Wasia Project im Interview: “Die Aufregung, bevor es Nacht wird”

Wasia Project ist das musikalische Projekt der Geschwister Olivia Hardy und Will Gao aus London. Als wir uns zum Gespräch treffen, ist der Berliner Sommer gerade auf einem schwitzigen Höhepunkt. Olivia und Will haben am Vorabend im Rahmen einer intimen Piano-Show ihre neuen Songs präsentiert und hängen zufrieden mit mir im Schatten eines Straßencafés im Friedrichshain ab, das auch ein Buchladen ist. Olivia freut sich, dass es in Berlin so einfach ist, englische Bücher zu finden. 

Dass die Songs des neuen Albums “Nocturne” so gut auch akustisch am Klavier funktionieren, ist besonders. Schließlich ist “Nocturne” stärker denn alles, was Wasia Project bis jetzt veröffentlicht haben, von Rhythmen und Clubsounds inspiriert. Will erzählt mir entsprechend von seinen Ausflügen ins Berghain und anderen Erlebnissen aus dem Berliner Nachtleben. 

Die beiden wirken wie entspannte Mittzwanziger und strahlen gleichzeitig ein hohes Maß an Kreativität aus. Beide scheinen die Kunst zu lieben und für sie zu leben (Will ist nicht nur als Musiker, sondern auch als Schauspieler tätig, in der Netflix-Erfolgsserie “Heartstopper” ist er in der Rolle des Tao zu sehen). Inmitten der Hitzewelle sprechen wir über Clubs und Natur, akustische Melodien und elektronische Beats, sowie das Bestreben, etwas zum Soundtrack des Lebens beizutragen. 

Ich habe gehört, dass Berlin eine große Inspiration für dieses Album war. 

Will: Das Berliner Nachtleben, ja. Ich bin da ein bisschen eingetaucht. 

Wo warst du überall?

Will: Ich habe ein Wochenende im Berghain verbracht. Also nicht komplett. Ich bin zwischendurch weg und wieder gekommen (lacht). Der Unterschied zwischen der Welt da draußen und so extremen Orten wie diesem hat mich fasziniert, als ich hier war. Ich war zum Beispiel im Club und bin dann ein paar Stunden auf dem Tempelhofer Feld spazieren gegangen. Ich habe hier quasi zwischen den Extremen gelebt (lacht). (zu Olivia) Du bist keine große Clubgängerin, oder?

Olivia (lacht): Nein. 

Ich finde es spannend, wie unterschiedlich ihr euch dem Album genähert habt. Du, Will, in den Clubs und dem Nachtleben, du Olivia, mehr durch die Natur, Ruhe, Abgeschiedenheit, früh aufstehen…

Olivia: Oh, ich weiß nicht, wo dieses Gerücht herkommt, aber ich stehe nie früh auf (lacht). Von meiner Persönlichkeit her würde man denken, dass ich ein Club-Mensch bin. Um richtig auszugehen, muss ich in genau der richtigen Stimmung sein. Manchmal sind meine Batterien sehr schnell leer. Ich bin unterwegs, habe Spaß und dann plötzlich das Gefühl, dass ich sofort nach Hause muss. Das habe ich manchmal sehr stark. Ich muss an solche Unternehmungen spontan rangehen, ich kann das nicht zu sehr planen. Auf jeden Fall bin ich noch nie freiwillig früh aufgestanden (lacht). 

Es ist ein bisschen verrückt, dass “Nocturne” euer Debütalbum ist. Ihr habt ja schon eine ganze Menge Musik veröffentlicht. 

Will: Ja. Es ist das erste Mal, dass wir so ein großes Projekt angegangen sind. Es hat sich anders als alles andere angefühlt, als wir es gemacht haben. Der Druck war auf jeden Fall größer. Das war komisch, denn bei unseren früheren Veröffentlichungen haben wir uns ziemlich frei gefühlt. Das war wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen einem Album aufzunehmen und einer EP. 

