Warum The 1975 mit „A Brief Inquiry Into Relationships“ einfach alles richtig machen

Meine erste bewusste Begegnung mit The 1975 war eine eher irritierende. Es war vor einem paar Jahren auf einem Festival, als die Band aus Manchester rund um den ganz offensichtlich sehr hübschen, sehr extrovertierten Matthew Healy noch keinen Headliner Status genoss und sich während eines Nachmittags-Slot in der prallen Sonne so richtig ins Zeug legte. Der Name zusammen mit dem visuellen Auftritt der Jungs – irgendwie hatte ich sie, ohne mich je näher mit ihnen beschäftigt zu haben, als eine der zigsten Neuauflagen der Strokes abgespeichert, wenn nicht -getan. Zu viele Bands mit hübschen Kerlen und einem The am Anfang auf diesem Planeten.
Und dann dieser Auftritt – diese neuerdings unglaublich gehypte Band, war sie etwa eine bessere Boyband Combo? Dieser Bombast Pop-Sound, dazu ein spackeliger Frontmann mit offenem Hemd und überdimensionalem Brust-Tattoo. Irgendwie passte das alles nicht so richtig zusammen. Ich habe es dann auch ehrlich gesagt nicht mehr weiter verfolgt und eher als „not my cup of tea“ abgetan, obwohl ich durchaus ein Faible für richtig guten Pop habe. Insgeheim dachte ich damals schon: na ja, vielleicht kommt er ja noch, der Punkt, an dem sich mir das so richtig erschließt.
Er kam, wenn auch tatsächlich erst im letzten Jahr. Es war als Lorde während ihrer „Melodrama-Tour“ eine entzückende Coverversion von „Somebody Else“ zum Besten gab und dazu so wahnsinnig niedlich erzählte, wie sehr sie das letzte Album von The 1975 geliebt hat und wie sehr es ihre Arbeit an „Melodrama“ beeinflusst hat. Okay, wenn Lorde das sagt, dann ist vielleicht doch was dran. Und ja, wenn man hört wie Lorde ihn singt, dann kann man nicht verleugnen, dass das ein ziemlich guter Song ist.
Aber dann dieser Albumtitel – „I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It“. Ich muss mich immer wieder ein bisschen zusammen reißen, um mich nicht von dieser gewissen Over The Top Poshness abschrecken zu lassen. Aber irgendwas muss mich am Ende doch so gereizt haben, dass ich mich mehr oder weniger zu meinem musikalischen Glück gezwungen habe. Und wenn man das tut, dann bleibt unweigerlich eine Menge hängen. Ein wirklich ausgezeichnetes Songwriting was große, eingängige Popmelodien angeht. Ein unleugbares musikalisches Know-How, was popkulturelle Inspiration und Querverweise betrifft. Und für eine gewisse Form von Größenwahn bin ich ja eigentlich auch immer zu haben.
Diese etwas unfein wirkende Formulierung, die meiner süddeutschen Herkunft geschuldet sei, trifft The 1975 vielleicht am besten auf den Kopf: die scheißen sich nix. Sie hauen Dir den Bombast um die Ohren, den cheesy Gesang, die Gitarren und die Soundfrickeleien. Wie sie gerade lustig sind. Geradlinig ist das bei aller Eingängigkeit im gesamten irgendwie nicht. Und um das so abzuliefern, ohne dass es am Ende einfach nur gewollt wirkt, bedarf es, das darf man nicht vergessen, vor allem eins: eine Menge musikalisches Talent.
Das frisch erschienene, dritte Studioalbum der Band hat einen nicht ganz so sperrigen Titel wie das letzte, ein bisschen gewollt kommt er trotzdem wieder daher: „A Brief Inquiry Into Online Relationships“. Gut, The 1975 sind auch ein Kind ihrer Zeit, wenn man sich also von jemandem etwas über Online Relationships erzählen lassen will, dann wahrscheinlich von dieser Gruppe Endzwanziger Knaben. Die kennen sich in der Regel besser damit aus als ich alte Schachtel.
The 1975 gehen auf ihrem neuen Album einen entscheidenden Schritt weiter, und zwar in die komplett richtige Richtung. Alles noch ein bisschen poppiger, noch ein bisschen bombastischer, aber auch noch verschrobener, noch vielseitiger und mutiger. Und auch wenn nach wie vor alles  ein bisschen gewollt wirkt, erscheint die musikalische Vielfalt auf „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ dann doch erstaunlich organisch. Es gibt die ganz großen Popnummern, die gemacht sind für die Heavy-Radio-Rotation („It’s Not Living (If It’s Not With You)“, „TOOTIMETOOTIMETOOTIME“), herrlich schmalzige Balladen, mal zurückhaltend („Be My Mistake“) mal mit nahezu Las Vegas-haftem Schmelz vorgetragen („Inside Your Mind“), eine Spur von Lounge-Jazz („Mine“) und einen Hauch von R’n’B, der bestimmt sogar Prince gefallen hätte („Sincerity Is Scary“). Ich persönlich mag es immer besonders, wenn die große Emotion ins verspielte Electro-Gewand gekleidet wird („How To Draw/Petrichor“). Vocoder und go! Was soll’s.
„A Brief Inquiry Into Online Relationships“ ist kein Album das einen einlullt, es schlägt Haken und Kapriolen und legt so gar keinen Wert darauf in irgendeine Schublade zu passen. Gleichzeitig beweisen The 1975 damit, dass sie wahrscheinlich die spannendste und talentierteste Popband sind, die es aktuell zu hören gibt. Ich habe, was das angeht, inzwischen jegliche Gewissenskonflikte über Bord geworfen.

VÖ: 30.11.2018

Gehört von: Gabi Rudolph

www.the1975.com