Warum ich wünschte, Michel Birbæks Roman „Das schönste Mädchen der Welt“ würde es nicht geben

Die Berliner Musikrevue „Ein Hit ist ein Hit“ findet viermal im Jahr zu verschiedenen Themen mit äußerst illustren musikalischen Gästen statt. Selbst Hollywood Star Tilda Swinton ließ es sich nicht nehmen, bei der David Bowie gewidmeten Gala aufzutauchen und ihrem verstorbenen Freund zu huldigen. Man weiß vorab nie wer dabei sein wird, als Zuschauer kann man große Überraschungen erleben. So ein Abend besteht dementsprechend aus musikalischen Darbietungen extrem hohen Niveaus und charmanten Moderationen inklusive Tortendiagrammen zum jeweiligen Thema.

Warum ich das an dieser Stelle erzähle? Weil ich das Bedürfnis habe, mich noch einmal in aller Form bei den Machern von „Ein Hit ist ein Hit“ zu entschuldigen. Kürzlich saß ich mit mehreren Leuten zusammen und habe mich, als das Thema auf die Show kam, ausgiebigst emotional darüber ergangen, wie schrecklich ich den Prince zu Ehren abgehaltenen Tribute-Abend fand, der kurz nach seinem Tod vor zwei Jahren stattfand – nicht wissend, dass drei der mit am Tisch sitzenden netten Leute die Macher eben jener „Ein Hit ist ein Hit“ Shows sind. Nach einem kurzen Moment peinlicher Stille habe ich versucht, meine Standpunkt so konstruktiv wie möglich zu vertreten und bin dankbar, dass man mich zumindest wohlwollend angehört hat.

Es ist leider wahr, und ich kann es im Nachhinein auch gar nicht beschönigen – ich habe die Show in der Pause verlassen und saß kurze Zeit später Zuhause heulend auf dem Sofa. Das lag aber nicht, das möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, an der musikalischen Qualität der Darbietungen, auch wenn sie vielleicht nicht alle meinem persönlichen Geschmack entsprochen haben. Es scheint ein ganz automatisch ausgelöster Reflex zu sein, der sich zuverlässig bei so ziemlich allen Prince-Tributes bei mir einstellt: Ich möchte einfach nicht, dass es so etwas gibt. Ich kann den Grund dafür, dass diese Tribues existieren, auch zwei Jahre später noch nicht ertragen. Denn es gibt sie nur, weil Prince gestorben ist, und ich möchte nicht, dass Prince tot ist. Ich möchte nicht, dass andere Leute auf der Bühne seine Lieder singen, weil es mich jedes Mal daran erinnert, dass ich nie wieder erleben werde, wie er selbst es tut.

Trotzdem scheine ich leicht masochistische Züge an den Tag zu legen, wenn es um das Thema geht. Denn ich versuche es unbeirrbar immer wieder. Weil ich eigentlich das Bedürfnis habe, mich mit Menschen zu verbinden, die sein Verlust ähnlich erschüttert wie mich selbst. Ich habe mir Justin Timberlakes Super Bowl Halftime Performance angesehen, weil ich Justin wirklich gut leiden kann und weil ich dachte, er als von mir geschätzter Musiker wird das vielleicht auf ein Niveau heben, von dem ich mich positiv berührt fühle. Aber auch hier war sie sofort da, die Ablehnung. Wenn jemand mit einem auf einen Vorhang projizierten, leblosen Prince ein Duett singt, da zieht sich einfach alles bei mir zusammen. Tut mir leid, Justin.

Nächster Versuch, so viel zum Thema Masochismus. Ich lese Michel Birbæks Roman „Das schönste Mädchen der Welt“. Der Autor und Musiker (Birbæk hat inzwischen sechs Romane veröffentlicht und war 15 Jahre seines Lebens als Sänger mit Rockbands unterwegs) erzählt darin die Geschichte einer frischen Liebe, einer zaghaften Annäherung, die durch  die Nachricht von Prince‘ Tod auf die Probe gestellt wird. Denn der Protagonist Leo Palmer, ein ehemaliger Background-Sänger, ist genau so großer Prince Fan wie ich es bin. Die Nachricht vom Tod seines Idols wirft ihn dermaßen aus der Bahn, dass er die neu entdeckte Liebe zurück lässt und zurück in seine Heimatstadt reist. Zurück zu seiner ehemaligen Band, die er einst von einem Tag auf den anderen verlassen hat und deren ehemalige Schlagzeugerin obendrein seine Exfrau ist. Eine Reise in die Vergangenheit, eine Liebesgeschichte und vor allem eine große Liebesbekundung an Prince und seine Musik. Klingt herrlich.

