Max Herre im Interview: „Man muss sich erstmal auf den Weg machen, um anzukommen“

20 Jahre ist es her, dass wir gemeinsam bei unserem ersten Freundeskreis Konzert waren. Heute sitzen wir hier, in fröhlicher Dreierrunde und unterhalten uns mit Max Herre über sein neues Album „Athen“. Ein Album, das uns beide in den Tagen vor dem Interviewtermin mächtig beschäftigt hat. Weil es ein ganz schönes Paket ist, tiefgründig, melancholisch, ernsthaft und sowohl inhaltlich als musikalisch sehr mutig. Umso neugieriger waren wir, was Max uns dazu erzählen wird. Und hinterher fragen wir uns – wo sind denn bloß die letzten 20 Jahre hin?

Wir haben die letzten Tage viel darüber geredet wie schnell doch die Zeit vergeht. Dein Album „Hallo Welt“ ist inzwischen schon wieder sieben Jahre alt.

Das finde ich auch interessant. Das geht schneller als man denkt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es langweilig wurde in der Zwischenzeit. Wir haben danach das Unplugged Album gemacht, dann haben wir damit eine Weile gespielt. Parallel habe ich unter anderem bei Megalohs Album geholfen, dann hatte ich 2015 schon mal angefangen was für mich zu machen, dann kam Joys Album „Gleisdreieck“ dazwischen. Ich brauche immer Zeit mich aufzuladen und rauszufinden was ich machen will. Ich bin relativ lang in eine andere Richtung geschwommen, habe Musik gemacht die sehr Jazz-lastig war. Eigentlich wollte ich das mehr integrieren, wollte reisen und überall mit Musikern arbeiten. Das ist irgendwie nicht so zusammen gekommen. Am Ende sind dazu keine Texte entstanden. Dann habe ich gedacht, ich muss doch nochmal einen anderen Ansatz suchen. Dezember 2016 bin ich los gefahren und war für ein paar Wochen zum Schreiben in Tel Aviv. Für eine Woche habe ich Maxim eingeladen, da sind super Gespräche entstanden und erste Fragmente. Dann habe ich noch Tua eingeladen, fünf Tage war er da. Das war super, weil die beiden mir das alles ausgeredet haben und gesagt haben: erzähl doch mal, was bei dir los ist. Ist doch spannend! Ich meinte, das erzähle ich doch seit 29 Jahren. Vielleicht sollte ich lieber mal was anderes erzählen. Ne, meinten beide, wir wollen das genau wissen. Dann ging es los, dass ich an die unerzählten Geschichten ran bin, an die, die man vielleicht nicht erzählen will. Geschichten, die Brüche darstellen und erstmal ein vermeintliches Unwohlsein produzieren. Da dachte ich halte ich mal den Finger rein. So sind die ersten Songs entstanden. Damit kam die Annäherung an eigene Geschichten. An Erinnerungen, geografische Sachen, Auseinandersetzungen mit dem Vater sein und meinem eigenen Vater. Verschiedene Geschichten, die mir nach und nach dringlich und erzählenswert erschienen.

Es klingt ja erstmal wie ein Konzeptalbum zu einem Ort. Uns hat sich dann aber auch schnell erschlossen, dass es mehr um eine innere Reise geht. 

Es ist kein Album über die Stadt Athen, sondern über einen Sehnsuchtsort, an den Erinnerungen geknüpft sind. Sie taucht schon immer mal wieder auf. Für den Kurzfilm den wir gedreht haben und die Videos bin ich tatsächlich physisch dort angekommen und bin durch die Straßen gelaufen, wie ich es öfter schon gemacht habe, so intensiv aber schon wieder lange nicht mehr. Ich habe diesen Geschichten nachgespürt, bin an den Ort gegangen wo mein Vater gelebt hat, wo er gearbeitet hat, bin unsere alten Wege abgelaufen. Das kam aber erst, nachdem die Platte bereits geschrieben war. 

