
Rechtzeitig zur Hitzewelle hat Tom Hessler aka Der Assistent sein neues und drittes Album „Ultramarin“ veröffentlicht. Die Songs bewegen sich tänzelnd zwischen französischer Siebziger-Jahre-Disco, Yacht-Pop und trippigem Downbeat, erzählen eine zusammenhängende Geschichte und laden dazu ein, leicht melancholisch in der Sonne dahin zu schmelzen.
Also haben wir über die neue Reise des Assistenten geredet. Zwar nicht am Strand, dafür aber in Berlin Kreuzberg, bei Kaffee und Kuchen. Dabei herausgekommen ist ein Gespräch über die mediterrane Art der Sehnsucht, das Öffnen von Kanälen und die Erzählung einer vermeintlichen Heldenreise.
Der Assistent ist wieder da, zum dritten Mal! Was hat sich für dich am meisten verändert?
Ich bin ja jetzt mein eigenes Label. Das ist befreiend und ermächtigend – Empowerment! Es ist aber auch crazy. Gleichzeitig habe ich gemerkt, ich mache eh die ganze Arbeit, mit wenigen Abstrichen. Klar, ich habe meinen Bandcamp-Shop früher nicht selbst verwaltet. Aber das mache ich jetzt, und das macht ehrlich gesagt nicht so einen großen Unterschied. Und das fühlt sich total gut an! Es ist das dritte Album in vier Jahren, das ist wirklich ein Sprint gewesen.
Ich bin sehr dankbar, dass ich meine kleine Nische habe, aus der heraus ich assistieren kann. Was soll die Sehnsucht nach der großen Bühne, vor der einem ganz viele Leute zujubeln. Das ist eine Sache. Aber im Kleinen eine Resonanz zu haben… da geht’s ja auch gar nicht so sehr um mich, sondern darum, was der Assistent für mich und für andere leisten kann. Das ist irgendwie cool. Die Darkness, die ist schon genug in der Luft. Warum soll ich auch noch in der Musik diese Gefühle reproduzieren.
Ich weiß auch gar nicht so richtig, woran ich es festmache, aber irgendwie klingt dieses Album ein bisschen heller als dein letztes.
Sie hat mehr Höhen. Aber andere finden sie auch ganz schön melancholisch (lacht).
Aber Melancholie ist ja nicht zwingend dunkel. Man kann auch am Strand sehr schön melancholisch werden.
Die Sehnsucht als Begriff ist ja kein unangenehmer Zustand, der weg muss. Dieses Bittersüße kann man quasi wie ein Getränk schlürfen. Das kennen wir Deutschen nicht so. Vielleicht noch in der Romantik. Aber da wird’s sehr schnell auch sehr düster. Ich finde diese mediterrane Art der Sehnsucht… das ist der Assistent-Default-Modus.
An einem Urlaubsort, wo es so richtig heiß ist, fühlt man sich ja auch nicht wahnsinnig aktiv.
Mehr so wie eine leicht deflatete Luftmatratze. Da kann man nur noch mit einem kühlen Getränk auf den Horizont glotzen und ein bisschen träumen.
Es gibt auch wirklich nicht so viel vergleichbare Musik in die Richtung, die hier aus Deutschland kommt.
Das ist ein großes Kompliment, finde ich. Gleichzeitig funktioniert es heute immer mehr so, dass das formatiert werden können dabei hilft, entdeckt zu werden. Gerade was die ganze algorithmische Einsortierung von Musik angeht. Ich denke schon oft, dass es einfacher wäre, wenn ich Englisch singen würde. Vielleicht gäbe es dann mehr andere Leute, zu denen man mich dazu sortieren könnte. In Deutschland ist das nicht so einfach.
Französisch hat sich ja schon mal eingeschlichen.
Ich habe jetzt auch einen französischen Vertrieb! Ich hoffe, dass die vielleicht ein paar meiner Platten außerhalb von Deutschland an Hörer*innen bringen.
Ich muss beim Hören auch an französischen Disco-Pop aus den Siebzigern denken.
Das steckt auf jeden Fall mit drin. Dann so bisschen kitschige Library Filmmusik aus den Achtzigern. Und so japanische, Reggae-artige, softe City-Pop-Musik. Halt was ich mir so anhöre, das hat sich da eingeschlichen. Und es klingt ein bisschen mehr HiFi als die letzten beiden Alben. Die klangen ein bisschen, als hätte die Kassette zu lange in der Sonne gelegen. Eigentlich müsste ich dieses Mal CDs und keine Platten verkaufen, weil es mehr klingt wie CD-Sound. Aber ich bin natürlich großer Platten-Fan.
