
Am 20. März haben BTS ihr neues Album “Arirang” veröffentlicht. Es ist ihr erster gemeinsamer Release nach mehreren Jahren – und entsprechend groß war die Aufmerksamkeit im Vorfeld. RM, Jin, Suga, J-Hope, Jimin, V und Jungkook kehren dabei als eine der prägendsten Popgruppen der letzten Dekade zurück.
Neues Zusammenfinden statt Rückkehr zum Alten
Der verpflichtende Militärdienst in Südkorea führte dazu, dass BTS zeitweise nicht als vollständige Gruppe aktiv waren. Gleichzeitig eröffnete sich durch die versetzten Einberufungen Raum für Solo-Projekte und individuelle künstlerische Entwicklungen. “Arirang” bringt diese unterschiedlichen Entwicklungen nun wieder zusammen – nicht als Rückkehr zum Alten, sondern als ein neues Zusammenfinden, in das all diese individuellen Erfahrungen und künstlerischen Wege mit einfließen.
BTS’ Weg an die Spitze der globalen Poplandschaft war dabei alles andere als selbstverständlich. BTS haben sich aus vergleichsweise kleinen Anfängen zu einem der prägendsten Acts ihrer Generation entwickelt. Mit mehreren Nummer-Eins-Alben in den US-Charts, ausverkauften Stadiontouren weltweit und Milliarden an Streams haben BTS eine Position erreicht, die im Popkontext selten ist. Vor diesem Hintergrund war die Erwartung an ein gemeinsames Comeback entsprechend hoch.
Mit “Arirang” schlagen BTS dabei eine Richtung ein, die sich nicht sofort einordnen lässt. Ein Großteil des Albums entstand in Los Angeles, gemeinsam mit internationalen Produzenten wie Ryan Tedder, Diplo und weiteren Collaborators. Die Produktion bewegt sich damit klar im globalen Popkontext, ohne sich diesem vollständig anzupassen. Denn trotz dieser internationalen Zusammenarbeit folgt “Arirang” nicht den naheliegenden Mustern.
RM, Suga und J-Hope sind weiterhin maßgeblich am Songwriting und an der Produktion beteiligt, auch die anderen Mitglieder bringen sich hörbar ein. Viele der Songs tragen eine klare eigene Handschrift. So entstand ein Album, das sich bewusst nicht an Erwartungen orientiert, sondern konsequent seinen eigenen Weg geht. “Arirang” entfaltet seine Stärke vor allem in seiner Bandbreite. Die 14 Tracks wirken beim ersten Hören fast wie ein Nebeneinander unterschiedlicher Ansätze, entwickeln aber gerade daraus eine eigene Dynamik.
Heimat, Trennung und Zusammenhalt
Schon der Opener „Body to Body“ setzt den Ton, indem er das „Arirang“-Motiv aufgreift und mit einer treibenden, fast hypnotischen Energie verbindet. Gleichzeitig verweist der Song damit auf das traditionelle koreanische Volkslied „Arirang“, das für Heimat, Trennung und Zusammenhalt steht und hier in einen modernen Kontext übertragen wird. Mit „Hooligan“ folgt ein reduzierter Rap-Track, der sich bewusst absetzt, während „Aliens“ wieder vertrautere BTS-Vibes aufgreift, getragen von Harmonien und klaren melodischen Linien. „FYA“ verschiebt den Fokus in Richtung Club und Performance, mit deutlich hörbarem Einfluss von Diplo, während „2.0“ wieder an einen eher klassischen BTS-Sound anknüpft – oldschool, vibey und direkt zugänglich.
Dazwischen steht mit „No. 29“ ein ungewöhnlicher Moment des Albums. Der kurze Track besteht lediglich aus dem Klang der sogenannten Divine Bell of King Seongdeok, einer Bronze-Glocke aus dem 8. Jahrhundert, die in Südkorea als National Treasure No. 29 gilt. Mehr als ein Interlude ist es damit eine Art historischer Resonanzraum – ein Moment der Stille, bevor das Album in seine ruhigere zweite Hälfte übergeht.
In der Mitte entstehen ruhigere Momente: „SWIM“ bleibt als Single bewusst zurückgenommen und wirkt gerade dadurch, während „Merry Go Round“ mit seinen dichten Layers, weichen Übergängen und dem insgesamt psychedelischen Vibe klar an Tame Impala erinnert – nicht zufällig, da Kevin Parker an der Produktion beteiligt ist. „NORMAL“ gehört zu den stärksten Tracks des Albums, kraftvoll und klar strukturiert, mit Einflüssen, die sich in Richtung Ryan Tedder lesen lassen, ohne die eigene Identität zu verlieren.
„Like Animals“ setzt einen deutlichen Kontrast, bewegt sich in eine Indie-/Rock-Richtung und entwickelt vor allem über seine Gitarren eine eigene Dringlichkeit. „they don’t know ’bout us“ bringt eine jazzy, R&B-geprägte Note rein, während „One More Night“ wieder stärker in Richtung globaler Pop geht. Gegen Ende führt „Please“ zurück zu einem vertrauteren Gefühl, bevor „Into the Sun“ das Album mit einer leicht rockigen, offenen Note abschließt. “Arirang” setzt dabei nicht auf einen einzelnen dominanten Sound, sondern bewegt sich bewusst zwischen unterschiedlichen Richtungen; und genau daraus entsteht seine Stärke.
