
Eine Melodie in der Badewanne, aufgenommen mit einem Kumpel in dessen Wohnung und einfach online gestellt: Was 2020 eher zufällig beginnt, wird für nae ziemlich schnell zu mehr als nur einer weiteren kreativen Ausdrucksform.
Kunst war schon immer ein Teil ihres Lebens, ob beim Schreiben, Zeichnen oder Malen. Inzwischen ist Musik für sie längst mehr als eine weitere Möglichkeit, sich auszudrücken. Heute macht nae Popmusik über die Gefühle, die sie selbst beschäftigen und gibt mit “girl’s girl“ gerade einen ersten Vorgeschmack auf ihre Debüt-EP. Wir haben mit ihr über ihre musikalischen Anfänge, die ”panic years“, Songwriting, Tumblr und Mode gesprochen und darüber, warum sie sich als Künstlerin gar nicht endgültig festlegen möchte.
Du hast gerade bei PULS Startrampe Live in Augsburg gespielt. Wie war das für dich?
Das war für mich sehr aufregend. Es war mein erster Festivalauftritt und hat sich einfach sehr richtig angefühlt. Ich kann es kaum erwarten, noch mehr davon zu erleben.
Zurück zu den Anfängen: Du hast 2020 deine ersten Songs veröffentlicht. Wie hat das mit der Musik bei dir angefangen?
Ich habe schon immer gerne Gedichte und Geschichten geschrieben und mich in den verschiedensten Formen von Kunst ausgedrückt. Ich habe auch super gerne gesungen, aber nie mit dem Gedanken, irgendwann eine Musikkarriere zu starten. Das war überhaupt nicht mein Plan, und ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, das irgendwann als Beruf zu machen.
Dann habe ich eines Tages in der Badewanne etwas vor mich hingesungen, es aufgeschrieben und einem Kumpel geschickt, der zu der Zeit angefangen hatte, zu produzieren. Vom Timing her hat einfach alles gepasst, obwohl es total zufällig war. Er fand es richtig cool und hatte ein Mikrofon zu Hause, also haben wir den Song bei ihm aufgenommen und ich habe ihn einfach online gestellt.
Für mich war das zunächst nur ein weiterer Teil meiner Kunst, den ich teilen wollte. Davor hatte ich vor allem meine Zeichnungen und Bilder geteilt und Instagram als Artpage genutzt. Nach dem ersten Song kamen dann direkt Anfragen, wann die nächste Single kommt und was meine Pläne sind, auch von Leuten aus der Musikindustrie. Das war das erste Mal, dass ich dachte: Wow, vielleicht kann ich das wirklich irgendwann als Beruf machen und davon leben. Das hat etwas in mir ausgelöst und mir noch mehr Lust darauf gemacht, mich durch Musik auszudrücken.
Welche Künstler:innen haben dich am Anfang besonders inspiriert?
Ich kann das gar nicht auf ein oder zwei Personen reduzieren, weil ich es liebe, neue Künstler:innen und Songs zu entdecken. Ich bin aber ein großer Fan von The 1975. Außerdem habe ich viel Phoebe Bridgers und Clairo gehört, also sehr viel Indie-Pop, aber auch Bands wie The Cure und Künstler wie Conan Gray.
Mit der Zeit hat sich das gewandelt, weil sich natürlich auch mein Musikgeschmack verändert hat. Ich habe immer wieder unterschiedliche Phasen.
Deine ersten Songs wie “Summer Breeze“ waren noch auf Englisch, heute schreibst du auf Deutsch. Was hat diesen Wechsel ausgelöst?
Ich habe schon immer sehr viel englischsprachige Musik und generell viele englischsprachige Medien konsumiert, egal ob Filme, Musik oder YouTube. Deshalb hatte ich lange das Gefühl, mich auf Englisch besser ausdrücken zu können. Mittlerweile höre ich zwar mehr deutsche Musik als früher, aber irgendwann ist mir aufgefallen, dass es in der deutschen Musikszene nicht so richtig die Art von Popmusik gab, die ich selbst gerne höre.
Für mich war es deshalb auch eine kleine Challenge: Schaffe ich es, diesen Sound auf Deutsch umzusetzen? Mein Ziel ist es, damit Menschen wie mich zu erreichen, die hauptsächlich englischsprachige Musik hören und diese Art von Musik im deutschsprachigen Raum bisher nicht so finden. Ich finde, ich bin da auf einem guten Weg.
„Summer Breeze“ ist inzwischen einige Jahre her. Wie blickst du heute auf deine ersten Songs zurück?
Damals hatte ich gerade erst angefangen, überhaupt in dieses Mindset hineinzukommen, Songs zu schreiben und zu singen. Deshalb war alles noch sehr experimentell. Ich finde die Songs aber immer noch cool. “Summer Breeze“ ist bis heute einer meiner Lieblingssongs von mir. Er ist sehr ehrlich und genau das mag ich daran. Nichts daran ist überdacht, er ist einfach so aus mir herausgekommen. Musikalisch habe ich mich seitdem definitiv verändert und ich glaube, das wird auch immer so sein. Genau das finde ich so cool daran: Man kann sich ständig weiterentwickeln.
Wo würdest du deinen Sound heute musikalisch einordnen?
Meine Musik ist eine Mischung aus all den Songs, die ich jemals gehört, gemocht, analysiert und geliebt habe. Das Genre ist aber auf jeden Fall Pop. Ich mache Popmusik, auch wenn darin immer wieder Elemente aus anderen Genres auftauchen, zum Beispiel aus Rock oder Indie.
