Enny im Interview: „Wir sind dazu erzogen worden zu glauben, dass es immer nur Platz für eine Frau im Raum gibt“

Als ich im Oktober mit der Londoner Rapperin Enny in der Lobby des Michelberger Hotels sitze, fühlt sich das an wie eine Episode aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Einer, in der man Künstler*innen noch face to face auf einen Plausch getroffen hat als wäre es das Normalste auf der Welt, anstatt am Telefon oder in einem Video Chatroom, wie es seit Beginn der Corona Pandemie üblich ist. Und auch Enny, die für einen kurzen Presstrip nach Berlin gekommen ist wirkt, als befinde sie sich mitten in einer Abenteuerreise. 

Und irgendwie tut sie das auch. Denn Enny hat das Abenteuer auf sich genommen, im Jahr 2020 ihre Karriere als Musikerin an den Start zu bringen. Mut zahlt sich ja bekanntlich aus, und so bekam sie für ihre kürzlich veröffentlichte Single „Peng Black Girls“ mächtig Zuspruch – unter anderem von UK Star-Radio-Host Nick Grimshaw, der sich persönlich als Fan outete. Bei einem Kaffee plaudern Enny und ich nicht nur über ihre Pläne für die Zukunft, die sie 2020 so beherzt in Angriff genommen hat, sondern, es bleibt im Moment einfach nicht aus, auch über den Zustand der Welt im Allgemeinen. 

Ich muss sagen, dass ich großen Respekt davor habe, dass du in diesem schwierigen Jahr den Mut aufbringst, als Künstlerin durchzustarten. 

Es ist eine seltsame Zeit. Vor allem in England gibt es nicht besonders viel Unterstützung für die Kunst. Es gab da eine Werbekampagne von der englischen Regierung…

mit der Ballerina? „Hör auf mit der Kunst, lern etwas Richtiges?“

Widerlich. Vor allem wenn man bedenkt, wieviel Kunst auch zur Wirtschaft beiträgt. So viele Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt mit Kunst. Es ist so respektlos ihnen gegenüber. Die Anzeige war auf der Webseite der Regierung. Sie haben sie inzwischen runter genommen, aber sie schwirrt immer noch im Internet herum. So etwas vergisst man nicht. 

Hast du so eine Haltung schon einmal persönlich zu spüren bekommen? Unterstützt dein Umfeld dich, oder gibt es auch Menschen die dich für verrückt halten, ausgerechnet jetzt eine Karriere in der Musik in Angriff zu nehmen?

Ich habe zum Glück sehr viel Unterstützung. Manchmal frage ich mich selbst, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Wir haben ja schon seit längerer Zeit geplant, dass dieses Jahr die erste Single raus kommt. Wichtig ist, dass man sich den Begebenheiten anpasst und gleichzeitig das Momentum nicht verliert. Aber ja, niemand um mich herum hat mir gesagt, ich soll lieber etwas Vernünftiges machen. 

Menschen wie du, die es trotz aller Schwierigkeiten wagen, geben mir regelrecht Hoffnung für das Überleben der Kunst. 

Es hat etwas Spirituelles, ja. 

Erzähl mir ein bisschen von Anfang an. Wann genau hast du angefangen, Musik zu machen?

Musik gemacht habe ich gefühlt schon immer. Als Kind hatte ich ein Keyboard, auf dem ich herumgeklimpert habe. Ins Studio gegangen bin ich zum ersten Mal 2017 und habe ein paar Songs aufgenommen. Ich hatte nicht wirklich vor damit etwas zu machen, aber die Leute, die sie gehört haben, haben sie gut aufgenommen und mich ermutigt weiter zu machen. 

Dann hast du früh angefangen. Du bist ja immer noch so jung.

Das ist schön, dass du das sagst. Die Gesellschaft gibt einem manchmal ein anderes Gefühl. Wenn du 25 bist erwartet man von dir, dass du genau weißt wo es lang geht und deinen Kram auf der Reihe hast. Besonders in der Gegend, in der ich lebe. Da geht man davon aus, dass du mit 25 ein fertiger Mensch bist (lacht).

Ich habe früher nie darüber nachgedacht. Es gibt heutzutage so viele junge Künstler*innen, die mit 18 schon zehn EPs raus gebracht haben. Ich finde das immer sehr beeindruckend, habe aber erst kürzlich so richtig realisiert, wieviel Druck dadurch auch entsteht.

Definitiv. Aber wenn ich mit 18 angefangen hätte, das hätte für mich keinen Sinn gemacht. Ich mache heute die beste Musik, die ich machen kann. Songs entstehen ja auch aus Erfahrungen und aus der Person, die man in dem Moment ist. Aber es gibt nie nur den einen richtigen Weg etwas zu tun. Ich selber habe einfach etwas mehr Zeit gebraucht.

Und jetzt bringst du deine ersten Singles raus und kannst noch nicht einmal live spielen…

Ich hoffe auf nächstes Jahr. Ich hatte das Glück, dass ich kürzlich zwei kleine, intime Gigs spielen konnte. Es hat mich daran erinnert, wie wunderschön Live Musik ist. Selbst in diesem seltsamen, kleinen Rahmen zu spielen hat sich sehr befreiend angefühlt. Wir nehmen solche Dinge als viel zu selbstverständlich hin. 

Ich muss ja sagen, ich habe ein großes Faible für britischen Hip Hop.
Wirklich? Das finde ich super. Ich kriege oft Kommentare von Leuten aus den USA, die sagen sie finden den Akzent furchtbar. Es gibt da viele Vorurteile. 
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Ich finde gerade den britischen Akzent oft so viel cooler!

(lacht) Das freut mich sehr. 