Und es war euch diesmal klar, dass aus den Songs ein Album entstehen würde?

Will: Das war auf jeden Fall klar, ja. Wir haben uns selbst mehr Druck als je zuvor gemacht. 

Habt ihr daraus irgendetwas Positives gezogen?

Will: Nein, daran war nichts wirklich positiv. Es hat uns nicht gut getan. 

Manch einer arbeitet ja besser unter Druck. 

Olivia: Es war zu viel Druck. Aber die Erwartungen an uns waren sehr hoch, und ich glaube, das hat uns letztendlich geholfen. Ich denke, dass wir das Album so sehr mögen, weil wir wissen, wie hart wir daran gearbeitet haben. Aber am Anfang des Prozesses haben wir uns sehr viel Druck gemacht, und das hat uns eher ausgebremst als nach vorne getrieben. 

Will: Das war einer der Gründe, warum ich nach Berlin gekommen bin. Weil mir dieser Teil der Arbeit keinen Spaß gemacht hat. Ich würde im Nachhinein aber sagen, dass dieser erste Teil noch gar nicht wirklich Teil der Arbeit am Album war. Ich glaube, so richtig haben wir mit dem Album letztes Jahr im September angefangen. Da haben wir Zeit damit verbracht, Songs zu schreiben und dann zu lernen, mit ihnen herumzuspielen. Aber wie Olivia sagt, der positive Teil des Drucks ist, dass wir sehr stolz auf dieses Album sind. Wir haben uns unglaublich ausgestreckt, in alle möglichen Richtungen. Ich glaube, dafür kann man ein bisschen Stress in Kauf nehmen. 

Ich finde, ihr habt auf diesem Album den Wiedererkennungswert eures Songwritings mit vielen neuen Einflüssen verbunden. Ich mag es sehr, wenn die Ruhe in euren Melodien auf den pulsierenden Beat trifft. 

Will: Ich liebe diesen elektronischen Clubsound auch sehr. Besonders weil er so neu für uns war. Ich wollte, dass wir uns mit diesem Album einen neuen Raum erschließen. Es ist hart, wenn man gewohnt ist, auf eine bestimmte Weise Songs zu schreiben und sich dann selbst in diese Richtung pushen möchte. Das war wirklich eine Herausforderung, aber das Ergebnis ist großartig geworden. Die Beats und die Produktion finde ich wirklich aufregend. Es ist so ein Schritt nach oben von allem aus gesehen, was wir bisher gemacht haben. 

Gestern habt ihr hier in Berlin die neuen Songs im Rahmen einer intimen Piano-Show akustisch performt. Es ist spannend und spricht für die Qualität der Songs, wie gut sie auch in reduzierter Version funktionieren. 

Olivia: So spiele ich eigentlich am allerliebsten. Vor allem in kleinen Räumen. Dadurch entsteht eine besondere Verbindung. Die Songs finden so zurück zu ihrer ursprünglichen Form. 

Weil sie so auch geschrieben wurden? Habt ihr mit akustischen Versionen angefangen?

Will: Ja, das hat sich mit der Zeit mehr und mehr verändert. Wir haben mehr mit Songs angefangen, die am Klavier geschrieben wurden, haben aber schnell gemerkt, dass das nicht der beste Weg war, dieses Album zu schreiben. Uns wurde klar, dass es besser funktioniert, wenn wir an Ideen und Skizzen direkt im Studio arbeiten. Dass wir dort das Fundament für die Songs legen und sie von dort aus aufbauen. Dafür mussten wir unseren gewohnten Prozess komplett umstellen. Einen Song wie “2515” würde ich nicht am Klavier schreiben. 

