Berlinale 2018: Immer mit der Ruhe

2018 ist das dritte Jahr in Folge, in dem ich berichterstattend auf der Berlinale unterwegs bin. Ein fulminanter Auftakt war das im Jahr 2016. Meryl Streep war Jurypräsidentin und saß jeden Tag vor mir im Kino. Die zehn Tage verdichteten sich zu einem regelrechten Rausch aus Pressekonferenzen, Partys, chinesischem Essen und – natürlich vor allem – Filmen. 2017 bin ich, was das ganze Drumherum angeht, etwas kürzer getreten. Eisern saß ich stattdessen jeden Morgen um neun Uhr im Kino, die erste Wettbewerbsvorstellung im Berlinale Palast ist eine die man gerne mal verschläft, wenn man am Abend vorher lange feiern war.
Dieses Jahr, was soll ich sagen: ich bin wieder bereit für den vollen Exzess. Und damit meine ich nicht nur Gratis Champagner auf Partys, bei denen im Zweifelsfall Lars Eidinger hinter den Plattentellern steht und glitzernde Pumps sich am Rande der Tanzfläche aufreihen. Nein, ich meine auch diese bizarre, süchtig machende Hektik, mit der sich so ein Berlinale Tag gestaltet. Kämpfen und rennen gehören dabei zum täglichen körperlichen Einsatz. Rennen vom Kino zum Hyatt und wieder zurück, kämpfen um die besten Plätze in den Pressekonferenzen, damit man auch einen guten Blick auf Robert Pattinson erhaschen kann. Ich bin bereit! Aber ist die Berlinale es auch?
Als ich am Donnerstagmorgen zu meinem ersten Pflichttermin, der Pressekonferenz mit der Internationalen Jury erscheine, frage ich mich, ob ich mich verlaufen oder in der Zeit vertan habe. Hier ist ja niemand! Der Pressesaal im Hyatt ist geöffnet, aber in den Reihen tummeln sich nur vereinzelt noch leicht verschlafen wirkende Parteien. Vor zwei Jahren stand man schon vor Öffnung des Raums in der Schlange und musste sich trotzdem ins Zeug legen, einen Platz in den vorderen Reihen zu bekommen. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber – Meryl Streep! Das war schon wirklich besonders.
Dieses Jahr hat das Amt des Jurypräsidenten Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Tom Tykwer übernommen. Um ihn gruppieren sich die belgische Schauspielerin Cécile de France, der japanische Komponist Ryūichi Sakamoto, der ehemalige Leiter des spanischen Filmarchivs Chema Prado, die Amerikanerin Adele Romanski, Produzentin des Überraschungs-Hits „Moonlight“ sowie die amerikanische Filmkritikerin Stephanie Zacharek. Es stimmt schon, der erste Impuls den man bei den meisten dieser Namen hat ist nochmal nachzulesen wer genau sie sind. Man ziert sich ein wenig dafür, aber offensichtlich fehlt der diesjährigen Jury ein klein wenig der Glamour-Faktor. Das ändert aber auch nichts daran, dass Tom Tykwer äußerst eloquent den Fragen der Journalisten begegnet und mühelos glaubhaft macht, dass er die ihm anvertraute Aufgabe sehr ernst nimmt. Dass Sakamoto mit seiner weißen Bob-Frisur irgendwie ein heißer Typ ist (von seinem musikalischen Können mal ganz abgesehen). Dass Stephanie Zacharek sympathisch und intelligent wirkt, was man nicht zwingend von jedem Filmkritiker sagen kann. Und dass alle zusammen sehr glaubwürdig wirken wenn sie versichern, wie sehr sie sich auf die kommenden Tage freuen. Sowohl Stephanie Zacharek als auch Cécile de France bezeichnen ihre Kollegen charmant als neue Freunde, mit denen sie gemeinsam Filme und gutes Essen konsumieren werden. Irgendwie hat diese Jury eine nicht ganz so spektakuläre, dafür eine sehr sympathische Ausstrahlung. Man hat das Gefühl, sie wird gute Entscheidungen fällen.
Gut, gehen wir es also etwas ruhiger an. Der Eröffnungsfilm, Wes Andersons „Isle of Dogs“, ist auf jeden Fall schon mal ein echtes Schmankerl. Ich bin ja per se großer Wes Anderson Fan und war schon bei „Der fantastische Mr Fox“ begeistert davon, wie seine Regievision völlig unabhängig davon funktioniert, ob er sie mit „echten Menschen“ oder als Animation umsetzt. Ich tendiere sogar dazu zu behaupten, dass „Isle of Dogs“ eines seiner besten Werke bis dato ist. Die Animation ist so liebevoll, sein altbekanntes Gespür für Timing, Bildkomposition und Musik so unverkennbar, dass ich 90 Minuten lang das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekomme. Und natürlich, auch das ist typisch Wes Anderson, bringt er ein exquisites Stimmen-Casting mit, das für ausreichend Glamour auf dem roten Teppich der Eröffnung gesorgt hat: „Breaking Bad“ Star Bryan Cranston, Greta Gerwig (die nicht nur Schauspielerin ist, sondern gerade als Regisseurin mit „Lady Bird“ für mächtig Furore sorgt), Jeff Goldblum und Bill Murray sind gekommen sowie Tilda Swinton, die mal wieder beweist, dass sie die coolste Socke von allen ist. In der Pressekonferenz sitzt sie nicht auf dem Podium, ist aber trotzdem im Publikum dabei und resümiert, sie wäre schon in jeder erdenklichen Funktion auf der Berlinale zu Gast gewesen, außer als Putzfrau. Das wolle sie dann nächstes Jahr in Angriff nehmen.


