
Ezra Furman und Harry Styles – eine Woche, zwei Artists, zwei Welten.
Am Sonntagnachmittag sprach ich mit der US-amerikanischen Künstlerin Liz (bekannt unter ihrem Bühnennamen Ezra Furman) in ihrer Garderobe im Berliner Columbia Theater. Furman, eine jüdische, bisexuelle und transgeschlechtliche Künstlerin, deren zehn Alben allesamt Formen von Protestmusik sind, bereitete sich darauf vor, am Abend vor ausverkauftem Haus zu spielen. Sie kam gerade von einer Tour durch vier Städte in Österreich zurück, wo Fans sie schon unterstützten, als sie vor fast 20 Jahren ihre Karriere begann.
Am Tag zuvor war der 37-jährige Intensivpfleger Alex Pretti in Minneapolis von ICE erschossen worden. Furman, die aus Massachusetts stammt und deren Großeltern den Holocaust überlebten, war sichtbar erschüttert von Prettis Tod, nur zwei Wochen nachdem in derselben Stadt auch Renee Good erschossen worden war. „Es ist schwer, darüber zu sprechen, was gerade in den USA passiert“, sagte sie. „Aber ich möchte darüber sprechen.“
Zur gleichen Zeit bereitete sich Harry Styles auf den Vorverkaufsstart für seine „Together Together“-Tour vor. Er hatte zu dem Zeitpunkt 50 Termine angekündigt: 30 davon im Madison Square Garden in New York, die übrigen in London, Amsterdam, Brasilien, Mexiko und Australien. Am vergangenen Freitag veröffentlichte er „Aperture“, seine erste neue Single seit mehreren Jahren. Als euphorischer Dance-Track beworben, besteht der Refrain aus der wiederholten Zeile: „We Belong Together“.
Wenn man am Sonntag im Internet unterwegs war, standen die Ermordung von Alex Pretti und das Comeback von Harry Styles mit hoher Wahrscheinlichkeit im Mittelpunkt der Berichterstattung. So funktionieren soziale Medien: Celebrity-Massenmarketing konkurriert mit menschlicher Tragödie um unsere flüchtige Aufmerksamkeit.
Währenddessen teilte Ezra Furman kurz vor unserem Interview still ein Lied erneut auf Instagram, das sie fast ein Jahr zuvor geschrieben hatte: „My Country is Burning“.
In Zeiten wie diesen, inmitten globaler politischer Turbulenzen, in denen der Satz „Das könnte hier niemals passieren“ beinahe wie eine Provokation wirkt, kann Kunst frivol erscheinen. Ist sie aber nicht. „Kunst ist ein Ausdruck von Freiheit“, sagte Furman mir. „Das ist es, was ihr Bedeutung verleiht.“ Wir sprachen über Prince und Elton John und darüber, dass sie sich trotz ihrer beständigen Karriere und zehn gefeierten Alben manchmal wünschte, sie hätte einen Song geschrieben, den man gemeinsam auf Hochzeiten singt, den einfach alle kennen. Kunst hat diese große Kraft, Menschen zusammenzubringen – besonders in den schlimmsten Zeiten, wenn wir sie am dringendsten brauchen.

Vielleicht dachte Harry Styles daran, als er „Aperture“ schrieb. Vielleicht dachte er am Sonntag auch an Alex Pretti, an Renee Good und an all die unschuldigen Menschen, die vom Trump-Regime verfolgt werden und zum Teil ihr Leben lassen mussten. Natürlich werden wir es nie erfahren, denn Harry Styles möchte – anders als Ezra Furman – nicht darüber sprechen. Harry Styles äußert sich nicht politisch. Wie bei allen Individuen und Unternehmen mit milliardenschweren Vermögenswerten ist die Regel, strikt unpolitisch zu bleiben.
Am Montagmorgen, als Ezra Furman für ein weiteres Konzert nach Hamburg reiste, gingen die Tickets für Harry Styles in den Verkauf. Ein Stehplatz im Innenraum in London kostet ab 198,95 Pfund. Direkt vor Harry zu stehen und das Gefühl des Zusammengehörens in seinem unmittelbaren Blickfeld zu erleben, kostet 279,45 Pfund. VIP-Pakete liegen zwischen 300 und fast 800 Pfund. Für die meisten Fans, die nicht in den wenigen Städten lebten, die Harry besuchte, kommen Reise- und Hotelkosten hinzu.
