HAAi im Interview: „Ich plädiere jederzeit dafür, in den Club zu gehen, wenn es das ist, was du gerade brauchst!“

Manchmal fällt es schwer, angesichts des Zustands unserer modernen Welt nicht zu verzweifeln. Technologien entwickeln sich in schwindelerregendem Tempo, unser Leben wird immer stärker digitalisiert, und täglich entstehen neue Arbeitsbereiche, in denen menschliches Zutun nicht mehr nötig ist.

Das sind die allgemeinen, uns alle betreffenden Probleme und Fragen, mit denen wir uns jeden Tag auseinandersetzen müssen. Und dann gibt es noch die persönlichen. In meinem Fall ist es das zunehmende Alter, an das ich ständig erinnert werde. Daran, dass manche meiner Gelenke nicht mehr ganz so funktionieren wie früher. Dass meine Hormone mich mitten in der Nacht aufwecken und mein Gehirn beschließt, dass halb drei morgens ein hervorragender Zeitpunkt ist, um über die To-dos des kommenden Tages nachzudenken.

Durch diese Erfahrung habe ich den Dancefloor als eine Art Bewältigungsstrategie wiederentdeckt: als einen Ort, an dem ich mich mit anderen Menschen verbunden fühle und gleichzeitig vollkommen bei mir selbst sein kann. Wer glaubt, Clubs seien ausschließlich etwas für junge Leute, liegt falsch. Es gibt nur wenige Orte, an denen mein Alter keine Rolle spielt, auch nicht wer ich bin oder was ich hier mache. Gemeinsam zu tanzen ist für mich die ultimative menschliche Erfahrung. In den vergangenen Jahren hat sie mir enorm dabei geholfen, sowohl meine psychische als auch meine körperliche Gesundheit zu bewahren.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die in London lebende Musikerin, Produzentin und DJ Teneil Throssell alias HAAi „HUMANiSE“, ein Album, das sich mit der Reibung zwischen dem Menschlichen und dem Digitalen und der Frage beschäftigt, ob sich beides in Einklang bringen lässt. Nun ist mit „DIGITiSE“ der Nachfolger erschienen. Er greift diese Fragen nicht nur inhaltlich auf, sondern knüpft auch musikalisch an „HUMANiSE“ an und bringt HAAi dorthin, wo sie ebenso Zuhause ist: auf den Dancefloor.

Und genau hier kreuzen sich unsere Wege, im perfekten Moment. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihr begegnen durfte. Im letzten Jahr hatte ich das Glück, zu ihrem Set beim ersten Abend der USB002 Tour von Fred again.. in Glasgow tanzen zu dürfen. Seitdem freue ich mich darauf, sie endlich auf ihre abgefahrenen Dance Moves ansprechen zu können.

Darüber hinaus unterhalten wir uns über den Dancefloor als Ort der Verbindung und Heilung, darüber, wie ihre Arbeit als DJ die als Produzentin, Musikerin und Live-Performerin beeinflusst, und natürlich über ihr neues Album „DIGITiSE“, das sich als weit mehr als eine Remix-Version von HUMANiSE entpuppt hat. Wenn man HAAi persönlich begegnet, bekommt man ein echtes Gefühl dafür, warum die Welt der elektronischen Musik so warm und einladend ist.

Ich habe dich letztes Jahr gesehen, als du mit Fred again.. bei seiner allerersten USB-Show in Glasgow gespielt hast. Ich weiß noch, dass ich dachte: Sie hat echt ein paar ernsthafte Dance Moves drauf!

Ah, yay! (lacht) Ich musste an dem Abend ordentlich Dampf abloassen. Eigentlich sollte ich erst ein komplettes Set spielen und danach noch back-to-back mit Fred auflegen. Mein Flug sollte in Glasgow landen, aber wegen des Sturms wurde er nach Edinburgh umgeleitet. Wir dachten, es wäre noch genug Zeit, wenn wir einen Fahrer nehmen, der uns vom Flughafen in Edinburgh nach Glasgow bringt. Das dauert etwa eine Stunde. Es schien also nicht weiter dramatisch. Aber der Sturm war so schlimm, dass wir das Flugzeug nicht verlassen konnten. Leider gab es auch keine Möglichkeit, mit einem der anderen DJs zu tauschen. Also habe ich einen großen Teil meines Sets verpasst, was echt blöd war. Aber na ja, heute ist es eine gute Geschichte. Fred und ich konnten immerhin noch unser Back-to-Back-Set spielen. Als ich schließlich da war, hatte ich auf jeden Fall eine Menge Energie loszuwerden. Mein Album war gerade erschienen, es war eine Show vor 10.000 Menschen … an diesem Tag kamen viele große Gefühle zusammen. Ich dachte nur: Wenn ihr glaubt, dass ich das verpasse, habt ihr euch geschnitten! (lacht) Am Ende war es aber eine richtig tolle Nacht. Zur Feier des Tages hatte ich auch definitiv ein paar Drinks

