Jade Bird im Interview: „Manchmal fühle ich mich, als hätte ich schon zehnmal gelebt“

Es ist das erste Mal in 2021, dass ich mich auf den Weg mache, um jemanden persönlich zum Interview zu treffen. Umso mehr freue ich mich, dass es ausgerechnet Jade Bird ist. Als wir uns im Innenhof des Michelberger Hotels gemeinsam an einen Tisch setzen, fühlt es sich fast wie ein Catch-Up Date mit einer alten Freundin an. Als Jade Bird 2017 in Hamburg den Anchor Award als beste Nachwuchskünstlerin entgegen nahm und damit den Start ihrer Karriere einläutete, saß ihre Mutter im Publikum direkt in der Reihe vor mir und ließ alle um sie herum an ihrem großen Stolz für ihre Tochter teilhaben. Seitdem, und vor allem seitdem ich sie zum ersten Mal zum Interview getroffen habe, verfolge ich den Werdegang der gerade mal 23 Jahre alten Britin mit großer Anteilnahme und Begeisterung. Weil sie eine unglaublich talentierte Sängerin und Songschreiberin ist, die mit ihrer Musik noch richtige Geschichten erzählen möchte. Und nicht zuletzt, weil sie so ein furchtbar netter Mensch ist, mit dem man aus dem Quatschen und Kichern gefühlt gar nicht mehr herauskommt. 

2019 erschien ihr selbstbetiteltes Debütalbum, nun hat sie, allen Widrigkeiten der Corona-Pandemie zum Trotz, ihr zweites Werk „Different Kinds Of Light“ herausgebracht. Es ist dringend Zeit zu hören, was sich in Jade Birds Welt seitdem getan hat. Und wie besonders schön, dass wir diesen kurzen aber umso fröhlicheren Austausch persönlich vollziehen konnten.

Erzähl mir, wie ist es dir ergangen, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben?

Das war Anfang 2019, oder? Es ist so viel passiert seitdem! Später im Jahr bin ich nach Japan gereist. Ich habe es mir selber als Schreib-Trip verkauft, aber es war mehr ein Urlaub (lacht). Es sollte mein Jahresurlaub werden. Für „Different Kinds of Light“ bin ich nach Upstate New York geflogen. Ich habe gedacht, das wird mein großes Album. Ich habe das geschrieben, was das Album werden sollte – und dann ist alles zusammen gebrochen. Während ich auf Tournee durch Europa war hat alles zugemacht, und ich saß für vier Monate Zuhause. Im November sind wir nach Amerika geflogen, um das Ganze aufzunehmen. Ich habe sehr viele neue Songs in Mexiko geschrieben, weil ich dort zwei Wochen in Quarantäne gehen musste. Die Hälfte des Albums ist in Mexiko City entstanden. In einem kleinen Apartment, nicht glamourös am Strand oder so (lacht)

Es las sich tatsächlich so glamourös – „Jade Bird ist viel gereist, als sie das Album geschrieben hat.“ Ich habe mich schon gefragt, wie du das in dieser Zeit gemacht hast.

Ich weiß! Sehr viele langweilige Reisedetails (lacht). Mexiko ist mehr oder weniger zufällig passiert, weil ich sonst nicht in die USA hätte einreisen dürfen. Aber ja, ich war viel auf Reisen. Ich saß auch viel Zuhause, das hört sich nur nicht so interessant an (lacht)

Diese erzwungenen Pausen verändern einen als Mensch, oder?

Oh mein Gott, exponentiell! Ich fühle mich als wäre ich ein ganz anderer Mensch geworden, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Empathie, Wachstum, ein funktionierender Mensch sein… ich finde ja, als junge*r Künstler*in ist man oft sehr egozentrisch. Du arbeitest an deiner Karriere, an deinen Songs, an dir selbst… das ist auf die Dauer ermüdend. Man hat nicht viel Zeit, sich weiterzuentwickeln. Ich bin froh, dass mir auf diese Weise die Möglichkeit geschenkt wurde. 

Ich hoffe du verstehst nicht falsch wenn ich das sage, aber ich fand dich schon immer sehr reif für dein Alter.

Oh, danke. Manchmal fühle ich mich, als hätte ich schon zehnmal gelebt (lacht). Ernsthaft, so fühle ich mich. Ich glaube Wachstum bedeutet für mich, der Mensch zu sein, der ich gern sein möchte, mehr als erwachsen zu werden. Ich war nie wirklich ein behütetes Kind, habe viel durchgemacht. Es geht mir mehr darum, mehr und mehr ich selbst sein zu können. 

