So war’s beim Hurricane Festival 2018

Foto: Christoph Eisenmenger

Bei der Pressekonferenz am Sonntag Nachmittag zum Ende des Hurricane Festivals 2018 gibt es zufriedene Gesichter. Nachdem das Festival in den letzten zwei Jahren durch Wetterkatastrophen gebeutelt wurde, lief in diesem Jahr das meiste angenehm rund. Gut, mit Sonnenschein rechnet man beim Hurricane schon kaum mehr, auch nicht mit milden Temperaturen. Gummistiefel, ein warmer Hoodie und die Regenjacke gehören schon Standard mäßig ins Gepäck – zumindest bei mir. Wenn man sich beim Feiervolk umguckt ist es doch immer wieder erstaunlich, wie dem Boden, den es wahlweise in der Staub- oder Matschvariante gibt, mit unpassendem Schuhwerk getrotzt wird. Die jungen Leute von heute! Dabei sind trockene Füße doch wirklich etwas sehr angenehmes, vor allem wenn man drei Tage durchhalten möchte.
Aber zum Publikum an sich: auch hierzu wird bei der Abschlusspressekonferenz ein schönes Fazit gezogen. Veranstalter, Polizei, Feuerwehr, das Rote Kreuz und die Bürgermeisterin der Gemeinde Scheeßel sind sich einig: die Besucher des Hurricane Festivals sind tatsächlich noch wegen der Musik da. Das mag jetzt absurd klingen, sowas bei einem Musikfestival zu betonen, aber es stimmt. Und es ist nicht selbstverständlich. Ich erinnere mich gut an meine erste Festivalerfahrung im zarten Alter von 18 Jahren, als ich mit einer größeren Gruppe nach München zum damals noch stattfindenden Rock in Riem fuhr und erstaunt feststellen musste, dass die meisten meiner Begleiter lieber kiffend auf dem Zeltplatz abhängen wollten anstatt sich The Breeders und Bodycount anzusehen.

Der clevere Leser kann anhand dieser Fakten ungefähr nachvollziehen, wie alt ich inzwischen bin. Und obwohl in mir immer noch ein wackerer Festivalhase hoppelt, stelle ich doch fest, dass so ein dreitägiger Musikmarathon mir mit den Jahren nicht leichter fällt. Das Hurricane Festival mag dabei nicht das freundlichste an der Wetterfront sein, aber es ist und bleibt ein sympathisches Festival. Natürlich gibt es auch hier immer wieder stark abgeschossene Gestalten zu bestaunen, aber insgesamt ist die Stimmung, zumindest auf dem Gelände eine sehr friedliche. Die Veranstalter tun auch das ihrige dazu, gerade in den heutigen Zeiten eine möglichst große Atmosphäre der Sicherheit zu schaffen. So wurde zum Beispiel im letzten Jahr erstmals die Aktion „Panama“ ins Leben gerufen. Mit der Frage „Wo geht‘s nach Panama?“ können Besucher, die etwas ungewöhnliches beobachtet haben oder sich in welcher Situation auch immer unwohl fühlen, bei allen Mitarbeitern des Festivals sowieso natürlich bei Polizei und Sanitätern unauffällig Hilfe suchen. Das senkt die Hemmschwelle und ermutigt, auch schon bei kleineren persönlichen Problemen Beistand zu suchen. Bei der Pressekonfernenz wurde berichtet, dass die Aktion auch in diesem Jahr wieder gut angenommen wurde und mehrere Fälle (meist eher kleinere Sorgen und Nöte) gelöst werden konnten.
Vielleicht hatten wir auch nur Glück, aber irgendwie wirkte die Stimmung auf dem Gelände dieses Jahr besonders gelöst und freundlich. Und das selbst, oder besonders, bei den Konzerten mitten in der Menge. Selbst das Organisieren der Circle Mosh Pits, zum Beispiel bei Franz Ferdinand, wirkte auf sympathische Weise immer noch lustig rücksichtsvoll. Wer hin fiel, dem wurde gefühlt auch schnell wieder aufgeholfen.