„Ich wollte, dass es eine Art Momentaufnahme von mir als DJ ist“

Nach der Show habe ich viel „HUMANiSE“ gehört und war überrascht, wie songorientiert das Album ist, verglichen damit, wie du auflegst. Mit dem neuen Album hast du dafür jetzt die Energie deiner DJ-Sets eingefangen. Du hast also diese beiden Seiten, das ist ziemlich cool.

Ich bin so froh, dass du das sagst! Denn genau das hatte ich mit „DIGITiSE“ von Anfang an vor. Ich wollte die warmen, vertrauten Elemente von „HUMANiSE“ beibehalten, sodass das Album auf gewisse Weise damit verbunden bleibt, aber dass es gleichzeitig eine Art Momentaufnahme von mir als DJ ist. Das wollte ich in meiner Produktion einfangen, ohne mich auf ein Genre festzulegen. Als DJ bin ich schwer einzuordnen. Wenn mich jemand fragt: „Welche Musik spielst du?“, denke ich: „Irgendwie von allem ein bisschen …?“ Genau das wollte ich auf diesem Album festhalten. Es ist ein bisschen so, wie du eins meiner langen Sets erleben würdest – nur natürlich in komprimierter Form. Es nimmt die Leute mit auf eine kleine Reise. Das hat mir beim Produzieren besonders viel Spaß gemacht. Ich baue einige dieser Tracks auch gern in meine Sets ein.

Es gibt viele Momente, die einen zu „HUMANiSE“ zurückführen, aber es in einen anderen Kontext bringen. Wie kleine Überraschungen, die hier und da auftauchen. Das unterscheidet das Album meiner Meinung nach von einem reinen Remixalbum.

Ja! Ich wollte nicht, dass es sich wie ein Remixalbum anfühlt. Angefangen hat es als solches, aber dann wurde daraus etwas, das irgendwie viel mehr ist. Ich habe einige der vertrauten Momente mit hineingenommen. Der Großteil von „HUMANiSE“ ist nicht unbedingt dafür gedacht, im Club gespielt zu werden. Das Album ist eher fürs Zuhause-Hören gedacht, mehr zum Zuhören als zum Tanzen. Aber es gab Stellen, bei denen ich dachte: Das würde im Club definitiv funktionieren. Und ich wusste, dass die Leute manche dieser Stücke bei meinen Sets hören wollten. Bei „DIGITiSE“, dem Song, war es spannend zu beobachten, wie die Leute darauf reagiert haben, bevor er veröffentlicht wurde, wenn ich ihn aufgelegt habe. Ich habe mich gefragt, ob sie den Track einfach mochten oder ob sie ihn mochten, weil sie darin die vertrauten Elemente von „Shapeshifter“ wiedererkennen konnten. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem.

Mit den beiden Alben bekommt man also einmal HAAi für zu Hause und einmal HAAi für den Dancefloor.

Ganz genau! Nimm mich einfach überall hin mit!

Ich liebe den Anfang des Albums. Für diese Art von „Dancefloor-Gebeten“ bin ich sehr empfänglich.

Das freut mich sehr! Dieser Track ist etwas ganz Besonderes. Ich wollte, dass er sich mit dem Ende des letzten Albums verbunden anfühlt. Dieses warme, umarmende Gefühl, das „HUMANiSE“ hatte, sollte auch in den Auftakt der Geschichte dieses Albums einfließen.

Der Track soll einen auf das vorbereiten, was kommt, sich aber trotzdem angenehm und menschlich anfühlen – als würde man an die Hand genommen.

