Broken Social Scene: „Freundschaft ist nichts Dauerhaftes. Aber sie ist der größte Protest, den wir in diesen Zeiten haben“

„Wir sind zurück!“, ruft Kevin Drew, als sein Gesicht auf meinem Bildschirm aufpoppt. Er meint seine Band Broken Social Scene. In den vergangenen zehn Jahren haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Wir haben uns über Skype getroffen (als das noch ein Ding war), auf Festivals, Backstage, in Restaurants und über Zoom, das seit der Pandemie zum bevorzugten Kommunikationsmittel geworden ist. Also diesmal wieder: Zoom.

Jedes Mal, wenn wir beruflich miteinander gesprochen haben – was zwischen all dem persönlichen Aufholen immer schwieriger geworden ist –, ging es um seine Soloarbeit. Zum ersten Mal können wir endlich über neue Musik von Broken Social Scene sprechen. Das ist etwas Besonderes. Broken Social Scene existieren seit den frühen 2000ern in unterschiedlichsten Besetzungen. Mitglieder haben die Band verlassen, um Solokarrieren zu verfolgen, doch alle – darunter Künstlerinnen und Künstler wie Leslie Feist, Lisa Lobsinger, La Force und Metric-Frontfrau Emily Haines – kehren immer wieder zurück.

Es ist eine besondere Freundschaft, die einige der renommiertesten Künstlerinnen und Künstler der kanadischen Musikszene zusammenhält. Dahinter steckt ein echtes Konzept, das auf dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe basiert – etwas, über das Kevin Drew sehr leidenschaftlich und lautstark spricht, besonders in einer Welt, die sich immer stärker um Spaltung, Provokation und Ragebait dreht. Wenn Drew und Broken Social Scene für irgendetwas stehen, dann könnte man es vielleicht „Lovebait“ nennen. Sicherlich war es kein Zufall, dass das neue Album den Titel „Remember the Humans“ trägt. Menschlichkeit ist der Boden, auf dem diese Band gedeiht. Ich habe Drew einmal ein Shirt mit der Aufschrift „Hug Dealer“ geschenkt. Fast zehn Jahre später erzählt er mir, dass er dieses Shirt immer noch regelmäßig trägt.

„Es gab viel Verlust und gleichzeitig viel Freude darüber, wieder zusammen zu sein.“

Apropos zehn Jahre – so lange liegt inzwischen auch das letzte Broken-Social-Scene-Album „Hug of Thunder“ zurück. „Das war nicht so geplant“, erzählt er mir. „Natürlich gab es eine weltweite Pandemie. Aber ich glaube auch, dass wir mit dieser Band einen Punkt erreicht hatten, an dem wir dort waren, wo wir sein wollten. Um weiterzumachen, mussten wir es zu unseren eigenen Bedingungen tun. Es herrscht eine gewisse Zurückhaltung, wenn wir zusammenkommen, weil mit dieser Band immer viele Kompromisse verbunden sind. Aber wir haben 2023 angefangen aufzunehmen. Wir kamen alle zu mir nach Hause und dachten: Schauen wir mal, was passiert. Songs wie ‚Mission Accomplished‘ und ‚Paying for Your Love‘ sind aus diesen Sessions entstanden.“

Doch dann kam das Leben dazwischen. Kevin Drews Mutter starb. Darauf folgte eine neunmonatige Phase, in der die Band nicht zusammenkam. Der Funke, der alles wieder entzündete, kam in Form eines alten Freundes. David Newfeld hatte das legendäre Durchbruchsalbum „You Forgot It in People“ produziert, ebenso wie das selbstbetitelte Album der Band von 2005. Nach mehr als zwanzig Jahren kreuzten sich die Wege von Drew und Newfeld erneut, und die Band begann, in Newfelds Studio zu arbeiten. „Nur ein bisschen“, grinst Drew.