Überhaupt möchte ich in meinem nächsten Leben eine erfolgreiche Schauspielerin werden und mit Wes Anderson einen Film drehen. Neckisch schiebt der unglaublich sympathische Regisseur mit der niedlichen Nerd-Frisur sein illustres Ensemble auf die Tatsache, dass bei einem Animationsfilm niemand sagen könne, er habe keine Zeit. Aber es ist nicht zu übersehen, was für eine gute Chemie unter den Leuten auf dem Podium herrscht. Wes says it, you do it! Daran besteht kein Zweifel. Einzig nicht so richtig schlau geworden bin ich aus Bill Murray, auf den persönlich zu erleben ich mich besonders gefreut hatte. Er nippt lieber (als einziger) an seinem Weinglas, schließt gelassen die Augen und trägt eher wortkarg zur Unterhaltung bei. Vielleicht zu viel „chocolate and champain“, wie er selber sagt?
Aber: nicht dass hier der Anschein erweckt wird, ich wolle in das öde Lied vom Berlinale Abgesang mit einfallen. Die Berlinale ist eines der größten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt. Über 400 Filme laufen hier in zehn Tagen! Und wenn ich in diesen Tagen erlebe, von woher überall die Menschen kommen um Bericht zu erstatten, dann schwillt mir unweigerlich vor Stolz die Brust, dass ich dieses rauschende Fest quasi direkt vor der Tür haben darf. Es fällt nur  auf, dass dieses Jahr alles ein klein wenig ruhiger abzulaufen scheint. Selbst in den Pressevorführungen im Berlinale Palast bleiben zur besten Zeit einzelne Plätze leer. Nach zwei Tagen stelle ich fest, dass ich meine innere Berlinale Uhr auf einen etwas ruhigeren Rhythmus hinunter schrauben kann. Es reicht in der Regel 15 Minuten vor dem Film da zu sein, nicht 45. Und selbst wenn Robert Pattinson da ist, um den Wettbewerbs-Beitrag „Damsel“ zu präsentieren, halten nur wenige es wie schon erlebt für nötig, noch vor Beginn des Abspanns aufzuspringen und zum Presseraum hinüber zu hasten. Man kann sich den Film ganz entspannt bis zum Ende angucken, rüber schlappen und trotzdem mühelos einen guten Platz ergattern. Um dann ganz nebenbei, wie schon im Vorjahr, festzustellen, dass Robert Pattinson ein wirklich netter Typ ist und dass es absolut in Ordnung ist, dass meine Tochter für ihn schwärmt.
Und natürlich habe ich in den ersten Tagen noch mehr gute Filme gesehen. Dazu in Kürze mehr an dieser Stelle.

Foto Berlinale Palast: Richard Hübner

www.berlinale.de