Ezra Furman: „Es gibt viele entmenschlichende Kräfte in unserer Welt. Ich möchte eine humanisierende Kraft sein.“

Liz Furman, beruflich bekannt als Ezra Furman, und ich treffen uns an einem bitterkalten Sonntagnachmittag im Berliner Columbia Theater. Später am Abend wird die beliebte US-Indie-Künstlerin ein ausverkauftes Konzert vor einem Publikum spielen, das schon lange vor Beginn ihrer Vorband erschienen ist, um sich einen Platz in den ersten Reihen zu sichern. 

Furman, die seit 2006 Musik veröffentlicht, damals noch als Frontfrau der Band Ezra Furman and the Harpoons, hat inzwischen eine Kult-Fangemeinde in Ländern weit entfernt von ihrer Heimatstadt Chicago. Dennoch erlangte sie erst 2019 Mainstream-Aufmerksamkeit, als ihr emotionaler Indie-Rock, beeinflusst von Bob Dylan und The Velvet Underground, als Soundtrack für die erfolgreiche Netflix-Serie „Sex Education“ ausgewählt wurde. 

Dieen Januar war Ezra Furman mit ihrem siebten Soloalbum „Goodbye Small Head“, das im Mai letzten Jahres veröffentlicht wurde, auf Tour. Es ist ihr bisher persönlichstes Album, das die mysteriöse Krankheit dokumentiert, an der sie 2023 erkrankte, und die daraus resultierenden Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit. Die nahezu berüchtigt unterschätzte Künstlerin erhielt dafür begeisterte Kritiken, obwohl sie mir sagt, dass sie keine davon gelesen hat.

Unser Gespräch findet zu einer besonders emotionalen Zeit statt, am Tag nachdem Alex Pretti in den USA von ICE-Agenten erschossen wurde. Furman, die sich 2021 als transgender outete und das jüdische Enkelkind von Holocaust-Überlebenden ist, verurteilt die Trump-Regierung häufig und eloquent in ihren sozialen Medien. Ihre Lebenserfahrung hat ihr ein tiefes Verständnis dafür gegeben, was Individuen vor unterdrückenden Regimen zu fürchten haben. Es ist schwer, über alles zu reden, sagt sie mir, aber sie will reden. 

Sie sagt mir, als wir uns setzen, dass sie dazu neigt, lange Pausen zu machen, und es wird schnell deutlich, wie sorgfältig sie ihre Worte abwägt. Gleichzeitig hat sie viel Humor: Sie wollte eigentlich Comedian werden, bevor sie ihre Berufung in der Musik fand. In ihren Liedern finden ihre Leidenschaft und Wärme eine natürliche Alchemie.  „Ich habe das dringende Bedürfnis, gleichzeitig Wut und Liebe zu empfinden“, sagt sie. „Wut ist die Alarmglocke, wenn es keinen Raum für Liebe und Fürsorge gibt.“ 

Wie läuft die Europatour bisher?

Es ist anstrengend und befriedigend. Ich liebe diese Konzerte so sehr. Es haut mich einfach um – die Energie und Liebe zwischen Band und Publikum. Und ich liebe meine Band einfach. Ich danke ihnen jede Nacht dafür, dass sie so großartig darin sind, diese Momente mit mir zu schaffen. Wir haben zusammen unsere eigene Ästhetik geschaffen, über der zwar mein Name steht, aber das, was meine Bandkollegen dazu beitragen, ist enorm.

 „Es ist ein Beweis für die Freude am Auftreten, dass ich es immer wieder tue.“

2023 hast du angekündigt, eine Pause vom Touren einzulegen, weil es so sehr an dir zehrt. Hast du das Gefühl, dass du wieder Freude daran gefunden hast?