Aber auch danach verlief nicht alles geradlinig. Kurz nach dem Tod von Drews Mutter starb auch David Newfelds Mutter. „Das Leben ging einfach weiter“, sagt Drew. „Es gab viel Verlust und gleichzeitig viel Freude darüber, wieder zusammen zu sein. Weil alle irgendwie verstreut leben, hat es gedauert, alle in einen Raum zu bekommen. Außerdem arbeitet David Newfeld gerne individuell mit Menschen, damit er sich ganz auf sie konzentrieren kann. Im Februar 2025 hatten wir das Gefühl, fertig zu sein, und dann haben wir fast ein Jahr an den Mixes gearbeitet.“

Mich fasziniert, wie diese große Gruppe von Menschen es immer wieder schafft, zusammenzufinden. Erwachsene Leben sind schwer zu koordinieren und zu synchronisieren. Dieses starke Gefühl von Freundschaft, das die Kernmitglieder von Broken Social Scene und die vielen Künstlerinnen und Künstler verbindet, die immer wieder Teil der Band sind und waren, wirkt auf mich ziemlich einzigartig in dieser Branche. Es fühlt sich nach einem sehr warmen, einladenden Ort an, sage ich. „Vielleicht magst du uns genau deshalb“, lächelt Drew.

„Freundschaft ist nichts Dauerhaftes. Aber sie ist der größte Protest, den wir in diesen Zeiten haben.“

Und das stimmt tatsächlich. Drew und ich sind ungefähr im gleichen Alter und haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich glaube fest daran, dass ehrliche menschliche Nähe der einzige Weg ist, langfristig zu überleben. Und es ist selten, solche Erfahrungen und Werte in Musik vereint zu sehen. Drew stimmt mir zu.

„Wenn wir auf unsere gemeinsame Geschichte zurückblicken, ist sie unschlagbar. Diese Freundschaft ist sehr stabil. Wir haben uns gegenseitig vergeben für die Dinge, die wir getan haben. Wir haben uns gegenseitig gefeiert für die Dinge, die wir getan haben. Wir haben uns alle geliebt. Wir haben sogar versucht, Beziehungen miteinander zu führen. Und trotzdem sind wir immer noch hier. Freundschaft ist nichts Dauerhaftes. Aber sie ist der größte Protest, den wir in diesen Zeiten haben.“

Ebenso faszinierend ist, wie so viele erwachsene, kreative Individuen zusammenkommen und eine so starke Einheit bilden können. Drew sagte einmal, das Geheimnis ihres Zusammenspiels sei, dass niemals eine einzige Person die Kontrolle habe. Er erzählt mir, wie Leslie Feist ihren Song „What Happens Now“ mitbrachte, der für ihn eigentlich schon fertig klang. „Aber als wir anfingen, darauf aufzubauen, gab sie allen die Freiheit, einfach alles hinzuzufügen, was sie wollten.“

Erfordert das nicht enorm viel Mut – und ebenso sehr, sein eigenes Ego hinten anzustellen? frage ich. „Kontrolle loszulassen ist unglaublich schwierig“, sagt er. „Wir sind eine riesige Gruppe von Menschen. Das ist wirklich schwer. Aber wenn man es tut sind die Ergebnisse – nicht nur im Leben, sondern auch in der Kunst selbst – absolut überwältigend. Und dann geht es auch darum, Dinge hereinzulassen. Man erlaubt Menschen einfach, ehrlich zu sein in der Art, wie sie mit Melodien kommunizieren. Das war schon immer das Erfolgsgeheimnis dieser Band.“

„Es ist schön, einen eigenen Sound zu haben in einer Welt voller Lärm.“

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich ein neues Broken-Social-Scene-Album gleichzeitig wie Heimkommen und wie ein neues Abenteuer anfühlt. Die Produktion von „Remember the Humans“ ist unglaublich reichhaltig – so viele Schichten aus Gitarren, Drums, Keyboards und Bläsern. Aber die Qualität der Songs tritt trotzdem in einer sehr unschuldigen, reinen Form hervor. Wieder stimmt Drew zu: 

„Wenn wir uns hinsetzen und schreiben, haben wir einfach einen bestimmten Sound. Das sind wir. Es ist schön, einen eigenen Sound zu haben in einer Welt voller Lärm. Ich kann das sagen, weil ich selbst zuhöre. Ich lege meine Gitarre weg oder trete einen Schritt zurück und sehe den anderen beim Spielen zu. Und dann denke ich: Ja, hier gibt es eine Verbindung, die ist einfach… ehrlich.“

