Gehört: „FREE SPIRITS“ von CA7RIEL & Paco Amoroso

Die Entstehungsgeschichte von „FREE SPIRITS“, dem neuen Album von CA7RIEL & Paco Amoroso ist, wie so ziemlich alles in der Welt des argentinischen Duos, eine recht wahnwitzige. Ursprünglich kündigten die beiden für Ende 2025 das Album „TOP OF THE HILLS“ an, zogen es aber am Tag der Veröffentlichung wieder zurück, zusammen mit einem Statement, man habe sich übernommen, zu viel vom Kuchen des Ruhms auf einmal abgebissen und sich daran verschluckt. Man werde sich bis auf weiteres zurückziehen, in sich gehen und überlegen, wie es weitergehen soll. 

Im Februar tauchte im Netz ein ominöses Video von Musiklegende Sting auf. Sting, der bekannt ist für seine Affinität zu Yoga und Spiritualtiät, verkündet darin, im Verborgenen ein geheimes Center gegründet zu haben, das FREE SPIRITS WELLNESS CENTER, in dem sich Künstler*innen zurückziehen, auf die Suche nach ihrem wahren Selbst gehen und im Idealfall als „FREE SPIRITS“ daraus hervorgehen können. Die ersten beiden Personen, die dieses Programm erfolgreich durchlaufen hätten seien, man ahnt es bereits, die beiden Argentinier CA7RIEL und Paco Amoroso. Und aus dieser spirituellen Reise sei das neue Album entstanden, passenderweise „FREE SPIRITS“ getauft. 

Das ist natürlich alles Quatsch. Zusammen mit dem Release des Albums haben CA7RIEL & Paco Amoroso einen knapp 15-minütigen Film auf YouTube veröffentlicht, in dem man sie das angebliche Programm durchlaufen sieht – von Stationen wie „Bio Neurological Restart“ über „Partnered Cryotherapy Session Producing Acute Neurophyiolosical Stress“ bis hin zu „Ego Death Sound Bath“. In Wahrheit handelt es sich bei „FREE SPIRITS“ um ein Konzeptalbum, das sich um die Themen Selbstfindung und -optimierung dreht und diese überzieht bis persifliert. Jede der Stationen dient dabei als Musikvideo zu einem der Songs. 

Es ist schwer zu sagen, wieviel Realität grundsätzlich in all dem steckt, ob es den Breakdown Ende 2025 wirklich gegeben hat oder ob bereits das mysteriöse, kurzfristig zurückgezogene Album (das Sting im Kurzfilm als das schlechteste Album, das er je gehört hat bezeichnet) Teil der Legendenbildung zum Release von „FREE SPIRITS“ ist. Und es darf natürlich hinterfragt werden ob es geschmackvoll ist, in einer Zeit, in der die Musikbranche von Krisen und Breakdowns geprägt ist, ein derartiges Narrativ für Marketingzwecke zu benutzen. Im besten Fall liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. 

Zugegeben, es macht auch ein wenig den Reiz von CA7RIEL & Paco Amoroso aus, dass sie sich gerne ein wenig am Rande des guten Geschmacks bewegen. Im Video zu „Goo Goo Ga Ga“ zum Beispiel gebärden die beiden sich gemeinsam mit Jack Black in übergroßen Babystramplern wie Säuglinge. In „Ay Ay Ay“ singen sie vom angeblich besten Sex ihres Lebens, für den sie am Ende buchstäblich bezahlen müssen. Unfassbar dass sie Anderson .Paak für diesen Quatsch gewinnen konnten. 

Nicht alle Songs auf „FREE SPIRITS“ bewegen sich auf dem gleichen Niveau. Etwas cringe Gags wie die beiden oben genannten reihen sich erstaunlich mühelos an ernsthaftere Nummern wie die auf den ersten Blick klassiche aber mehrfach von überraschenden Breaks durchsetzte Latin-Nummer „Ha Ha“ oder der solide Slow-Rock „Hasta Jesús Tuvo un Mal Día“, auf der sich „Mentor“ Sting die Ehre gibt und die übersetzt „Auch Jesus hatte mal einen schlechten Tag“ heißt.

Manchmal muss man angesichts derartiger lyrischer Köstlichkeiten laut lachen, manchmal wäre man froh, kein Spanisch zu verstehen. Aber vielleicht ist das auch der eigentlich große, geniale Gag des Albums, dass die angeblich spirituell geerdeten Rockstars sich immer noch auf dem gleichen Olymp des Größenwahns bewegen („GIMME MORE“, die erste Single aus dem nie erschienenen Album „TOP OF THE HILLS“, versteckt sich übrigens unter neuem Titel auf „FREE SPIRITS“. 

Was das gesamte Universum von CA7RIEL & Paco Amoroso umschlingt, ist ein nahezu grenzenloses Gefühl der Furchtlosigkeit. Kein Stil ist zu weit vom anderen entfernt, kein Gag zu peinlich, kein Stunt zu groß. Letzteres ist tatsächlich wörtlich zu nehmen, sind die beiden doch inzwischen für ihre fulminanten Liveauftritte bekannt, bei denen sie schon mal an Seilen von der Decke hängen, sich kopfüber in die Menge stürzen oder wie Jesus über selbige laufen – wenn er mal keinen schlechten Tag hat. 

Vor allem jedoch steht all dem ein schamloser Unterhaltungswille vor, der dafür sorgt, dass sich auf „FREE SPIRITS“ Ohrwurm an Ohrwurm reiht. Und wer es tatsächlich geschafft hat, bis zum Ende teilnahmslos herumzusitzen, dem sei versichert, dass es ganz zum Schluss noch einmal richtig ernsthaft zur Sache geht. „Lo Quiero Ya!“, nach „Beto’s Horns“ erneut eine Zusammenarbeit mit Fred again.. lässt Rosalías „Berghain“ ganz schön alt aussehen. Es wirkt alles tatsächlich ein bisschen wie aus einer anderen Dimension. Wenn es tatsächlich ein „FREE SPIRITS“ Programm gibt, dann haben Ca7riel & Paco Amoroso es definitiv erfolgreich absolviert. 

https://www.ca7rielypacoamoroso.com