Ich habe die Freude nie verloren. Es gibt so viele Gründe zu sagen: „Das ist zu schwer.“ Es ist ein Beweis für die Freude am Auftreten, dass ich es immer wieder tue.  Ich vermisse meine Familie –es ist schwer, meinen Partner und mein Kind zurück zu lassen. Dann ist geht es mir gesundheitlich nicht so gut. Ich war sehr lange krank, es hat vor fast drei Jahren angefangen, und ich habe immer noch mit Schmerzen und Müdigkeit zu kämpfen. 

Es herrscht auch viel Druck. Indie-Locations werden geschlossen, also muss man in größeren Ketten-Locations spielen. Ich bin nicht Künstlerin geworden, um Geld für riesige Konzerne zu verdienen. Aber ich denke, all diese Gründe, nicht auf Tour zu gehen, zeigen, wie viel mir die guten Seiten bedeuten. Ich spüre, wie wertvoll es ist, besonders für Menschen, denen es wirklich etwas bedeutet. Es fühlt sich wie ein guter Einsatz meiner Lebensenergie an.

Spürst du gerade gerade viel Verantwortung gegenüber deinem Publikum, angesichts dessen, was in der Welt alles passiert?

Ja. Mir haben schon junge Leute gesagt, ich hätte ihr Leben gerettet. Das war eine Art von Druck, der irgendwann nicht mehr gut für mich war. Am Ende musste ich mich von der Vorstellung verabschieden, dass junge queere Menschen von mir abhängig sein könnten. 

Mir wurde klar, dass Kunst anderen Menschen nur etwas gib, wenn sie ein Ausdruck der Freiheit des Künstlers ist. Die Art von Verbindung, die ich mit meinem Publikum habe, entsteht nur, weil ich mir als Künstlerin selbst treu bleibe. Es ist eine solche Ehre und ein Privileg, so etwas Schönes, wenn mir jemand sagt, meine Musik habe ihm das Leben gerettet. Aber Menschen retten sich ständig selbst mit Kunst. Ich versuche einfach, als Künstlerin so gut zu sein, wie ich nur kann.

„Ich liebe dieses Album, und das ist das Schwierigste – ein Album zu machen, das man wirklich liebt.“ 

Können wir über dein neues Album sprechen? „Goodbye Small Head“ ist ein unglaubliches Album.

Danke – ich mag es sehr. Aber eine Sache, die ich mit diesem Album gemacht habe, war, keine Rezensionen zu lesen!

Ist dir das nicht furchtbar schwer gefallen?!

Das ist es – du bist ständig in Versuchung! Aber ich habe Carrie Brownsteins [Gründerin der Rockband Sleater-Kinney] Memoiren gelesen. Sie erzählt darin, wie sie eine Rezension ihres neuen Albums gelesen hatte, kurz bevor sie eine Show spielte, auf die sie sich wirklich gefreut hat. Und dann dachte sie einfach die ganze Show lang an diese miese Rezension. Das hat es ihr verdorben, und sie beschloss, nie wieder eine Rezension zu lesen! 

Nach dem letzten Mal [Furmans sechstes Album „All of Us Flames“, veröffentlicht 2022, erreichte nicht den erhofften Erfolg und führte dazu, dass sie sich von ihrem Plattenlabel trennte]… Wenn du dich darauf fixierst, wie deine Musik aufgenommen wird und auf Erfolgskriterien wie Rezensionen und Chartplatzierungen, dann wird es für mich wirklich toxisch. Ich war plötzlich ständig enttäuscht, was verrückt ist. Ich weiß, ich werde ständig unterschätzt [lacht], aber wer wird überhaupt geschätzt?! Es ist so etwas Schönes, wenn jemand deine Musik schätzt. Deshalb will ich nicht einmal gute Bewertungen lesen. Ich wusste schon, als wir das Album fertig hatten, dass wir es geschafft haben. Ich liebe die Platte und das ist das Schwierigste – eine Platte zu machen, die man wirklich liebt. Um die Songs zu schaffen, die den „unterirdischen Fluss“ dessen erreichen, was ich sagen muss. Du musst nur graben, bis du diesen Fluss triffst.

