
Als Marissa mit sechs Jahren ihre Mutter verliert, entscheidet sich ihr Vater dazu, die Forschungsarbeit seiner Frau fortzuführen. Der Meeresbiologe zieht mit seiner Tochter nach Thailand, um dort auf einer kleinen Insel, gemeinsam mit zwei Einheimischen und einer ständig wechselnden Gruppe aus jungen Wissenschaftlern, eine Forschungsstation aufzubauen. Dort trifft Marissa Arielle, die ihr so märchenhaft wie ihre Namensgeberin erscheint, und die beiden knüpfen eine enge Freundschaft.
Unter der Woche, wenn sie zur Schule gehen müssen, verbringen sie ihre Zeit in dem Luxushotel von Arielles Eltern. Am Wochenende leben sie auf der Insel, wo sie das Forscherteam auf ausgedehnten Tauchgängen begleiten. Als eingespieltes Team finden sie sich im Wasser fast besser zurecht als an Land, wo sie die sozialen Schwierigkeiten pubertierender Mädchen navigieren müssen. Doch dann trifft am 26. Dezember 2004 ein Tsunami auf die thailändische Küste, dem Arielle nichts entgegensetzten kann.
Jahre später hat Marissa sich eine wackelige Existenz in New York aufgebaut und ist seit einer Ewigkeit, in der sie weder die Trauer noch das Trauma aufgearbeitet hat, nicht an den Ort des Geschehens zurückgekehrt. Als sie sich erneut Angesicht zu Angesicht mit einer Naturkatastrophe wiederfindet, werden die verdrängten Erinnerungen plötzlich an die Oberfläche gespült. Ende Oktober 2012 trifft Hurricane Sandy auf die Ostküste und bringt mit sich ein Abbild von Arielle, das Marissa vor Augen führt, dass sie nicht ewig davonlaufen kann.
Tara Menon ist geboren in Indien und aufgewachsen in Singapur. Sie selbst lebte zehn Jahre lang in New York und ist jetzt Dozentin für englische Literatur mit Lehrauftrag in Harvard. Die Inspiration zu ihrem Debütroman “Unter Wasser”, der Mitte April beim Dumont Verlag erschienen ist, stammt von einer Kindheitsfreundin aus Singapur, die eine ihrer besten Freundinnen aus ihrer Heimat unerwartet verlieren musste. Im Gegensatz zu dem Verlust eines Familienmitglieds erschien ihr die Trauer um einen Freund sozial weniger akzeptiert und in den Medien unterrepräsentiert. Genau dafür schrieb sie ihren Roman.
“Unter Wasser” ist eine kurze Momentaufnahme einer größeren Geschichte. In nicht mehr als zwei Tagen läuft Marissa durch das vom Sturm gebeutelte New York und erinnert sich in Rückblenden an ihre Kindheit mit Arielle, bis hin zu dem Tag, an dem sie die Welle auseinander riss. Arielle bleibt dabei eine fast märchenhafte Figur, denn ihr Charakter wird kaum tiefer gehend beschrieben. Für ihre Fabelhaftigkeit muss man Marissa beim Wort nehmen.
Was ist der Zweck dieser Geschichte? Ist sie eine Kritik am thailändischen Sextourismus? Eine Ode an die Meeresforschung? Eine Erinnerung an die Klima-Krise? Mit all diesen Themen ist die Handlung gespickt, aber abgesehen von der Darstellung einer langjährigen Freundschaft geht sie nicht weiter in die Tiefe. Die erste Hälfte des Romans ist die dazu passende stereotypische Exposition, besonders allein durch das Setting. Weder Marissa noch Arielle sind als Figuren besonders spannend und auch ihre Freundschaft wird über die Jahre vor die altbekannten Proben gestellt.
Elterliche Konflikte, Freiheit, Sex, es ist alles dabei. Interessant wird es, so brutal und pietätlos das auch klingen mag, mit dem Einsetzen der Katastrophe. Dieser Teil wurde von Tara Menon sorgfältig recherchiert und beleuchtet einen Teil des Geschehens, der in der Literatur eher wenig Beachtung findet. Die Ruhe nach dem Sturm.
“Unter Wasser” ist also kurz und knackig, was ja oft nicht das Schlechteste ist, und faktisch fundiert. Die zwischenmenschlichen Beziehungen fallen etwas flach, die Handlung verlässt sich stark auf die zugrundeliegende Recherche, aber es erwartet einen dennoch eine angenehme Leseerfahrung.
“Unter Wasser” von Tara Menon ist im Dumont Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.
