Zwei Jahre Party nachholen: So war’s beim Sziget Festival 2022

Monatelang haben wir uns drauf gefreut: Das Sziget Festival ist zurück! Jetzt ist es schneller an uns vorbeigezogen, als uns lieb wäre, aber vergessen werden wir es so schnell sicherlich nicht.

Nach zwei Jahren Corona-Pause, besuchten dieses Jahr zur 28. Auflage des Festivals 450.000 Musikfans aus 103 Ländern das Sziget Festival in Budapest, um sich von dem überragenden Line-Up und der unbeschreiblichen Atmosphäre des größten Musikfestivals in der Europäischen Union, mitreißen zu lassen. Für viele war es das erste so richtig große Musikfestival seit Beginn der Corona Pandemie und wie auch schon bei anderen Festivals, die wir dieses Jahr besuchen durften, schien das Virus, zumindest für sechs Tage, wie vergessen. Masken wurden auf dem Sziget höchstens getragen, um sich vor dem Staub, der spätestens an Festivaltag 3 nicht mehr zu ignorieren war, zu schützen.

Als ich einen Tag vor Festivalbeginn in Berlin am Hauptbahnhof mit meinem Gepäck stand, um mich 14 Stunden lang in den Nightjet Richtung Budapest zu setzen, realisierte ich erst, wie viele Menschen aus der ganzen Welt den weiten Weg für das Sziget Festival auf sich nehmen. Denn ich war ganz offensichtlich nicht die einzige, die an diesem Gleis das Ziel „Island of Freedom“ hatte. Der Zug war voller Interrailer:innen, die in Budapest einen Zwischenstopp extra für das Festival einlegten.

Wenn ich die Leute fragte, warum sie zum Sziget kommen, hätte ich keine wildere Mischung aus Antworten erwarten können. Selbstverständlich nennen viele als Grund die Headliner:innen: Dua Lipa, Kings of Leon, Justin Bieber, Calvin Harris, Tame Impala und die Arctic Monkeys. Aber abseits davon freut sich jede:r auf etwas anderes und das ist es wahrscheinlich, was das Sziget so besonders macht.

Ein Festival (nicht nur) für Musikfans

Das Einzigartige am Sziget Festival ist, dass es an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt; die Fläche ist größer als man es sich überhaupt vorstellen kann, wenn man noch nicht das Vergnügen hatte, die Island of Freedom zu erkunden. Es gab dieses Jahr 53 Veranstaltungsorte, an denen 488 Künstler:innen aus 54 unterschiedlichen Ländern die Fans in ihren Bann zogen. Wer sich also nicht von der Main Stage weggetraut hat, hat wirklich was verpasst. 

Besonders die kleineren Bühnen, wie die Europe Stage oder die Light Stage, boten Möglichkeiten, neue Künstler:innen zu entdecken, und auch einige deutsche Acts konnten neue Fans für sich gewinnen. Milky Chance spielten direkt am ersten Festivaltag auf der Main Stage und heizten die Menge für Dua Lipa ein. Aber auch kleinere deutsche Bands konnten sich vor internationalem Publikum beweisen. Am Freitag spielten Pool auf der Light Stage, die dank der Band aus Hamburg bereits zur Mittagszeit gut besucht war. Pabst und Shelter Boy spielten jeweils auf der Europe Stage und vertraten auf dieser Bühne, die traditionell europäischen Newcomer:innen gewidmet ist, die deutsche Indie/Alternative Rockszene.

Wir haben uns hauptsächlich in den Bereichen Main Stage, FreeDome und Europe Stage herumgetrieben, weil auf diesen Bühnen Indie/Pop/Rock Künstler:innen spielten. Im Nachhinein bereue ich es ein wenig, dass ich mich nicht auch von den Beats auf der neuen HipHop Bühne „dropYard“ oder den elektronischen Klängen des „Musik Colosseums“ habe überzeugen lassen. Denn laut eines betrunkenen Niederländers, der am vorletzten Abend in mich hineingerannt ist, habe ich wirklich was verpasst.

Aber auch abseits der Musik gab es Einiges zu entdecken. Das Programm hätte vielfältiger nicht sein können und vor der Person, die sich wirklich von allen Aktivitäten auf dem Sziget ein Bild machen konnte, ziehe ich meinen imaginären Hut (genau wie vor denjenigen, die wirklich sieben Tage lang vor Ort gecampt haben. Ihr habt meinen vollsten Respekt.)

Das Sziget Festival ist seinem Motto „Love Revolution“ auch dieses Jahr treu geblieben. Da liegt es nicht fern, dass die Veranstalter:innen des Festivals auch politische Themen als festen Bestandteil des Programms einplanen. Ein großes Zeichen setzte diesbezüglich die Magic Mirror Bühne, die der LGBTQIA+ Community gewidmet war. Auf ihr wurden Panels, Wokshops und Filmvorstellungen zum Thema Queer-Sein und allem, was dazu gehört, gehalten. 
Das Thema Love Revolution passt einfach auf das Sziget, denn die Besucher:innen des Festivals hätten unterschiedlicher nicht sein können. Trotzdem kamen sie alle mit einem Gedanken zum Sziget: 6 Tage lang frei sein.