Selbst eingefleischte Fans äußerten ihren Ärger in den sozialen Medien. Eine Kollegin, die barrierefreie Tickets kaufen wollte, erhielt beim Anruf der Londoner Hotline noch vor der Öffnung lediglich eine Bandansage: bereits ausverkauft. Später kündigte Harrys Team an, dass von jedem verkauften Ticket ein Pfund an kleine Venues gespendet werde. „Ein Pfund?“, kommentierte ein Fan. „Bei diesen Preisen hätten es mindestens zehn sein müssen.“
Auf der Bühne in Berlin sprach Ezra Furman am Sonntagabend über den Horror der Ereignisse in den USA. Sie sprach über ihre Wut, aber auch über die Freude kollektiver Erfahrungen, über das Teilen von Kunst und gemeinsames Singen. „Das ist es, was freie Menschen tun“, sagte sie, bevor sie ihren Song „Tell Them All to Go to Hell“ anstimmte. Im ausverkauften Theater standen die Menschen Schulter an Schulter. Das ekstatische Publikum, aus allen Geschlechtern, Altersgruppen und ethnischen Hintergründen, jubelte, schrie und sang mit.
„Es gibt viele entmenschlichende Kräfte in der Welt. Ich möchte eine vermenschlichende sein“, hatte Furman mir an diesem Nachmittag gesagt. Ich hoffe, sie hat diese Kraft in Berlin in jeder Faser gespürt. Wir brauchen Kunst gerade jetzt – und ganz besonders Kunst wie ihre. Sie erzählte mir, dass Fans nach Konzerten oft zu ihr kommen und sagen, ihre Musik habe ihnen das Leben gerettet. Sie selbst denkt lieber, dass ihre Songs ihnen ein Werkzeug gegeben haben, mit dem sie sich selbst retten konnten.
Auch Harry Styles wurde in der Vergangenheit sicher gesagt, dass seine Musik Leben gerettet habe. Doch in diesen unvorstellbar schockierenden Zeiten wirkt er nicht mehr wie der Künstler, zu dem viele aufschauen wollen. „We belong together“ kann nur wie eine performative, leere Aussage wirken, wenn Tourpreise und ausgewählte Venues so viele Fans vom Live-Erlebnis ausschließen. Dass Styles queere Bildsprache nutzt, um diese Tour zu vermarkten, während er gegenüber den Medien weiterhin Varianten von „ich glaube nicht an Labels“ äußert, wirkt ignorant und taktlos, solange LGBTQ+-Menschen weltweit erleben, wie ihnen rechtliche Schutzräume entzogen werden. Versucht einmal, einer nicht-geschlechtskonformen lesbischen Person, die derzeit öffentliche Toiletten nur unter Angst benutzen kann, zu erklären, dass Geschlecht und Sexualität keine Rolle spielen. Hier gibt es keine vermenschlichenden Kräfte.
Natürlich werden Millionen Fans trotzdem Tickets für Harry kaufen. Doch das Grollen des Unmuts im Internet deutet darauf hin, dass Styles’ paillettenbesetzter Glanz nicht mehr ganz so strahlt wie früher. Wenn Zeiten hart sind, brauchen wir Kunst mehr denn je – aber wir wollen auch, dass unsere Künstler für etwas stehen. Wir wollen wissen, dass sie sich für die Welt interessieren und für ihre Fans, dass es eine Beziehung gibt, die über das rein Transaktionale hinausgeht.
„We belong together“ ist für Harry Styles eine wegwerfbare Zeile. Für Ezra Furman ist es eine ganze künstlerische Philosophie, so spürbar, dass sie keine plakativen Lyrics braucht. Sie spricht für sich selbst. Für mich – und für viele andere – gibt es keinen Zweifel daran, was unsere Welt in diesem Moment am dringendsten braucht.
Der Beitrag wurde auf Englisch verfasst und ins Deutsche übersetzt. Das Original lest ihr hier.