Du sprichst von Sehnsucht, wir haben uns die letzten Tage viel darüber unterhalten, wie schwermütig wir die Platte finden. Zumindest als ganzes. Wenn man die Songs einzeln hört, fällt es einem nicht so stark auf. Empfindest du das auch so? 

Es ist auf jeden Fall ein Lebensgefühl. Melancholie ist etwas, das ich auch in der Musik sehr schätze. Ich finde, dass die Musik das auch total zulässt. Es gibt natürlich diese Stellen in mir, die melancholisch sind. Mir ging es aber nicht darum, etwas Schweres zu machen, sondern etwas Dringliches. An Orte zu gehen, die ich vorher nicht behandelt hatte. Das sind diese unbeantworteten Fragen, die eine Brüchigkeit haben. Sonst wären sie ja beantwortet. Ich mag das. Ich würde auch eher melancholische Musik auflegen als fröhliche. Weil ich mich in diesem Gefühl total wohl fühle und einrichten kann. In der portugiesischen oder der griechischen Musik gibt es das auch sehr viel. Man kann sich da in etwas reinfallen lassen. Es ist aber eher ein wohliger Schmerz, als einer, der einem etwas anhaben kann.

Das Album wirkt sehr ganz und in sich geschlossen. Man fragt sich fast, wie du deine Shows spielen wirst, weil es sich so anfühlt als könnte man es als Ganzes schwer auseinander teilen. 

Ich glaube auf nem Konzert ist es schon wichtig, dass man einen Bogen spannt. Und dass man auch mal durchatmen kann. Tanzen. Sich freuen dass man nen Song kennt (lacht). Wir haben jetzt 12, 13 Shows gespielt, auf denen wir bereits viel von der neuen Platte gespielt haben. Das war nochmal was anderes, da die Leute die Songs noch nicht gekannt haben, aber uns ist bewusst geworden, dass es wichtig ist dass es emotionale Anker gibt, die nochmal andere Gefühle zulassen. Als ich die Platte geschrieben habe, habe ich mir schon vorgestellt, das eher konzertant zu inszenieren. Es ist ein bisschen wie ein Film, auf den man sich einlassen darf. Für mich ist es bei aller Schwere trotzdem eine versöhnliche Platte geworden.

Es ist auf jeden Fall ein Album das einen herausfordert, sich intensiver damit auseinander zu setzen, sich auf das einzulassen was du erzählst. Im absolut positiven Sinne.

Es ist ja auch eine bisschen antizyklische Haltung, dass es ein Album ist und keine Song-Playlist, was ja mehr die Anforderung der heutigen Zeit ist. Ich bin eben auch aus dieser Generation in der man sich vorstellt: wie wird die Platte? Ich habe versucht mich zu fragen, wie lang ich diese Reise verlängern kann. Man sitzt im Auto, fährt los, und Song für Song entwickelt sich diese Stimmung. Ich wollte es auf jeden Fall geschlossen haben. Mit „Dunkles Kapitel“ zum Beispiel bricht es auch mal auf, aber es war mir wichtig, dass es so homogen wie möglich bleibt, ohne langweilig zu werden. Auch dass der Anfang so sein würde war mir klar. Da muss man durch (lacht). Man muss sich ja erstmal auf den Weg machen, um anzukommen. Oder auch nicht, wer weiß.

Noch bevor das Album raus gekommen ist hast du in Interviews gesagt, dass du dir Gedanken machst ob die Leute sich am Ende fragen: was macht er denn da? Hast du da wirklich drüber nachgedacht?