Was ich Michel Bierbæk wirklich hoch anrechnen muss, ist die ungefilterte Leidenschaft, mit der er über Prince schreibt. Er behandelt es mit völliger Selbstverständlichkeit, dass der Tod eines geschätzten Musikers einen genauso tief treffen kann wie der Verlust eines guten Freundes. Die Trauer, die seine Protagonisten verspüren geht tief. Das mag albern finden, wer es selbst so nicht erlebt hat. Michel Bierbæk und ich sind was das angeht, auf jeden Fall auf einer Wellenlänge. Und dann beginnt seine Geschichte auch noch nach einem von Prince’ LoveSexy Konzerten, 1988 in der Dortmunder Westfalenhalle. Ich bin ein klein wenig jünger als Herr Bierbæk, weshalb ich damals nicht persönlich dabei war, aber jenes Konzert war für mich der Stein, der alles ins Rollen brachte. Gesendet auf Sat1, zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr, mit einer (!) Werbeunterbrechnung in der Mitte. Was damals nicht alles im deutschen Fernsehen möglich war! Ich, 13 Jahre alt, völlig gebannt vor dem Fernseher. Die VHS Kassette mit der Videoaufzeichnung, die ich mir bestimmt 100 Mal angesehen habe, besitze ich heute noch.

„Das schönste Mädchen der Welt“ hat mich durchaus unterhalten. Birbæks locker-flockige Erzählform ist manchmal nicht so ganz mein Stil, aber er schafft es, seinen Figuren und seiner Geschichte Tiefgang zu verleihen. Am Ende baut er noch eine richtig große emotionale Wendung ein, die einen unleugbar berührt. Und trotzdem muss ich schon wieder mit dem Entschuldigen anfangen. Es tut mir leid, Michael Bierbæk, dass ich so etwas sage über ein Werk, in das du offensichtlich so viel Herzblut gesteckt hast, aber ich wünschte einfach, dieses Buch würde es nicht geben. Ich wünschte, du hättest nie einen Grund gehabt es zu schreiben.

Dass er das Bedürfnis hatte es zu tun, kann ich absolut nachvollziehen und ich finde es großartig, mit welcher Leidenschaft er sich zu seiner Liebe zu Prince bekennt. Ach, ich glaube ich bin einfach nicht dafür geschaffen, in anderer Leute Trauer um ihn Trost zu finden. Ich finde es einfach nur scheiße, dass er tot ist. Aber, wie sagte damals ein Freund zu mir: „Es ist beschissen, dass er tot ist. Aber noch beschissener wäre es, wenn es ihn nie gegeben hätte.“ Das ist die ultimative Wahrheit. Ich glaube, dass ich einfach keine expliziten Prince-Tributes brauche, um mich an ihn zu erinnern. Weil sein Geist, sein Werk so vielerorts spürbar ist und es immer sein wird. Wenn ich zum Beispiel Janelle Monáes neues Album „Dirty Computer“ höre. Eine Platte wie diese würde es nicht geben, wenn Prince nicht gelebt hätte. Oder wenn ich mich mit einer Künstlerin wie Little Scream unterhalte, die aus ihrer Liebe zu Prince mit ihrer Musik etwas ganz Eigenständiges, Neues erschafft. So etwas macht mich viel glücklicher als jede noch so gut gemachte Prince-Coverversion. Mayte Garcias Biografie „The Most Beautiful – My Life With Prince“ hat mich sehr berührt und bei aller Trauer auch positiv gestimmt. Vielleicht komme ich mit dieser Form von Realismus besser klar. Es ist einfach so: Nothing will ever compare 2 him.

Ich hoffe wirklich, Michel Bierbæk nimmt es mir nicht übel, wenn ich sage, ich wünschte sein Buch würde es nicht geben. Irgendwie glaube ich, er versteht mich. Vielleicht gehen wir irgendwann mal einen miteinander trinken. Wir hätten uns bestimmt viel zu erzählen.

Michel Birbæks Roman „Das schönste Mädchen der Welt“ ist bei Blanvalet erschienen. Ihr solltet euch natürlich nicht so anstellen wie ich und ihn trotzdem lesen.