23 bist du jetzt, richtig?

Ja. Fast 24 (lacht)

Ich musste ein bisschen schmunzeln über dein Statement, du wärst im letzten Jahr so viel älter geworden. Aber es ist wirklich so, in deinem Alter verändert man sich noch schnell und oft auch radikal. 

Wie heißt es so schön in dem Lied: (singt) „I’m not a girl…“ (lacht) Ich komme ja immer noch nicht darüber hinweg dass ich immer dachte, ich hätte mein Gehirn komplett unter Kontrolle. Als ich jünger war, habe ich mich für so selbständig gehalten, für so kontrolliert. Wenn ich heute zurückblicke sehe ich, wie verletzlich ich war, in was für Situationen ich mich zum Teil gebracht habe. Manchmal bedauere ich richtig den Menschen, der ich damals war und das, was ich geglaubt habe zu tun. Es ist ziemlich kompliziert. Aber auf diesem Album habe ich gar nicht viel über mich selbst geschrieben. Es wurde mir ein bisschen langweilig. 

Ich wollte das vorhin schon sagen, als wir über diese Selbstzentrierung als Künstler*in geredet haben. So stark empfinde ich das auf diesem Album gar nicht. Es ist sicher sehr gesund, mal ein Stück von sich selbst zur Seite zu treten. 

Absolut. Sehr gesund. Und ich habe schon immer gesagt, man muss sehr gut schreiben können, um über andere zu schreiben. Du musst deine Leser*innen oder Hörer*innen auf die Schulter desjenigen setzen, über den du schreibst. Das habe ich immer versucht zu erreichen. Ich glaube, auf diesem Album bin ich dem sehr nah gekommen. Ehrlich gesagt habe ich mich während meines ersten Albums noch gar nicht als Künstlerin gesehen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mir das schon verdient hatte.

Wirklich? 

Überhaupt nicht. Inzwischen habe ich endlich das Gefühl, dass ich diesen Titel verdiene. Und ich bin viel selbstbewusster seitdem. 

Das ist wirklich interessant. Ich habe dich schon bei deinem ersten Album so viel fokussierter und professioneller empfunden im Vergleich zu damals, als wir uns nach dem Anchor Award das erste Mal getroffen haben.

Ich glaube, wenn man wie ich in einer Kleinstadt aufwächst, dann hat man nicht wirklich ein Bild davon, was es bedeutet, Künstler*in zu sein. Es ist nicht so, dass meine Mutter Malerin ist und mein Vater Schriftstellerin und ich schon in frühen Jahren diese Berufung gefühlt habe. Ich wusste nicht wie das gehen sollte, alles was ich kannte waren meine Helden, bei denen das so ganz anders aussah als bei mir. Deshalb dachte ich immer, es wäre eine ganz besondere Ehre, sich als Künstler*in bezeichnen zu können. Ich finde heutzutage ist das etwas, das wir viel leichter vergeben. Dabei ist es Handwerk, Arbeit, zehntausende von Stunden, die man investiert. Wenn du töpferst ist es doch das Gleiche, oder? Ich glaube, das war der Punkt, an dem ich mich mental befunden habe.

Und haben dich diese vielen neuen Umstände, die diese Zeit mit sich bringt, auch kreativ beeinflusst?

Oh ja, auf jeden Fall. Ich habe so viel gelernt. Selbstbewusstsein, neue Fähigkeiten, mehr Willen ein Risiko einzugehen. Egal wie die Reaktionen darauf sein werden, ich bin aus dem Studio gekommen und wusste, ich liebe dieses Album. Ich bin so stolz auf die Songs, auf das was ich geschrieben habe. Ich bin nicht mehr so unsicher, wenn es um meine Arbeit geht. Ich meine, ich bin auch immer noch stolz auf mein erstes Album, weil ich weiß, dass es ehrlich war. Es war vielleicht nicht erwachsen… es war irgendwie reif und gleichzeitig sehr jung. 

Gut, es ist irgendwie auch völlig in Ordnung, mit 19 noch nicht super erwachsen zu sein.

Das meine ich! Es ist wie eine Momentaufnahme. Es war eine sehr besondere Zeit, ich hatte nicht alles im Griff. Warum sollte das Album also alles im Griff haben? 

Um aber noch einmal auf dieses Album zurückzukommen – die Platte trifft mich ja zu einem sehr guten Zeitpunkt. Ich weiß es ist ein bisschen peinlich, aber ich habe wirklich erst in den letzten zwei Jahren Fleetwood Mac so richtig für mich entdeckt.