Es ist ein sehr persönliches und intimes Album.

Ja, es ist wirklich ziemlich roh.

Hat sich deine Beziehung zum Album verändert, seitdem du auf Tour bist?

Ich fühle mich ein bisschen, als würde ich manche Songs, die wir nie spielen, vernachlässigen. Ich so: „Ich liebe euch auch, Leute!“ Ich hoffe, wir kommen irgendwann an alle heran. Je mehr ich sie singe, desto mehr lerne ich einige der Songs kennen. Manche faszinieren mich immer noch sehr, wie „Veil Song“. Ich habe zwei Jahre daran gearbeitet, aber ich habe immer noch das Gefühl, dass er wie ein Juwel ist, das ich im Müll gefunden habe. Jedes Mal, wenn ich ihn singe und voll und ganz drin bin, kommt dieses Gefühl wieder. 

Du hast gesagt, du hast die ersten beiden Tracks des Albums – „Grand Mal“ und „Sudden Storm“ – in nur zwei Tagen geschrieben, während es bei anderen viel länger gedauert hat.

Es ist so seltsam – ich arbeite nicht nach festen Regeln. Ich kann mich auf keinen Prozess verlassen! Aber selbst bei Songs, an denen ich lange gearbeitet habe, hatte ich das Gefühl, dass der Kern plötzlich da war. Es war einfach viel Arbeit, eine Fassung für dieses Juwel zu schaffen. Die Erkenntnis, dass da etwas war, woran es sich zu arbeiten lohnte, fiel wie Regen auf mich herab. 

Ich finde auch deine Texte sehr beeindruckend. Es gibt Musiker, die ich wirklich liebe – wie Prince –, von denen ich Ehrlich sagen würde, dass sie keine großartigen Texter sind…

Moment – du glaubst nicht…?! Vielleicht hat er eine Andere Art von Poesie?

Ich glaube nicht, dass Princes Texte immer so poetisch sind!

„Pussy Control“ ist für dich keine Poesie?! [lacht] Ich weiß nicht – in einer bestimmten Stimmung denke ich, dass Poesie und Songwriting miteinander verbunden sind, aber meistens sind es zwei paar Stiefel. Ich mag es nicht, wenn Leute ihre Songtexte wie Gedichtbände veröffentlichen. Es ist keine Poesie – es ist ein verdammter Song!

Aber ehrlich gesagt würde ich jeden meiner Songs gegen „Nothing Compares 2U“ eintauschen. Ich beneide jeden, der gute Popsongs schreiben kann. Ich habe meine Fähigkeiten, auf die ich stolz bin, aber ich bin in dieser Hinsicht kein Hitmaker. Ich glaube, ich komme eher aus seiner anderen Denkrichtung.

„Ich war auf einer Hochzeit und der Trauredner hat alle gemeinsam Elton Johns ‚Your Song‘ mitsingen lassen. Ich dachte: ‚Oh, ich habe den ganzen Sinn des Musikmachens verfehlt!'“

Dadurch entsteht jedoch eine Verbindung, die viele kommerziell erfolgreiche Popmusik nie erreichen wird.

Ja, ich weiß. Aber dann war ich auf einer Hochzeit und der Trauredner hat alle gemeinsam Elton Johns „Your Song“ mitsingen lassen. Ich dachte: „Oh, ich habe den ganzen Sinn des Musikmachens verfehlt! Es geht darum, ein Lied zu schreiben, das jeder kennt und gemeinsam singen und in einem Moment der Freude und Zusammengehörigkeit spüren kann. Das ist nur mit einem Hit möglich, Mann! Ich wünschte, ich hätte dieses Lied geschrieben! Ich habe mich plötzlich ganz dumm gefühlt mit meinen Zielen als Künstlerin!

Aber ich erinnere mich, dass ich dich vor ein paar Jahren bei einem Konzert in England deinen Song „My Zero“ habe spielen sehen, und alle haben mitgesungen. Man konnte die Liebe im Raum wirklich spüren.

