Gesehen: „Digger“ von Alejandro González Iñárritu

Digger Rockwell (Tom Cruise) tut das, wozu er geboren wurde, das, was sein Vater bereits getan hat: er gräbt nach Öl. Und es ist ihm ziemlich egal, wie die Erde das findet, solang die Quellen sprudeln und das Geld fließt. Auch der alarmierende Bericht, dass seine Bohrinsel in Grönland einen massiven Riss im Gletscher verursacht, lässt ihn nicht zurückschrecken. Die Naturkatastrophe nimmt unweigerlich ihren Lauf, ein Teil des Gletschers löst sich und treibt auf Europa zu. Der Präsident der Vereinigten Staaten (John Goodman) und seine Berater werden hinzugezogen. Die naheliegendste Lösung: der Natur mit militärischem Einsatz entgegentreten. Auf den Wissenschaftler Ganesh (Riz Ahmed) will niemand hören.

“Digger” ist augenscheinlich als überdrehte Satire angelegt, funktioniert als solche aber nicht wirklich. Vielleicht liegt es daran, dass wir inzwischen zu tief in genau dieser Realität stecken. Die Politiker, Tech-Milliardäre und Großindustriellen, die unsere Gesellschaft und unsere Umwelt ruinieren, sind für sich schon so unerträgliche Gestalten, dass man sie kaum noch karikieren kann. Es macht auch keinen Spaß mehr, über sie zu lachen. Den Punkt haben wir längst überschritten. 

Im besten Fall ist das jedoch gar nicht die Absicht von Regisseur Alejandro González Iñárritu. In seiner Sperrigkeit erinnert “Digger” am ehesten an seinen Film “Birdman”, auch verbindet beide Filme die Liebe fürs Theatrale, die große Inszenierung mit (augenscheinlich) kleinen Mitteln, etwas, worin eindeutig eine der Stärken von “Digger” liegt. Eitel ist das Ganze natürlich ohne Ende, jede Szene will deutlich herausstellen, mit wie viel Detailverliebtheit gearbeitet wurde. Das funktioniert zum Teil ganz großartig, dann nervt es auch wieder. “Digger” ist eine Mixed Bag geworden, deren Verdauung manchmal flutscht, einen dann wieder sauer aufstoßen lässt. 

Zum Beispiel wenn Sandra Hüller auftritt. Sandra Hüller! Die ist doch eigentlich immer ein Grund zur Freude. Und dann inmitten der ganzen Hollywood Elite! Leider bleibt ihre Figur blasse Staffage mit wenig Tiefgang. 

Und dann ist da noch Tom Cruise. Er ist irgendwie Fluch und Segen des Films zugleich. Die Maskierung, mit Hilfe derer er in die Rolle des Digger schlüpft, lässt er einen erstaunlich schnell vergessen. Die mit Absicht zum Teil überlang gehaltenen Dialoge trägt er bravourös, das ist keine Frage. Aber wie so ziemlich immer fehlt es ihm an dem letzten Fünkchen Ironie und Selbstdistanz, um die Figur zu brechen und ihr etwas anderes abzuringen als puren darstellerischen Ehrgeiz. Zumal, ohne zu viel verraten zu wollen, “Digger” und damit seine Figur im Lauf des Films eine zweite Ebene bekommt, die viel für einen Bruch der Figur hergegeben hätte, die er jedoch völlig ungenutzt lässt. Und apropos zweite Ebene: dass er als Mensch unleugbar Teil der Problemmaschine ist, schafft eine zusätzliche Metabene, die man eigentlich nicht gebraucht hätte. 

Die Geschichte des machthungrigen Digger ist letztendlich nur ein Sprungbrett, sie ist austauschbar mit so ziemlich jedem gerade in der Welt schwelenden Konflikt. Die eigentliche Frage ist, was mit der Welt passiert, wenn nur einer davon irgendwann eskaliert. Und da hinterlässt “Digger” am Ende doch einen gewissen Eindruck, der länger als erwartet bei einem bleibt. 

„Digger“ von Alejandro González Iñárritu startet am 1. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.