und die italienische Musikerin Daniela Pes. Beide traten mehrfach auf, dabei auch einmal gemeinsam, begleitet von einem Streichquartett, spielten mit alten Volksliedern oder sangen in Fantasiesprachen. Momente wie diese sind es, die das PEOPLE Festival so besonders machen.

Oder als Angie McMahon gemeinsam mit den Dessner-Brüdern auftrat und den gesamten Saal 1 zum Tanzen und Jubeln brachte. Etwas ruhiger ging es dagegen bei Erlend Øyes traditionellen Folk-Circle zu – wobei es hier Øye selbst war, der irgendwann mit wildem Körpereinsatz anfing zu tanzen und das Publikum damit ansteckte.. In den Aufnahmestudios entfaltete sich eine zum Teil unbeschreibliche Magie. Es fühlte sich regelrecht privilegiert an, dabei sitzen und lauschen zu dürfen, wie Bartees Strange auf seiner Gitarre neue Melodien ausprobierte.
Der einzige Wermutstropfen: man musste sich diese besonderen musikalischen Erlebnisse teilweise hart erkämpfen. Zwischen den verschiedenen Sets kam es immer wieder zu Verzögerungen und damit zu langen Wartezeiten vor den Sälen, die man oft auch noch eng gedrängt in der Menge verbringen musste. Man muss es den Organisatoren schon zugute halten, dass es direkt im Wartebereich zu Saal 1 und 2 zumindest eine Bar gab. Aber wenn dieser Raum erst einmal eng gefüllt war, war auch zu dieser kein Durchkommen mehr.
Im Vergleich zu der Zeit, die man mit Warten und Anstehen verbrachte, kamen einem manche Sets erschreckend kurz vor. Um vier Stunden Musik zu erleben, musste man viel Geduld und einen ganzen Tag einplanen. Zum Glück gaben einem die meisten Sets das Gefühl, dass es das am Ende wert war.
Es fällt schwer, überhaupt etwas zu kritisieren, da das PEOPLE Festival ohne Frage ein logistischer Albtraum sein muss. Es ist allein aus der Liebe zur Kunst entstanden und steht rein im Dienste dieser. Das vielleicht unkommerziellste, unzynischste Festival, das in der heutigen Musiklandschaft zu finden ist. Alle teilnehmenden Künstler*innen strahlten geschlossen eine außergewöhnliche Freude über dieses Format aus, über diese Chance, sich mit anderen verbinden und neue Wege gehen zu können.
Vielleicht könnte sich ja für die Zukunft eine Möglichkeit entwickeln, das Publikum noch stärker an diesem Prozess teilhaben zu lassen. Durch ein Open House während der Probewoche, noch mehr kleinen Pop-Up Konzerten während des Festivals oder musikalische Führungen durch die ungewöhnlichen Räumlichkeiten. Das PEOPLE Festival ist auf jeden Fall ein Festival der Hoffnung, auf dessen Nährboden hoffentlich noch sehr viel Fruchtbares entstehen wird.
Fotos © Rozek