Selbstdarstellung und frei sein

Die Menschen, die das Sziget besuchten, waren bunt und laut und passten somit augenscheinlich genau in das Ambiente der Island of Freedom. Besonders interessant war auch zu beobachten, wie sich das Publikum von Tag zu Tag, abhängig vom jeweiligen Headliner des Abends, veränderte. Während am ersten Tag bei Dua Lipa das Publikum noch sehr durchmischt war (wer will schon Dua Lipa verpassen, wenn selbst Schauspieler Timothée Chalamet sich ihren Auftritt nicht entgehen lassen möchte), sah das bei den Arctic Monkeys am letzten Tag schon sehr anders aus (der sowieso sehr hohe Anteil an Brit:innen hat sich noch einmal verdoppelt).

Die Stimmung war jedoch an jedem Tag ungefähr gleichermaßen ausgelassen. Es schien so, als würden die Menschen innerhalb von sechs Tagen Sziget Festivals versuchen das nachzuholen, was sie in den letzte zwei Jahren verpasst haben, und es lässt sich Folgendes sagen: Wenn man das irgendwo versuchen sollte, dann auf dem Sziget. Während bei anderen Festivals jedes Bier im Portemonnaie schmerzt, hat das Sziget, trotz Inflation, von der auch Ungarn nicht verschont bleibt, wirklich annehmbare Preise. Und das nutzen die Besucher:innen zum Vollsten aus. Auch die Acts tauschten oft, schon fast automatisch, bei der Frage, ob das Publikum bei der Hitze denn auch genug trinken würde, das Wort „Wasser“ durch „Bier“ aus und die Crowd hieß das sehr willkommen.

Es waren die kleinen Momente, in denen wir alle realisiert haben, wie sehr uns das miteinander Musik erleben so sehr gefehlt hat. Wie zum Beispiel beim täglichen „BeReal“, wenn die ganze Menge gleichzeitig schrie „It’s time to be real“ und alle plötzlich in die Fotos anderer Festivalbesucher:innen sprangen. Besonders Lewis Capaldi scheint diese App sehr ernst zu nehmen, denn als ein Fan ihr Handy auf die Main Stage zu Lewis warf, damit er ihr BeReal Foto machen konnte, tat er dies zwar, aber nicht ohne den Kommentar, dass er die Meldung schon vor Stunden bekommen hatte und es ja nicht wirklich „Real“ von ihr wäre.

Überwältigendes Line Up

Als wir am letzten Festival Tag in einer Gruppe zusammen saßen und das Sziget 2022 Revue passieren ließen, kam selbstverständlich auch die Frage auf, welcher Act uns denn am meisten gefallen habe. Wir schauten uns alle nur in unsere komplett überforderten Augen. Mehr als ein „Puh…“, welches unseren Lippen entwich, kam bei den meisten dabei nicht raus. Wie soll man sich den bei diesem Line-Up auch entscheiden? Und warum sollte ich das überhaupt?

Eine naheliegende Antwort wäre Dua Lipa gewesen, denn kaum jemand legt solch eine Bühnenshow hin, wie sie es tut. Die Crowd singt bei fast jedem Song mit, denn Dua hat einfach viele Hits. Außerdem spielte sie am ersten Festivaltag und die Zuschauer:innen waren noch voller Energie. Eine etwas überraschendere Antwort, die ebenfalls in der Gruppe im Raum stand, war Froukje, eine niederländische Indie Künstlerin, die mit ihrem Song „Ik Wil Dansen, den Staub auf dem Boden vor der Europe Stage, ordentlich zum aufwirbeln gebracht hat. Arctic Monkeys ließen das Herz meiner inneren 14-Jährigen höher schlagen, während ich mit den gleichen Docs, die sie sich damals kaufte, zu „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ tanzte. Auch eine positive Überraschung waren Girli und Holly Humberstone, die beide jeweils mit ihrer All-Female-Crew, zeigten, dass weibliche Acts Rockmusik mindestens genau so drauf haben wie ihre männlichen Kollegen.

Im Endeffekt sind wir uns nicht einig geworden, welchen Act wir nun am besten fanden, aber das müssen wir ja auch gar nicht. Das gesamte Line Up hat das Sziget 2022 zu dem gemacht, was es war und wir würden keinen Act missen wollen (auch, wenn wir Justin Biebers Auftritt, mitsamt seiner Arbeitshandschuhe, immer noch nicht ganz verstehen…).

Wir kommen auf jeden Fall wieder. Wenn ihr jetzt auch Lust bekommen habt, nächstes Jahr das Sziget Festival auf der Island of Freedom in Budapest zu besuchen, dann haben wir gute Neuigkeiten für euch: Noch bis zum 20.08.2022 um 10:00 gibt es vergünstigte Early Bird Tickets im Vorverkauf. Und zwar genau hier:

https://szigetfestival.com/en/tickets

Fotos © Sziget Festival