Das Album beginnt sehr emotional und endet ebenso emotional – beides fühlt sich definitiv wie eine Umarmung an!

Ja! Ich weiß auch nicht. Ich bin einfach ein Softie. Auch auf dem Dancefloor möchte ich, dass die Menschen sich verbunden fühlen, dass es diese Momente gibt, in denen man sich mit seinen Freund*innen in den Armen liegt. Es war auch spannend zu sehen, wie etwas eine völlig andere Wirkung entfalten kann, wenn es von jemand anderem gesungen wird. Dieser Kinderchor, diese Kinder … in ihren Stimmen steckt so viel Hoffnung. Ich war tatsächlich schon sehr gerührt, als ich den Track („Talking Walls“) im Club gespielt habe. Er ist wirklich etwas Besonderes.

„Ich plädiere jederzeit dafür, in den Club zu gehen, wenn es das ist, was du gerade brauchst!“

Der Dancefloor ist ein Ort der Heilung, oder?

Absolut. Ich plädiere jederzeit dafür, in den Club zu gehen, wenn es das ist, was du gerade brauchst!

Ich habe selbst erst wieder angefangen, in Clubs zu gehen, seit ich in den Wechseljahren bin. Ich habe das Gefühl, dass es mir hilft, damit umzugehen. Meistens gehe ich allein, oft nur für ein paar Stunden. Ich trinke nichts, tanze und gehe dann nach Hause schlafen.

Das ist so cool! Genau dafür ist es doch da! Weißt du, was ich meine? Ich glaube, genau darum geht es. Toll, dass du das machst. Ich freue mich wirklich, das zu hören, denn gerade für uns Frauen – besonders wenn sich unser Körper verändert und solche Dinge mit uns passieren – ist es großartig, etwas zu finden, das uns wieder mit uns selbst verbindet. Und ich glaube, der Dancefloor kann genau das ermöglichen.

Und ich muss sagen: Ich liebe DJs, die von Anfang bis Ende auflegen.

Oh ja! Das ist mein Lebenselixier. Meine Geheimzutat! (lacht) Weißt du, ich habe als DJ mit solchen Open-to-Close-Sets angefangen. Ich kannte es jahrelang gar nicht anders. Damals habe ich ausschließlich Platten aufgelegt, weil ich nur darauf Zugriff hatte. Ich hatte mir über die Jahre, in denen ich in Bands gespielt hatte, eine Plattensammlung aufgebaut. Also dachte ich: Ich habe Platten, also lege ich damit auf. Und dann habe ich bei jedem Auftritt sechs Stunden gespielt. Das war für mich von Anfang an ganz normal. Ich glaube, dadurch hat sich mir das Auflegen die ganze Nacht hindurch regelrecht eingeprägt. Und ich denke, das hat mich zu einer bestimmten Art von DJ gemacht.

Schon als ich die erste Platte auflege, bin ich extrem auf das Publikum fokussiert und darauf, welcher Track die Leute zum Tanzen bringen. Man muss sich darauf einstellen, was die Menschen hören wollten, und das hat mich als DJ stark geprägt. Demnächst steht in New York wieder ein Zehn-Stunden-Set an. Wenn ich so etwas ganz bewusst plane, freue ich mich riesig darauf. Ich glaube aber auch, dass das Publikum es mag, weil es weiß, dass es für die nächsten Stunden ganz in diesen Abend eintauchen kann.

Absolut! Und man baut ein Set dann auch ganz anders auf, oder?

Auf jeden Fall.

„Es gibt immer eine Platte, die man in solchen Sets spielt, die alle miteinander verbindet“

Ich liebe es besonders, direkt zum Anfang eines Sets zu kommen.

Es liegt dann so eine besondere Magie im Raum. Es gibt immer eine Platte, die man in solchen Sets spielt, die alle miteinander verbindet. Diesen Moment zu finden, wenn die Nacht langsam Fahrt aufnimmt, das ist eine meiner Lieblingsseiten an diesem Job. Diese kleinen Augenblicke, die zu einer bleibenden Erinnerung werden. Aber so sehr ich es liebe, von Anfang bis Ende aufzulegen, gehört zu meiner Arbeit auch, neue Künstler*innen zu unterstützen und ihnen eine Plattform zu geben. Gerade wenn ich in anderen Städten auf der ganzen Welt spiele, möchte ich natürlich diese superlangen Sets spielen. Gleichzeitig will ich aber auch lokale Leute einbeziehen. Ich suche nach Wegen, beides miteinander zu verbinden. Das wird im nächsten Jahr ein großes Thema für mich sein.