Insgesamt schien zu stimmen, was die Veranstalter konstatierten, es war ein sehr musikbegeistertes, mitgehfreudiges Publikum. Beim allerletzten Konzert des Wochenendes, dem Auftritt der Arctic Monkeys, hat man das besonders gemerkt. Da wurde genauso wild zu den alten Songs getanzt wie aufmerksam den neuen, elegischeres Stücken gelauscht. Insgesamt macht sich mit jedem Jahr aber auch das Gefühl breit, dass das typische Festivalpublikum zunehmend einem Wandel unterworfen ist. Es mag daran liegen, dass ich inzwischen besonders beim Hurricane zu den älteren Besuchern gehöre. Und bei den jüngeren stehen ganz klar Hip Hop und vor allem deutsche Bands hoch im Kurs. Klar, dass der Siegeszug von Kraftklub nicht mehr aufzuhalten ist, wissen wir auch nicht erst seit gestern. Und wir hätten uns die Jungs natürlich auch gerne angesehen und wären mit Sicherheit gleichermaßen begeistert gewesen. Aber dass die Chemnitzer am Sonntag Abend einen derartigen Ansturm auf die Green Stage entfesseln, dass man eine halbe Stunde vor Beginn noch einen Platz in der ersten Reihe für Arcade Fire auf der Blue Stage ergattern kann, das war dann doch so verlockend, dass wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten.

Und, trotz inzwischen hoch gesteckter Erwartungen, wurden wir auch diesmal Mal nicht enttäuscht. Arcade Fire wissen das (pünktlich zum Auftritt dann doch zahlreich erschienene) Publikum schnell für sich einzunehmen. Die Band legt dabei, trotz der langen Tour die sie inzwischen bereits hinter sich hat, große Spielfreude an den Tag und Win Butler bedankt sich zwischendrin immer wieder charmant auf deutsch. In einem besonders emotionalen Moment erinnert er daran, dass David Bowie 2004 auf dem Hurricane Festival sein letztes Konzert gegeben hat. Auch an unser soziales Gewissen appelliert er, und sein inzwischen fast schon traditionelles, von Herzen ausgespucktes „Fuck You“ an Donald Trump hat er auch dabei. Es geht insgesamt viel zu schnell vorbei, aber es war wieder einmal sehr schön.

Foto: Malte Schmidt

Überhaupt reihte sich vor allem am Sonntag rein musikalisch ein Highlight an das andere. So sehr, dass es an diesem Tag manchmal zu schmerzhaften Überschneidungen kam. Angus & Julia Stone begeistern auf der Blue Stage, während wir bei Franz Ferdinand im Moshpit feststecken, was wir letztendlich aber auch nicht bereut haben. Wie die Hasen hüpfen wir an diesem Tag von einer Bühne zur nächsten und samplen uns ein Programm zusammen, das bunter nicht sein könnte. Von Black Rebel Motorcycle Club zu Haiyti, zur Techno Marching Band Meute (die das White Stage Zelt wirklich gepflegt auseinander genommen haben), zu Franz Ferdinand, zu Arcade Fire, zu den Arctic Monkeys… da qualmen irgendwann Füße und Kopf um die Wette. Von daher war es gar nicht schlimm, dass wir an den vorangegangenen Tagen ein bisschen mehr Luft zum Durchatmen hatten.

Angerechnet sei dem Hurricane Publikum besonders, dass es am Samstag sich zwar naturgemäß etwas ausdünnte, viele aber dann doch dem Fußballfieber trotzten und das Deutschlandspiel sein ließen (das man natürlich auf dem Campingplatz per Public Viewing verfolgen konnte). Biffy Clyro boten aber auch wirklich ein attraktives Gegenprogramm, wer dabei war, dürfte es kaum bereut haben. Inzwischen hat sich ja auch raus gestellt, dass der Ruhm der schottischen Band den der deutschen Mannschaft locker übersteigt. Das passt also alles. Und das mit dem Hurricane Festival, das machen wir auch in den nächsten Jahren einfach wieder genau so.

Waren dabei: Gabi Rudolph & Kate Rock

www.hurricane.de

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