Olivia: Wobei er rein technisch dort entstanden ist. Obwohl er am Ende aus sehr vielen verschiedenen Ideen zusammengesetzt wurde, sind die meisten davon ursprünglich am Klavier entstanden. Aber dann haben wir sie genommen und damit gespielt. Ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass ich für diesen Prozess viel Stimulation brauche, soundtechnisch, um in Gang zu kommen. Bei “Vogue” zum Beispiel war die ursprüngliche Idee ein Sound, ein Gefühl, ein Vibe. Das kann man schwer verfolgen, wenn man nur akustische Mittel zur Verfügung hat. Wenn etwas von Anfang an in deinem Kopf ein Club-Song ist… verstehst du was ich meine?

Das habe ich mich tatsächlich gefragt, wie früh euch klar war, in welche Richtung die Songs gehen würden. Das finde ich spannend, dass du tatsächlich sagst, “Vogue” war für dich von Anfang an ein Club-Song.

Olivia: “Vogue” war auch gar nicht wirklich so geplant. Ich habe den Hook geträumt. Wir hatten noch eine Stunde im Studio und ich meinte okay, lass uns das ausprobieren. Unser Producer hat einen Beat hingelegt, Will hat sich den Bass geschnappt und es ist einfach so ein lustiger, fließender Vibe entstanden. Danach haben wir viel arrangiert. Aber so wurde die Idee geboren. Ein Vibe – die Aufregung, bevor es Nacht wird. 

Erzählt mir, wie eure Zusammenarbeit funktioniert. Habt ihr viel Reibung, oder fällt es euch leicht? Oder ändert sich das ständig?

Will: Ich denke, wir sind wie so ziemlich alle Geschwister. Geschwister zu sein bedeutet Ärger, Liebe, Fürsorge, extreme Wut… (Olivia lacht). All das. Obwohl ich nicht finde, dass wir uns besonders schlimm streiten. 

Olivia: Aber es gibt bestimmte Dinge, die fühlst du nur gegenüber deinen Geschwistern. 

Will: Wir sind sehr unterschiedlich. Und Gegensätze ziehen sich an, besonders im Kreativen. Wir haben beide sehr starke Meinungen, vor allem im kreativen Prozess. Aber letztendlich haben wir vor allem eine Menge Spaß miteinander. Es ist sehr komplex. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Aber wir machen Musik zusammen, es funktioniert. Sie entsteht aus Mitgefühl und einem gemeinsamen Sinn dafür, was wir im Leben erreichen wollen. 

Olivia: Dadurch, dass wir als Geschwister beruflich miteinander arbeiten, müssen wir sehr professionell sein im Sinn von wie wir miteinander umgehen und wie wir aufeinander hören. Ich glaube, das würden wir so nicht tun, wenn wir nicht miteinander arbeiten würden. Ich glaube, wir sind beide sehr ernste, sensible Menschen. Wir sind sehr unterschiedlich, aber wir können uns sehr ernst und tiefsinnig unterhalten. Und die Arbeit schafft eine weitere Ebene dafür. Außerdem hilft es, dass wir uns so gut kennen. So würde ich es beschreiben. 

Ich finde, ihr strahlt auch etwas sehr Erwachsenes aus. Sowohl privat als auch in eurer Musik. 

Will: Das nehme ich als Kompliment (lacht). Danke dafür. Ich finde Tiefe sehr wichtig in der Arbeit. Ich habe schon immer Künstler bewundert, die in ihrer Arbeit viele verschiedene, tiefe Ebenen aufmachen. Gestern habe ich gesagt, ich möchte Musik machen, die den Menschen etwas zurückgibt und zu der sie zurückkehren. Es gibt diese Künstler, zu denen man im Leben immer wieder zurückkehrt. 

Der Lebenssoundtrack. 

Will: Genau. So jemand möchten wir sein. Da liegt für mich der Wert drin, dieses Gefühl von Verbundenheit. Die Songs live zu spielen und zu sehen, was sie den Menschen bedeuten – das ist total verrückt. Und gewaltig.

„Nocture“, das neue Album von Wasia Project, ist am 18. September 2026 erschienen.

Wasia Project live:

25.11.2026 Berlin, Astra Kulturhaus

www.wasiaproject.com