Als ich deine Single „Peng Black Girls“ gehört habe, musste ich an eine Situation denken, die ich im Sommer hier in Berlin erlebt habe. Zwei schwarze Mädels standen auf der Straße, als eine dritte, wunderschöne schwarze Frau die Straße entlang kam. Und die beiden haben ihr laut applaudiert und hinterher gerufen, wie schön sie doch wäre.

Sick! 

Ich fand das großartig und gleichzeitig ein bisschen traurig. Irgendwie sieht man sowas viel zu selten unter weißen Frauen. 

Ich liebe es, wenn so etwas passiert. Ich weiß nicht, warum es oft so viel schlechte Energie unter Frauen gibt. Das ist auch nicht nur bei Weißen so. Ich habe aber das Gefühl, dass es sich langsam ändert. Wir rücken ein bisschen enger zusammen, auch wenn es nur Schritt für Schritt passiert. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Frauen von der Gesellschaft gezwungen werden, stärker miteinander zu konkurrieren. Wir sind dazu erzogen worden zu glauben, dass es immer nur Platz für eine Frau im Raum gibt. Deshalb denken wir viel zu schnell: wenn sie es schafft, dann kann ich es nicht. Das sind die Barrieren, die wir niederreißen müssen. Und daran glauben, dass es Platz für uns alle gibt. Dass wir hier sein, uns ausbreiten und uns entwickeln dürfen. 

Und deswegen brauchen wir mehr Frauen in wichtigen Positionen! Besonders auch in der Musikbranche.

Oh Gott, ja. Ich bin von so vielen Männern umgeben. Ich bin immer wieder in Situationen, in denen ich denke, ich brauche ganz dringend mehr weibliche Energie um mich herum. Produzenten sind immer Männer. Wo sind die Frauen in diesen Positionen?

Warum denkst du ist das so?

Ich habe keine Ahnung. Vielleicht haben Jungs immer noch mehr Freiheiten, Sachen für sich auszuprobieren? Es gibt immer noch dieses Denken, dass für Frauen eine gewisse Anzahl von Wegen vorbestimmt ist. Geschlechterrollen sind in der Gesellschaft immer noch sehr verankert. Es gibt tatsächlich großartige Producerinnen – aber leider viel zu wenige. 

Meine Hoffnung ist ja, dass diese seltsame Zeit uns hilft, auf Dinge wie diese aufmerksam zu machen, weil wir mehr Zeit haben zuzuhören und uns damit zu beschäftigen. 

Definitiv. Ich glaube es gibt viel Wut, weil die Welt plötzlich stoppte und man all diese schrecklichen Dinge bemerken konnte, von denen einen früher das Leben und die Arbeit abgelenkt haben. Covid hat uns quasi dazu gezwungen, uns hinzusetzen und unsere Gesellschaft zum ersten Mal seit langem richtig zu sehen. Viele schlimme Dinge wie Rassismus sind Teil des Systems, deshalb muss das System zerlegt werden. Aber viele Menschen wollen das nicht, weil sie gewöhnt daran sind, wie die Dinge sind. 

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, die mir vermittelt hat, dass ich alles sein und werden kann was ich will. Ich muss zugeben, es ist mir erst dieses Jahr, besonders durch die Black Lives Matter Bewegung, so richtig bewusst geworden, was für ein großes Privileg das ist. 

Ich wollte schon immer Rapperin werden, aber ich habe immer gedacht, ich bin zu dunkelhäutig dafür. 

Wirklich?!

Oh ja. Auch im Hip Hop gibt es vorherrschende Schönheitsmerkmale und die beinhalten, dass zu dunkelhäutig nicht cool ist. Das hat sich erst in den letzten Jahren ein wenig geändert, dass es auch Platz für Frauen wie mich gibt. 

Das macht mich unglaublich traurig. 

Ich weiß. Aber es tut sich etwas!

Hast du die Serie „I May Destroy You“ gesehen?

Oh Gott, ja! Michaela Coel ist eine absolute Heldin. Sie hat das alles geschrieben, spielt die Hauptrolle… dass es in der Industrie Platz für eine Frau wie sie gibt, dass sie so eine Serie machen konnte… das zeigt uns dunkelhäutigen Frauen, dass es tatsächlich möglich ist! Gleichzeitig, wenn man zum ersten Mal davon hört, fragt man sich automatisch: werden sich die Leute das auch anschauen? Wird es ihnen gefallen? Haben die Leute wirklich Lust, sich so intensiv mit einer dunkelhäutigen Frau auseinander zu setzen? Es ist großartig zu mit anzusehen, wie dunkelhäutige Frauen an Orten aufblühen, die ihnen schon längst hätten zustehen sollen. 

Das erinnert mich an den neuen „Borat“ Film. Darin geht er mit seiner angeblichen Tochter in ein Bräunungsstudio und fragt die Angestellte anhand einer Farbskala, wie dunkel sie maximal werden sollte, damit die Rassisten sich nicht angesprochen fühlen. 

(lacht laut) Das ist wahnsinnig komisch. Aber leider auch nicht so weit von der Realität entfernt. 

Um nochmal zurück zur Musik zu kommen: was machst du als nächstes? Schreibst du erstmal weiter?

Ich versuche es. Ich habe schon sehr viel Musik fertig, die ich veröffentlichen kann. Das ist gut. Schreiben ist im Moment nicht so leicht. Dafür muss man etwas erleben, und dieses Jahr ist leider nicht besonders viel passiert (lacht). Es war wunderbar, wenigstens einmal kurz aus England raus zu kommen. Hoffentlich gibt mir das ein bisschen Inspiration und neue Perspektiven.