Jack Whites „Fear of the Dawn“: Mit dem Bleifuß aufs Gaspedal und dreimal um die Ecke

„Sage mir, welches dein Lieblings Jack White Album ist, und ich sage dir wer du bist.“ Wenn du auf Jack White stehst, wirst du irgendwann an den Punkt kommen, an dem du dieses Spiel spielen musst. Bist du der Typ, der beim letzten Album der White Stripes stehengeblieben ist und alles ablehnt, was danach gekommen ist, weil nichts je wieder so schön sein kann? Oder stehst du einfach am meisten auf Indie-Rock in der bewährten „Vier-Dudes-Bandformation“ und hast deshalb ein religiöses Verhältnis zu „Broken Boy Soldiers“, dem ersten Album der Raconteurs? Oder hast du einfach am liebsten ein solides Potpourri aus allem, was Jack White ausmacht und nennst deshalb sein zweites Solo-Album „Lazaretto“ deinen persönlichen Favoriten? (An dieser Stelle würdest du einen leicht schrägen Blick von mir bekommen, aber dazu später mehr.)

Und dann komme ich und sage, man muss das Ganze noch ein bisschen differenzierter betrachten . Mein liebstes White Stripes Album wird auf immer und ewig „White Blood Cells“ sein, weil es die Tür damals für mich aufstieß und überhaupt alles auf den Kopf stellte, wofür die Indie-Szene der frühen 2000er stand. Meine liebste seiner Bands nach den White Stripes ist The Dead Weather und mein Favorit unter den Soloalben ist „Boarding House Reach“ (so viel zum Thema schräge Seitenblicke). Ist. War? Vielleicht, Achtung, Spoiler, ist es in Zukunft „Fear of the Dawn“, das erste von zwei neuen Soloalben, die Jack White dieses Jahr veröffentlichen wird. 

Und wenn wir schon am Sortieren sind, dann wären „Lazaretto“ (2014) und „Boarding House Reach“ (2018) für mich die beiden entgegengesetzten Pole des Jack White Solo-Spektrums. Auf kaum einem seiner Alben klingt er so verlässlich wie auf „Lazaretto“. Das Album bietet eine bunte Auswahl seines stilistisch breiten Schaffens, Rock reiht sich an Folk und Country, alle Songs verbindet eine irritierend zutrauliche Attitüde, ganz ungewohnt im Vergleich zu dem Zögern, Zaudern, Nachdenken und Hadern, das sich sonst durch Jack Whites Schaffen hindurchzieht. Und auch die Wut, die oft zwischen seinen Gitarrensaiten vibriert, klingt hier mehr wie ein ärgerliches Mit-dem-Fuß-Aufstampfen. „Boarding House Reach“ hingegen ist das Album, in dem der von Regeln und Vorgaben besessene Musiker bewusst alles auf den Kopf stellt und es ist so wunderbar mutig und durcheinander, dass man ihn dafür einfach lieben musst. Gut, manche tun es nicht, denen ist das Geknarze und Gefiepse, der Sprechgesang und die ständigen Tempowechsel, generell die bewusste Abkehr von der schunkelnden Eingängigkeit, die man zuletzt von „Lazaretto“ gewohnt war, einfach zu viel. Vielleicht ist „Fear of the Dawn“ das Album, mit dem es Jack White gelingen wird, beide Seiten abzuholen: die, die von ihrem Rock-Gott einen verlässlichen Schoß brauchen und die, die wie ich nichts lieber erleben, als wenn er so richtig die Sau raus lässt. 

Auf „Fear of the Dawn“ schnürt er das Gerüst, das er mit „Boarding House Reach“ zuletzt gesprengt hat, wieder etwas enger, verliert aber trotzdem nichts von seiner neu entdeckten Spiel- und Experimentierfreude. Das ließ sich im Vorfeld nicht unbedingt erahnen. Die erste Single, der Opener „Taking Me Back“, ist wohl die direkteste Nummer des Albums. Das ebenfalls vorab veröffentlichte „Hi-De-Ho“, auf dem Rapper Q-Tip eine Gastperformance liefert, ließ schon eher ahnen, dass die Geschichte im Gesamten etwas weirder werden könnte. Dennoch verfolgt „Fear of the Dawn“ ein striktes Konzept: es ist das erste Jack White Soloalbum, das in einer Tour durchbrettert, ein hämmerndes Biest, das einem die Haare aus dem Gesicht fegt. Die ruhigeren Nummern hat er bewusst auf das zweite Album „Entering Heaven Alive“ ausgelagert, das am 22. Juli erscheinen wird. Das vielleicht heimliche Bedürfnis der Zuhörer*innen nach einer Rückname des Tempos wird immer mal wieder angeteasert, wie zum Beginn von „The White Raven“ oder mit dem Interlude „Dusk“, das „What’s The Trick“ einläutet, aber schon kommt der Bleifuß wieder um die Ecke und drückt das Gaspedal durch. 

Es ist der gelungene Spagat zwischen Verlässlichkeit und Überraschung, der den Charme von „Fear of the Dawn“ ausmacht. „That Was Then (This Is Now)“ könnte auch von einem Album der Raconteurs stammen. „Into The Twilight“ dagegen schließt mit seiner holpernden Versponnenheit und den schrägen Samples nahtlos an den „Boarding House Reach“-Kosmos an. „Morning, Noon and Night“ könnte als Jack Whites Versuch interpretiert werden, den Beatles Tribut zu zollen und scheut sich nicht, ein bisschen albern daher zu kommen. „Shedding My Velvet“ beendet das Album schließlich als einziges etwas ruhigeres Stück, das mit seiner anklagenden Melodiösität an jüngere Prince-Nummern erinnert, eine Referenz, die ich in seinem Schaffen zugegebenermaßen etwas zu versessen suche. Am geilsten sind aber vielleicht „What’s The Trick“ und „The White Raven“. „What’s the trick in making my love stick?“ Genau das was du da machst, Jack! Und der Kriegsgesang am Ende von „The White Raven“. Uiuiui.

Einziger Kritikpunkt wäre vielleicht, dass das Album in seiner zugegeben etwas fordernden Intensität im Gesamteindruck ein wenig Tiefgang vermissen lässt. Aber dem verspricht sich ja „Entering Heaven Alive“ anzunehmen. Wer weiß, wenn man im Sommer beide Alben nimmt und einmal kräftig zusammen rührt – hat man dann am Ende das größte Jack White Werk aller Zeiten? Ich bin bereit, mich dieser Illusion hinzugeben.

Und wer es gerne ein bisschen visueller hätte: der Yogi im folgenden Video präsentiert sehr anschaulich, was „Fear of the Dawn“ mit meinem Bauch macht.