Dieses Gefühl von Vertrautheit, gepaart mit der Aufregung, neue Klanglandschaften zu entdecken, wurde sicher auch durch die Wiedervereinigung mit David Newfeld verstärkt, meint Drew. „Zwischen den Alben ist genug Zeit vergangen. Wir wussten, dass wir Risiken eingehen konnten. Aber wir wussten auch, dass wir mit David Newfeld immer dieses Zuhause haben würden, zu dem wir gehören. Und jeder, der uns kennt oder Zeit mit uns verbracht hat oder Teil unseres Lebens war, würde automatisch neurologisch zu diesem Erinnerungsgedächtnis zurückkehren – zu dem, wer wir sind.“

Das Leben als Indie-Künstler war wohl noch nie schwieriger – in einer Zeit, in der Streaming es fast unmöglich macht, von Musik zu leben, und die Livebranche sich immer noch nicht vollständig von der Pandemie erholt hat – und es vielleicht auch nie tun wird. Um ihre Musik wieder auf die Bühne zu bringen, haben sich Broken Social Scene mit zwei Bands aus ihrem engen Umfeld zusammengetan: Metric und Stars. Gemeinsam gehen sie diesen Herbst auf Tour. Ein Konzept, das die Bedeutung von Freundschaft betont, aber auch eine Möglichkeit ist, Tourneen für alle bezahlbarer zu machen.

„Ich liebe Metric so sehr dafür, dass sie das möglich gemacht haben!“, ruft Drew. „Ich glaube, es musste passieren, damit die Leute sehen, dass so etwas existiert. Ich war mir nicht sicher, ob wir die Tour nach Europa bringen könnten, weil alles so teuer ist. Es ist keine astronomische Rechnung. Aber trotzdem verlieren gerade sehr viele Menschen Geld in diesem Geschäft. Die Situation ist extrem schwierig und belastend für die Branche. Aber auch Promoter müssen in Touren wie diese investieren, um einen Ausgleich zum Mainstream zu schaffen.“

„Ich sage den Leuten: Bitte bring dich nicht um, wenn du 40 wirst.“

Wir sprechen viel über den Zustand der Welt. Leider und gleichzeitig zum Glück hat uns diesmal jemand ein Zeitlimit gesetzt. Aber die Themen, zu denen wir immer wieder zurückkehren, sind Freundschaft und Menschlichkeit. Die zentrale Frage, um die sich das Leben dreht, wenn man älter wird, lautet schließlich: Wie geht man mit all diesen schwierigen Erfahrungen um? Vor allem mit Verlust. Dem Verlust von Freundschaften, aber auch ganz buchstäblich von Menschen. Mit dem immer besorgniserregenderen Zustand der Welt. Mit schmerzenden Knochen. Wie überlebt man das alles, ohne sich davon auffressen zu lassen – und ohne dabei sein Mitgefühl zu verlieren?

„Ich spreche oft von der Angst, zu verhärten und kälter zu werden. Manchmal habe ich Sorge, dass mir das passiert ist. Dass mich Dinge nicht mehr so interessieren wie früher. Ich hatte immer ein gutes Gespür für Menschen, aber inzwischen erkenne ich einfach schneller, was los ist. Ich sage den Leuten: Bitte bring dich nicht um, wenn du 40 wirst. Vielleicht denkst du, es ist der einzige Weg. Aber macht einfach weiter. Für mich wurde es ab 40 erst richtig gut. Schwierige Dinge sind passiert, aber ich wusste, wie ich damit umgehen musste. Verlust ist Verlust. Ich habe geweint, ich habe getrauert, aber jedes Mal hat es mich lebendiger und stärker gemacht.“

Drew wirkt ziemlich aufgewühlt, wenn er über diese Dinge spricht. Das liegt daran, sagt er, dass er seine Mission kennt. „Und ich kenne die Moral hinter meiner Mission. Es geht um den Menschen. Darum, die Menschen zu erreichen. Ihr habt diese Jukebox der Heuchelei gebaut, auf der meine Musik läuft und ich nichts daran verdiene – und ich mache es trotzdem! Das ist eine Entscheidung, die ich treffe, damit ich die eine Person finden kann, die diese Musik braucht. Es ist ein narzisstischer Welleneffekt. Aber wenn ich nicht so denke – was mache ich dann überhaupt?“

Das Interview wurde ins Deutsche übersetzt. Die englische Version lest ihr hier.

www.brokensocialscene.com