Wirklich? Aber das ist doch toll! Der Einfluss ist definitiv sehr präsent, ja (lacht). Wo hörst du ihn besonders?

„Trick Mirror“, zum Beispiel.

Oh, das erinnert dich an Fleetwood Mac? Das ist so interessant. Ich glaube, ich hatte einen sehr starken Kate Bush Vibe, als ich den Song geschrieben habe. Überhaupt hatte ich lange das Gefühl, dass das ein ziemliches Kate Bush Album wird. Fleetwood Mac kam später dazu. Ich habe „Storms“ gehört, vom Album „Tusk“, was vielleicht der schönste Song aller Zeiten ist. Ich bin besessen davon! Der Song „Different Kinds Of Light“ ist total davon beeinflusst. Ich hatte das Gefühl, dass die Erfahrung, über die sie in „Storms“ singt, sich direkt auf mich überträgt. Der Teil „surviving not thriving“, als ich den geschrieben habe, war ich an einem ziemlichen Tiefpunkt. Der Song handelt nicht direkt von mir, ich habe das so nicht in einer Beziehung erlebt, aber er lässt sich auf andere Situationen in meinem Leben übertragen. 

„Tusk“ ist so ein grandioses Album. Und viele haben es damals nicht verstanden. Zu chaotisch, zu lang…

Ein paar Leute haben mir gesagt, mein Album wäre zu lang.

Deins, wirklich?

Dieses hier, ja. Ich finde es nicht zu lang. Es sind doch nur 47 Minuten. Es sind nur viele Songs. Ich bin halt immer schnell fertig (lacht). Zwei Minuten, danke. 

Aber weißt du was ich interessant finde, wenn ich mir Künstler*innen deiner Generation und jünger ansehe? Ich habe das Gefühl, es teilt sich auf. Die einen sind sehr stark beeinflusst von Acts, die weit vor ihrer Zeit berühmt wurden, die anderen wollen mit dem „alten Kram“ gar nichts zu tun haben.

Das ist eine sehr interessante Beobachtung! So interessant. Ich glaube, die jüngere Generation ist sehr nihilistisch. Die eine Hälfte von uns hat noch etwas Hoffnung. Aber wenn du deine Augen öffnest und alles siehst, was vor sich geht, den Klimawandel und all das… und was die Musik betrifft… ich habe das Gefühl, es wird nicht mehr so viel Wert auf gutes Songwriting gelegt. Und ich verstehe gar nicht, warum das so ist. 

Geschichten erzählen durch Musik ist auch etwas Altmodisches geworden. 

Das stimmt. Vielleicht haben wir nicht mehr die Aufmerksamkeit, um einer ganzen Geschichte zuzuhören. Ich finde, es sind in letzter Zeit nicht viele Alben raus gekommen, die nach diesem Prinzip funktionieren: ich habe eine Melodie, ich habe eine Geschichte, und ich erzähle sie dir mit meiner Stimme. Vielleicht bin ich da komplett ignorant und habe einfach zu viel verpasst (lacht). Ich liebe das neue Wolf Alice Album. Das ist wirklich Storytelling. Pinegrove verehre ich, Alex G. Aber das ist viel abstrakter, mehr Bowie als Fleetwood Mac. 

Zum Schluss musst du mir noch verraten, wie es für dich war, in Nashville zu arbeiten. Du bist Engländerin und trotzdem dachte ich sofort, dass das sehr gut zu dir passt.

In Nashville liegt der Fokus so sehr auf Livemusik und Live-Aufnahmen. Dafür musst du als Musiker*in wirklich gut sein. Der Bassist auf meinem Album hat vielleicht eine halbe Stunde gebraucht, um seine Parts einzustudieren. Wenn man sich jetzt den Bass genau anhört, der ist verdammt großartig. Mein Stil ist ja eher chaotisch, ich bediene kein bestimmtes Genre, da muss man flexibel sein, was die ganzen verschiedenen Spielweisen angeht. Ich war extrem beeindruckt. Das war ein ganz anderes Kaliber an Musikern. Wenn du also ein Album machen willst, das quasi wie ein Live-Album klingt, so wie meins, dann musst du da hin gehen, wo das am meisten geschätzt wird. Und im Moment glaube ich, dass das Nashville ist. Aber vielleicht liege ich auch falsch (lacht)

Foto © Colin Lane