Drei ist ja quasi eine magische Zahl – was ist für dich besonders an diesem Album?
Ehrlich gesagt war jedes Album eine ganz schöne Reise. Für mich, also nicht als der Assistent, sondern als der Produzent vom Assistenten, war es sauanstrengend. Beim letzten Album hatte ich einen Nebenjob, der sehr anstrengend war. Da bin ich nach Hause und habe noch bis spät nachts gearbeitet. Dieses Mal habe ich wiederum gedacht, ich muss mich beeilen, fertig zu werden. Vor allem, weil ich schnell wieder auf Tour gehen wollte, damit ich nicht wieder zurück in den Nebenjob muss. Gleichzeitig wollte ich nichts übers Knie brechen. Also wollte ich mich dazu zwingen, mich nicht zu sehr zu zwingen (lacht). Weißt du, was ich meine?
Zumal du als dein eigenes Label ja jetzt das Timing komplett selbst vorgibst, oder?
Ja ja! Du bist sozusagen dein Manager und dein Produzent – die müssten eigentlich zu dir sagen: ‚Das Konto ist ziemlich leer, wäre schön, wenn du ein bisschen schneller arbeiten würdest.‘ Aber der Künstler in dir, der Assistent sozusagen, der sagt dann: ‚So kann ich nicht arbeiten! Jetzt fällt mir gar nichts mehr ein.‘ Jetzt bin ich ja zum Glück schon lange genug dabei, um zu wissen, dass man nicht weiterkommt, wenn man so arbeitet. Also versuche ich immer wieder Zerstreuung reinzubringen. Letztes Jahr war es so, dass ich das erste halbe Jahr sehr intensiv gearbeitet habe und nichts Nennenswertes passiert ist.
Dann habe ich irgendwann gesagt, jetzt höre ich einfach auf. Und habe dann mehrere Wochen nur auf der Couch herumgelegen – und dann bin ich erstmal in Urlaub gefahren. Also Friedrich Merz‘ absoluter Albtraum. Im Urlaub hatte ich schon den Dauerohrwurm von „Ultramarin“, dann ging es plötzlich weg in einem Rutsch. Das war dann auch sehr viel, weil ich extrem viel Output hatte in kurzer Zeit. Aber die Kanäle waren plötzlich offen. Ich glaube es ist wichtig zu sagen: wenn man nur pusht, dann passiert nichts Gutes.
Ist das ganze Album plötzlich so schnell da gewesen?
Ja. Aber dann ging die Teilarbeit wieder los. Ich kann mich an Texten ja ziemlich lange mit Details beschäftigen. Da wird ein Wort immer wieder verändert. Aber vor allem auch Sound. Ich habe ganz lange daran festgehalten, was für Schlagzeug-Loops ich benutzt habe. Das waren so hip-hoppige Neunziger Jahre Breakbeats. Und ich wollte ganz lange nicht wahrhaben, dass es besser wäre, wenn Berend (Intelmann), der Schlagzeuger, das einfach spielt und sein eigenes Ding mit einbringt. Am Ende hätte ich mir so viel Zeit und Nerven sparen können, hätte ich das früher gemacht. Das ist aber auch aus wirtschaftlicher Not heraus passiert. Ich will die Leute ja bezahlen. Trotzdem sollte ich das als Learning mitnehmen. Überhaupt ab und zu mit Menschen zusammenzuarbeiten, die etwas beisteuern können. Das macht auch viel mehr Spaß. Es geht schließlich um Resonanz.
Ich finde es ja toll, dass man das Album entweder total entspannt und meditativ hören kann…
…oder du kannst, wenn du Lust hast, voll in die Texte rein gehen und das wie so einen psychedelischen Krimi hören. Podcasts sind ja so populär, habe ich gehört, weil die Leute die so oft hören, dass sie sich dabei entspannen können. Weil ihnen die Stimmen so bekannt sind. So möchte ich das eigentlich mit der Musik machen. Wenn du willst, kannst du die Inhalte genießen. Du kannst aber auch einfach nur runterkommen.
Was aber auch nicht heißt, dass das irgendwie belanglos vor sich hin düdelt.