Zwischendurch ja, aber im Studio kann ich’s eben nur so. Es zwischen den Leuten und mir lassen und mich fragen: gefällt uns das so oder nicht? Im nächsten Schritt fragt man sich natürlich: aber wer soll das hören? (lacht) Ich habe immer Musik gemacht die mir gefällt, und es gab immer eine Schnittmenge. Das ist der Anker an dem ich mich festhalte, dass ich denke ich bin jetzt nicht so besonders, dass es da nicht immer eine Schnittmenge gibt.  Ich habe einen Geschmack aus mir heraus, der kompatibel ist mit dem der anderen. Da muss man das Selbstbewusstsein raus ziehen. Irgendwer wird’s schon mögen. Tatsächlich ist es interessant, dass ich diesmal sehr viel gute Resonanz bekommen habe von Leuten, von denen ich sie sonst nicht bekommen habe, deren Meinung mir aber total wichtig ist. Andersrum gibt es natürlich Leute, die mehr die leichtfüßigen Sachen von mir mögen. „Hallo Welt“ war ja mehr so ein Zugehen auf die Welt, eine Umarmung. Das war sicher die Lebensphase, in der das das Grundgefühl war. Das macht es vielleicht etwas zugänglicher.  Aber ich konnte es diesmal nur so machen. Und ich bin mit der Platte sehr glücklich. Für mich ist sie rund und ein künstlerisches Statement. 

Wenn man zum Beispiel auf YouTube Kommentare liest, dann sieht man, dass viele Leute es so empfinden, dass du künstlerisch gerade völlig neue Wege gehst. Empfindest du das auch so, oder ist das für dich ein natürlicher Teil deiner Entwicklung? 

Ich glaube es wäre eh so passiert, weil ich schon immer Musik gemacht habe, die sich an dem orientiert was da ist, weil ich beeinflusst bin von den Sachen, die um mich rum sind. Ich höre ganz viel Musik, viel alte und viel neue, und ich finde es gibt viele gute, zwingende Sachen, die sehr prägend für mich waren in den letzten Jahren. Frank Ocean, Solange, Kendrick Lamar, James Blake oder Bon Iver, das sind Ikonen, die mich interessieren. Die haben natürlich eine Sound-Ästhetik mit geprägt in den letzten Jahren, die man integrieren will in seine Sachen, wenn man Musik macht. In sofern ist es für mich natürlich. Ich glaube, für die Leute ist gerade das große Ding, ob man mit Stimmverfremdung arbeitet oder nicht. Ist da ab und zu ne 808 als Drum Machine zu hören? Daran macht sich dann fest, ob das der Versuch der Jetztigkeit ist. Ist das entspannt genug oder ist das jetzt angestrengt jugendlich? Ich höre mir das gerne bei anderen an und will es dann auch benutzen. 

Wenn wir schon von Kommentaren sprechen. Es ist wirklich sehr schön zu sehen, dass die Leute das, was du erreichen wolltest, auch zu schätzen wissen. Dass jemand die Tiefe sucht, die  Ehrlichkeit, an Inhalte heran zu gehen, die wirklich etwas aussagen. 

Ja, das ist schön, finde ich auch. Und ich glaube, dass das der Raum ist, den wir mit Freundeskreis geschaffen haben. Sachen, in denen es darum geht, sich selbst mit zu verhandeln. Das heißt nicht sein Tagebuch zu veröffentlichen, sondern Fragen, die mir dringlich erscheinen. Im besten Fall ist es für andere eben auch so. Dass es die wichtigen Themen unseres Lebens beschreibt. Beziehung, Liebe, Elternschaft, Verlustängste, Versöhnung, die Frage nach dem „was wäre gewesen wenn…“ Hätten wir es anders machen sollen? 

Vor allem in der heutigen Zeit ist das doch wichtig. Wenn einem jemand das Gefühl vermittelt, es geht hier um mehr als um das nächste Selfie. 

Wenn man so komplexere Sachen macht ist die Angst natürlich, dass es nicht die Plattform bekommt, die man sich wünscht. Insofern finde ich das natürlich toll, wenn Leute Lust haben, sich darauf einzulassen.

Interview: Gabi Rudolph & Katja Mentzel

Foto © Robbie Lawrence

www.maxherre.de