Eine Comeback der Superlative
Das Comeback-Konzert, das weltweit über Netflix gestreamt wurde, gab erstmals einen Eindruck davon, wie Arirang live funktioniert. Gleichzeitig war die Wahl der Location alles andere als zufällig: Mit dem Auftritt auf dem Gwanghwamun Square im Zentrum von Seoul – direkt vor dem historischen Gyeongbokgung-Palast – wurde das Konzert bewusst als nationales Ereignis inszeniert. Ein Ort, der sonst eher für politische Versammlungen und öffentliche Großereignisse steht, wurde hier zur Bühne für das Comeback der größten (K-Pop) Band der Welt.
Auch die Dimensionen unterstreichen diesen Anspruch. Zehntausende Fans waren vor Ort, während sich rund 260.000 Menschen insgesamt im Umfeld des Konzerts versammelten. Gleichzeitig wurde die Show in über 190 Länder übertragen und von Millionen weltweit verfolgt – einzelne Berichte sprechen sogar von rund 300 Millionen Zuschauer:innen im Stream.
Gerade die neuen Songs gewinnen auf der Bühne spürbar an Kontur. „FYA“ und „Body to Body“ entfalten eine Energie, die sich im Studio nur andeutet, während „Like Animals“ live noch einmal deutlich an Intensität gewinnt – insbesondere in den Vocals, die hier eine fast unmittelbare Präsenz entwickeln. Auffällig ist vor allem, wie selbstverständlich sich BTS in dieser Konstellation wieder zusammenfinden.
Schon kurz nach Veröffentlichung zeigt sich, in welche Dimension “Arirang“ vorstößt. Auf Spotify gelingt dem Album eines der größten Debüts der Plattform: Sämtliche 14 Tracks platzieren sich gleichzeitig in den Global Charts, ein seltener Moment, in dem ein Album die komplette Top-Rotation einnimmt. Auch in den länderspezifischen Charts erreicht Arirang in zahlreichen Märkten direkt Platz eins und zählt damit zu den global stärksten Releases des Jahres.
Parallel dazu dominiert das Album die iTunes-Charts in Dutzenden Ländern und erreicht auch auf Apple Music weltweit Top-Positionen. In Südkorea spiegeln sich diese Zahlen unmittelbar im physischen Markt wider: Bereits am ersten Tag wurden mehrere Millionen Exemplare verkauft – ein Wert, der selbst im K-Pop-Kontext heraussticht. „Arirang“ knüpft damit nicht nur an frühere Erfolge an, sondern verschiebt die Maßstäbe für ein Comeback dieser Größenordnung noch einmal deutlich.
Größer als Taylor Swifts „Eras Tour“?
Mit dem Übergang vom Comeback-Konzert zur nächsten Phase markiert Goyang den offiziellen Start der „Arirang-Welttour“. Von hier aus führt der Tourplan weiter durch die größten Stadien der Welt, darunter auch einige Termine in Europa. Schon jetzt wird deutlich, welche Dimension diese Tour annehmen könnte. Analysten gehen davon aus, dass die Arirang-Tour Umsätze von bis zu rund 1,8 bis 1,9 Milliarden US-Dollar erreichen kann. Damit bewegt sich BTS in einem Bereich, der bislang vor allem mit Taylor Swifts Eras Tour verbunden war, einem der erfolgreichsten Live-Projekte der Musikgeschichte.
Teilweise gehen Prognosen sogar noch weiter und sehen das Potenzial, dass BTS diese Dimension nicht nur erreichen, sondern perspektivisch übertreffen könnten. Auffällig ist dabei auch, dass ein Comeback in dieser Form im K-Pop-Kontext keine Selbstverständlichkeit ist. Viele Gruppen kehren nach dem Militärdienst nicht mehr vollständig zurück oder verlieren an Dynamik. Dass BTS hier einen anderen Weg gehen, fügt sich nahezu nahtlos in ihre bisherige Entwicklung ein.
Mit Blick auf die anstehende Tour bekommt das Album noch einmal eine andere Ebene. Nachdem ich BTS seit 2018 bereits mehrfach als Band und auch solo live erleben konnte, ist klar, dass viele dieser Songs auf der Bühne noch einmal eine ganz andere Wirkung entfalten werden. Dass die Tour dabei auch nach Europa führt und mit zwei Stopps in München am 12. und 13. Juli 2026 Halt macht, unterstreicht, wie global dieses Comeback gedacht ist. Für mich persönlich bleibt vor allem eines: Die Vorfreude darauf, diese Songs live zu erleben – und BTS wieder gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Balsam für mein Purple Army Heart.
Das Comeback-Konzert ist nach wie vor auf Netflix verfügbar – hier könnt ihr es ansehen.