Wie entsteht ein typischer nae-Song, von der ersten Idee bis zum Studio?
Meistens beginnt es damit, dass ich eine Idee habe, mir eine Melodie einfällt oder plötzlich eine Zeile in meinem Kopf auftaucht. Manchmal schwirren diese Ideen einfach irgendwo herum und treffen einen wie ein Blitz aus dem Nichts. Dann muss ich sie sofort aufschreiben, weil ich überzeugt bin, dass sie sonst zu jemand anderem weiterfliegen. Deshalb schreibe ich eigentlich immer alles auf. An manchen Ideen arbeite ich dann erst alleine am Keyboard weiter und gehe später damit ins Studio. Ich mag es sehr, dort mit anderen Musiker:innen zusammenzuarbeiten, weil dabei Ideen entstehen, auf die man alleine vielleicht gar nicht gekommen wäre.
In deinen Songs geht es oft um sehr persönliche Themen, von Selbstzweifeln bis zu Beziehungen und mentaler Gesundheit. Wie viel Verarbeitung steckt für dich im Songwriting?
Auf jeden Fall viel. Wenn ich meine Songs höre, weiß ich meistens noch genau, aus welchen Erfahrungen, welchem Mindset oder welcher Inspiration sie entstanden sind. Ein Song ist dann wie eine Sammlung von Gedanken und Gefühlen. Gleichzeitig finde ich es schön, diese Erfahrungen in etwas Neues zu verwandeln. Ich liebe es generell, Erlebtes in etwas Kreatives umzuwandeln.
“panic years“ ist ein Begriff, der bei dir immer wieder auftaucht. Was bedeutet er für dich?
Für mich fasst der Begriff ziemlich gut zusammen, wie man sich in seinen Zwanzigern und in der Zeit davor fühlt. Ich fand ihn deshalb sehr passend als Oberbegriff für all die Themen, die ich gerade in meinen Songs anspreche. Als ich ihn zum ersten Mal gehört habe, dachte ich direkt: Ah ja, das ist der rote Faden für all diese Dinge. Darunter findet alles seinen Platz.
Deine aktuelle Single “girl’s girl“ ist in der S-Bahn entstanden. Wie wurde aus dieser ersten Idee der fertige Song und was bedeutet es für dich, ein “girl’s girl“ zu sein?
„”girl’s girl“ was a ride. Der Song ist einfach total natürlich entstanden. Ich habe ihn in der S-Bahn geschrieben und die Ideen ganz leise in mein Handy geflüstert. Im Studio haben wir die Lyrics dann noch einmal angepasst, weil ich meine Melodien meistens zuerst mit englischem Text schreibe und sie anschließend ins Deutsche übertragen. Ansonsten ist der Song eigentlich ziemlich selbsterklärend und erzählt die Geschichte so, wie sie ist. Ein „girl’s girl“ zu sein bedeutet für mich, eine gute Freundin zu sein, für andere einzustehen, aufeinander zu achten und loyal zu sein.
Du beschreibst dich selbst als “tumblr girl turned musician“. Wie viel Tumblr steckt heute noch in deinem Style und wie wichtig ist die visuelle Seite für nae?
You can take the girl out of Tumblr, but you can’t get the Tumblr out of the girl. Ich glaube schon, dass die Plattform und ihre Ästhetik meinen Style sehr beeinflusst haben und das bis heute tun. Deshalb steckt definitiv noch sehr viel von dieser Era in mir. Style ist ein sehr wichtiger Teil meines Künstlerdaseins und meiner Ausdrucksform. Gerade in Subkulturen hat Kleidung früher viel über die eigene Zugehörigkeit signalisiert. Ich habe das Gefühl, dass das in den letzten Jahren ein bisschen verwaschen ist und man Menschen nicht mehr so sehr anhand ihres Styles „lesen“ kann. Für mich ist Style aber eine wunderschöne Kunstform, um sich auszudrücken. Deshalb ist er auch ein sehr wichtiger Teil meines Projekts.
Mit deiner ersten EP wird aus den einzelnen Songs jetzt ein Gesamtwerk. Welche Seiten von dir werden wir darauf hören, die du bisher noch nicht gezeigt hast?
“girl’s girl“ ist auf jeden Fall nicht die einzige Seite, die man auf dieser EP von mir hören wird. Soundmäßig wird es auch noch in andere Richtungen gehen. Trotzdem hängt alles zusammen und findet immer wieder zurück zum Pop. Ich freue mich besonders auf die Songs, die man vielleicht nicht unbedingt von mir erwartet. Thematisch geht es vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstfindung und all die Dinge, die man fühlt, wenn man erwachsen wird.
Hast du inzwischen ein klares Bild davon, wer nae als Künstlerin ist, oder bist du selbst noch am Ausprobieren?
Ich habe auf jeden Fall meine Grundwerte als Künstlerin und als Person. Gleichzeitig finde ich, dass sich Kunst immer weiterentwickelt. Das ist für mich das Schöne daran. Mein Wunsch für mein Projekt ist, dass es sich gemeinsam mit mir weiterentwickelt und ich dadurch neue Seiten an meiner Musik entdecke, die ich selbst vielleicht noch gar nicht kenne.
Und wenn du ganz groß träumst: Wo soll das alles einmal hinführen?
Einer meiner größten Wünsche ist, dass sich Menschen durch meine Songs nicht alleine, sondern gesehen und verstanden fühlen. Und natürlich wäre es schön, wenn die Community irgendwann so groß ist, dass wir diese Songs alle gemeinsam in einer Arena singen können.
Hinweis: naes neue single „closure“ erscheint am 25. September.