Zehn Stunden!!!

Oh ja! Eine Zeit lang dachte ich, acht Stunden wären mein Sweet Spot. Aber dann habe ich diese Zehn-Stunden-Sets gespielt und dachte: Verdammt, ja! Es hat viel mit Zurückhaltung, Spannung und Entladung zu tun. Ich trinke beim Auflegen gern mal ein paar Drinks oder Shots. Bei so langen Sets kann man damit allerdings nicht zu früh anfangen, denn man will ja nicht zu betrunken sein. (lacht) Es ist aber auch anstrengend! Alkohol macht müde. Wenn man wirklich durchhalten und nach zehn Stunden das Gefühl haben will, noch weitermachen zu können, muss man sich die Kräfte gut einteilen. In jeder Hinsicht: musikalisch, aber auch bei dem, was man zu sich nimmt, all das. Das ist unglaublich wichtig, denn man möchte mit dem, was man tut, im Einklang bleiben.

Wie beeinflusst es den Aufbau deiner DJ-Sets, dass du deine eigene Musik produzierst? Hat das etwas daran verändert?

Auf jeden Fall. Ich würde sagen, dass sich beides gegenseitig beeinflusst hat. Dass ich Musikerin bin, hat meine Art aufzulegen stark geprägt, vor allem dieses Spiel mit Spannung und Steigerung. Bevor ich DJ wurde, habe ich in Shoegaze- und Psychedelic-Bands gespielt, solche Sachen. Dabei ging es oft darum, auf diesen einen einen Moment hinzuarbeiten. Ich glaube, genau das habe ich in mein DJing übernommen. Es ist wirklich schön, dass ich diesen Job machen und auch auflegen kann, denn ich weiß sehr genau, wie sich dieser Moment anfühlt. Ich kenne ihn aus der Perspektive der Musikerin und weiß auch, wie er sich als DJ anfühlt. Diese Erfahrung in die Musik einfließen zu lassen, während man sie produziert, ist wirklich toll.

Und du spielst ja auch live!

Das stimmt! (lacht) Das ist wieder eine ganz andere Erfahrung. Eine Liveshow auf die Beine zu stellen, kann unglaublich stressig sein. Meine Live-Auftritte sind meistens einmalige, große Veranstaltungen, bei denen viel auf dem Spiel steht. Man denkt also: Das muss funktionieren, denn wir bekommen keine zweite Chance. Ich finde, man muss aber auch dafür sorgen, dass genug Raum für Fehler bleibt und man sich bei dem, was man tut, menschlich fühlen kann. Gleichzeitig muss alles sitzen, damit man eine gute Show für die Leute spielen kann, ohne zu nervös zu sein. Auch bei Live-Auftritten hast du Blickkontakt mit dem Publikum, aber auf eine ganz andere Weise. Die Leute hören aktiv zu. Anders als beim DJing, wo sie dir durch ihre Bewegungen, dadurch dass sie die Hände in die Luft werfen oder Zurufe zeigen, dass sie dabei sind. Da gibt es eine Art Wechselspiel mit dem Publikum.

Bei einem Live-Auftritt bist du zwar auch eng mit den Menschen verbunden, aber es ist interessant, dass alle ganz still sind, bis du fertig bist. Das hatte ich vergessen, bis ich wieder angefangen habe, live zu spielen. Ich dachte, die Leute mögen es einfach nicht! (lacht) Es war so still! Aber dann war der Song zu Ende und alle haben gejubelt. Obwohl es bei beidem darum geht, Musik mit Menschen zu teilen, sind es als Performerin zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen. Beide Seiten geben mir so viel, ich liebe es einfach. Ich denke oft, wie unglaublich glücklich ich mich schätzen kann, dass ich das machen darf und dass das mein Leben ist.

Du machst die digitale Erfahrung definitiv menschlicher!

 (lacht) Buchstäblich!

„DIGITiSE“ von HAAi ist über ihren Webshop erhältlich.

Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt. Das Original lest ihr hier.