Das ist total witzig. Gerade im Live-Bereich sagen viele Booker zu meiner Musik: Du spielst ja gar kein richtiges Instrument, das ist ja viel zu chillig, das kriegen wir bei uns nicht unter… Und wenn ich es dann doch hinbekomme da zu spielen, dann sind die oft total überrascht dass, obwohl es so entspannt ist, die Leute trotzdem ganz langsam dazu tanzen. Im Sitzen funktionieren meine Sachen gar nicht! Ich habe ja Grooves. Du kannst dich ganz langsam dazu bewegen. Also vielleicht funktioniert es für die Leute. Für mich ist es ein bisschen unbefriedigend. Die Leute schlafen zum Teil ein!
Das hat aber auch was!
Ach ja, ich liebe es. Aber wenn du auf der Bühne stehst, ist es schon ein bisschen unbefriedigend. Wobei, ich verschwinde eh die meiste Zeit im Nebel. So viel sehe ich gar nicht.
Wenn du anfängst zu schreiben, gehst du dann zuallererst inhaltlich ran?
Dieses Mal wollte ich eigentlich ein Buch schreiben und das Buch selber rausbringen, in einer fetten Verpackung mit Schallplatte, wo die Musik zum Buch quasi drauf ist. Ohne Texte, damit man das gemeinsam Libretto-mäßig konsumieren kann. Oder auch getrennt. Ich wollte einen psychedelischen, bisschen lustigen Krimi schreiben. Also hab ich damit begonnen und hab dann schnell festgestellt, dass es noch zu früh ist dafür und dass es noch ein drittes, richtiges Album braucht. Aber als Nächstes fände ich das richtig gut. Dazu brauche ich nur mehr Zeit. Also so richtig Zeit, Zeit.
Aber mit zunehmendem Alter ist das schon so, dass ich das Gefühl habe, ich brauche eine Geschichte. Die kann sich dann entfalten. Es gibt meistens eine musikalische Grundidee. Die Zutaten sind mittlerweile auch bekannt. Es kommt immer ein bisschen mehr von der einen oder der anderen Sache dazu. In dem Fall war es dieses Yacht-Ding, das ein bisschen stärker raus kam. Und die Idee von poppigem NDW, was ja auch schon früher da war. Grundsätzlich drehe ich immer nur an den Knöpfen. Aber dass es wie bei „Doppelgänger“ eine richtige Story gibt, mit einem retardierenden Moment und einem Plot-Twist, das ist quasi von der Buchidee übriggeblieben. Wenn ich das Buch gemacht hätte, wäre der „Doppelgänger“ wahrscheinlich der Titel geworden. Vielleicht war die Idee auch nicht stark genug und reicht jetzt nur für diesen Fünf-Minuten-Song.
Aber dieses Film-Noir-artige Erzählen, das ist so eine Struktur, an der habe ich einfach sehr viel Spaß. Mit der kann ich immer weitermachen. Das wird sicherlich noch so zwei-, dreimal ausgearbeitet werden von mir, in irgendeiner Form. Ich find’s gut, dass ich, als mittelalter Hetero-Cis-Mann, auf diese Art eine Geschichte von einer männlichen Figur erzählen kann, die quasi vermeintlich als Held durch diese Geschichte läuft. Und gleichzeitig kann ich das stark aufs Korn nehmen. Eigentlich bin ich eher ein totaler Clown. Das ist für mich ein guter Weg damit umzugehen, dass ich noch nie ein „richtiger Kerl“ war, aber jetzt einen viel entspannteren Umgang damit gefunden habe.
Womit wir bei der großen Frage wären, was denn genau „ein richtiger Mann“ ist.
Das Patriarchat dreht ja gerade nochmal richtig auf. In unseren Köpfen hat sich vielleicht viel verändert, aber auf der großen Bühne sieht die Sache ganz anders aus. Wir sind mehr denn je in der Situation, dass der, der stärker ist und die fieseren Strategien und Tools und die größere Keule hat, sich durchsetzt. Und dabei geht alles in den Arsch. Der Planet, das Zwischenmenschliche… ich versuche einfach, genau so nicht zu sein.
Ich mag ja diese Kindergeschichte so gerne von der Maus, die die Sonnenstrahlen sammelt. Wie viele Leute sitzen in ihren abbezahlten Häusern und sind total unglücklich. Da ist es doch besser, am Ende die Person mit den Sonnenstrahlen zu sein.
„Ultramarin“, das neue Album von Der Assistent, kann hier bestellt werden.
