Gesehen: “Heimsuchung” von Volker Schlöndorff

“Die Blechtrommel”, 1979 der erste deutscher Film, der als Bester Fremdsprachlicher Film mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, brachte nicht umsonst seinem Regisseur Volker Schlöndorff den internationalen Durchbruch. Es haut einen schon ganz schön um, wenn man ihn unter heutigen Gesichtspunkten noch einmal sieht. Der Film ist anstrengend, spröde, an manchen Stellen schlecht gealtert und gleichzeitig bahnbrechend anders, speziell und artifiziell.

Dass man bei Volker Schlöndorffs neuem Film “Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte” unweigerlich an “Die Blechtrommel” denken muss, liegt vor allem daran, dass ein großer Teil der Geschichte, die auf Jenny Erpenbecks Roman basiert, zur Zeit des Nationalsozialismus spielt. Aber auch daran, dass Familie und die Beobachtung ihrer Dynamiken erzählerisch im Mittelpunkt stehen.Und ein Wiedersehen mit Angela Winkler gibt es ebenfalls. 

“Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte” ist sowohl optisch als auch erzählerisch ein viel zahmerer Film geworden. Kritische Stimmen sagen, Volker Schlöndorff habe einen Film wie Mascha Schilinskis “In die Sonne schauen” machen wollen, diesen aber auf die Sehgewohnheiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehpublikums angepasst. Das mag in gewisser Weise stimmen, tut dem Film aber überraschenderweise eher gut, als dass es ihm schadet. Schlöndorff muss nicht mit jeder Szene, mit jeder Einstellung beweisen, dass er einen hoch künstlerischen Auftrag hat. Das hat er schon zur Genüge getan. Stattdessen setzt er auf klare Bildsprache und eine klassisch lineare Handlung und erleichtert einem somit die Verbindung mit den Figuren. 

Die eigentliche Hauptrolle spielt jedoch ein Seegrundstück in Brandenburg bei Berlin. Nachdem das Land vom ursprünglichen Besitzer in zwei Parzellen unterteilt wird, teilen sich den Zugang zum See in den 30er Jahren ein Berliner Architekt und ein jüdischer Tuchfabrikant. Während der Architekt (Lars Eidinger) sich den Traum vom eigenen Haus erfüllt, nutzt der Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) seine Hälfte mit Hilfe eines bescheidenen Badehauses als Wochenendgrundstück. Der Krieg zwingt ihn schließlich, sein Land unter Preis an den Architekten zu verkaufen, um aus Deutschland flüchten zu können. 

Der Krieg zwingt auch den Architekten schließlich in den Militärdienst, während seine Frau (Susanne Wolff) alleine im Haus zurückbleibt und sich dort zu Kriegsende vor den Russen verstecken muss. Aber auch das auf den Krieg folgende Leben in der DDR erzwingt Veränderungen, das Haus wechselt seine Besitzer. Die kommunistische Schriftstellerin (Martina Gedeck) und zuletzt ihre Enkelin (Maria Matschke) müssen schließlich erfahren, dass sie sich innerhalb der andauernden politischen und gesellschaftlichen Umbrüche nicht auf ihren geglaubten Besitz verlassen können. 

Die geradlinige Erzählweise, auf die Volker Schlöndorff setzt, steht im Kontrast zu Jenny Erpenbecks Roman, der sich stärker auf die Innenwelten seiner Charaktere konzentriert. Entsprechend erreicht die Verfilmung auch nicht die volle Tiefe seiner Vorlage. Das Grundstück, der See und das Haus funktionieren als verbindendes, filmisches Element jedoch so gut, dass man mühelos der ein ganzes Jahrhundert abdeckenden Geschichte folgt. Es wird gelebt und geliebt, gefeiert, gelitten und gestorben. Verbundenheit und Familie sowie der Verlust von beidem, stellen ein zentrales, universelles Motiv dar.

Das Persönliche als Rahmen für das Geschichtliche, der Mikrokosmos, in dem universelle menschliche Schicksale aufeinandertreffen, das rührt und unterhält schlichtweg gut. Hinzu kommen die durchweg soliden bis zum Teil sehr guten Darbietungen des Ensembles. “Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte” ist kein Paukenschlag vom Format einer “Blechtrommel”, aber dafür ein unaufgeregter, sensibler Film, in den man gerne eintaucht. 

„Heimsuchung – Eine Jahrthundergeschichte“ von Volker Schlöndorff startet am 15. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.