Es stimmt – es passiert. Aber einfach nur. ein Haufen Fremder auf einer Hochzeit – ich war so neidisch [lacht]

Ich finde die Protest-Songs, die du in letzter Zeit auf Instagram gepostet hast, sehr kraftvoll. Ich will dich nicht bitten, über Amerika zu reden. Aber können wir ein wenig darüber sprechen, wie du Social Media nutzt? Hast du einen Weg gefunden, es so zu nutzen, dass du dich wohlfühlst?

Nun, du fragst in einem besonders schlimmen Moment. Kurz vor diesem Interview habe ich einen Protestsong von mir [„My Country is Burning“] erneut gepostet, den ich vor einiger Zeit geschrieben habe. Aber ja, Social Media ist für mich schwierig. Das war es schon immer. Inzwischen ist es aber ein wichtiger Teil meines Jobs, das habe ich nicht erwartet, als ich angefangen habe! Ich hatte damals eine MySpace-Seite und wollte nicht einmal die machen. Aber mein Manager hat mich dazu gezwungen!

Es fühlt sich irgendwie immer unpassend an. Aber manchen Menschen gelingt es gut, das macht dann schon Spaß. Es kann durchaus hilfreich sein, um auf Organsiationen, Telefonate oder Geldspenden aufmerksam zu machen. Es steckt viel Kraft darin, die ich manchmal zu nutzen versuche, aber es fällt mir nicht leicht. Es geht bei mir hin und her, zwischenIch will das gar nicht sehen und Ich will lernen, es gut zu nutzen.

„Die Mörder an der Macht haben Empathie und Menschlichkeit ausgeschaltet. Ich denke, Kunst ist ein Teil dessen, was uns zu Menschen macht. Akte der Kreativität sind Akte der Freiheit, und sie sind wichtig.“

Während meine Heimat brennt und meine Albträume darüber, was aus einer Regierung werden kann, wahr werden, mache ich Performances, bin Künstlerin und frage mich: Was ist der Sinn des Ganzen? Aber ich glaube, es bewirkt etwas Wichtiges. Kunst verabschiedet keine Gesetze oder befreut Menschen aus dem Gefängnis, aber manchmal bringt sie Menschen durch das Gefühl, gefangen zu sein. Und es unterstreicht, ein fühlender Mensch zu sein. Die Mörder an der Macht haben Empathie und Menschlichkeit ausgeschaltet. Ich denke, Kunst ist ein Teil dessen, was uns zu Menschen macht. Akte der Kreativität sind Akte der Freiheit, und sie sind wichtig. Das Leben der Menschen zu verbessern, ist wichtig. Wenn die Lage so schlimm ist wie jetzt, frage ich mich, warum arbeite ich nicht den ganzen Tag daran, sicherzustellen, dass Bundesagenten nicht in meine Stadt kommen und Leute töten? Dann atme ich ein paar Mal durch und erinnere mich daran, dass ich die Menschen unterstützen kann, die genau das tun. Ich gehöre nicht zu denen, die es direkt tun können. Aber das, was ich tue, ist auch nicht völlig nutzlos.

Siehst du deine Musik in irgendeiner Weise als Protestmusik?

Das habe ich früher gesagt. Ich weiß es nicht. Alles ist Freiheitsmusik, und ich denke, sie soll unsere Menschlichkeit stärken. Vieles davon ist mein Versuch, mich selbst aufzurütteln, um mich daran zu erinnern: Diese Gefühle und das Wissen, all was, was du gefühlt und gekannt hast, ist tatsächlich real. Und es ist nicht unaussprechlich. Es kann gesagt und geteilt werden. Es gibt viele entmenschlichende Kräfte in unserer Welt. Ich möchte eine humanisierende Kraft sein. Und das kann man schon als Protestmusik definieren.

Das Interview wurde ins Deutsche übersetzt. Das englische Original könnt ihr hier lesen.

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