
Seien wir mal ehrlich: kaum ein großer Künstler der vergangenen Jahrzehnte war als Person wirklich unproblematisch. Entsprechend ist der dramaturgische Fahrplan für Biopics immer recht ähnlich: er war ein schwieriger Mensch, aber das war zum Teil der Motors seines Schaffens. Auch schlechte Menschen machen gute Kunst, daran sind wir gewöhnt, und um uns den Kunstgenuss unserer geliebten Legenden nicht vermiesen zu lassen, haben die meisten eine hohe Toleranzgrenze.
Aber zum Glück gab es Michael Jackson. Der war nämlich der unproblematischste Künstler der Geschichte. Eine kindliche, unschuldige Seele, deren einzige Mission es zu Lebzeiten war, Freude zu verbreiten.
So zumindest stellt es sich in dem diese Woche im Kino startenden Film „Michael“ dar. Produzent Graham King, der auch für das überaus erfolgreiche Queen Biopic „Bohemian Rhapsody“ verantwortlich zeichnet, hat zusammen mit „Training Day“ Regisseur Antoine Fuqua (und natürlich mit umfassender Beteiligung der Jackson Familie) einen Film geschaffen, der durch und durch wie ein modernes Märchen daher kommt. In den für solche Filme üblichen Stationen und in märchenhaft bunten Bildern zeichnet er die Karriere Michael Jacksons nach, arbeitet sich routiniert durch die harten Anfänge als vom gewalttätigen, kontrollsüchtigen Vater getrimmten Kinderstar bis auf die Bühne der legendären „BAD“ Tour.
Dass die Missbrauchsvorwürfe, die erstmals in den frühen 90er Jahren laut wurden, hier thematisch nicht stattfinden, ist nicht das Problem. „Michael“ endet wie gesagt vor diesem unerfreulichen Kapitel aus Jacksons Leben. Wie naiv und schamlos er als Person verklärt wird, ist dennoch schwer zu ertragen. Auch wenn Michael Jackson tatsächlich ein großer Philanthrop war: Es reicht offensichtlich nicht, dass wir ihn mehrfach am Bett schwerkranker Kinder sitzen sehen. Es muss auch noch sein Strass-besetzter Handschuh bedeutsam aufleuchten, wenn tröstend die Hand eines Brandopfers ergreift.
Auch die Szenen mit dem per CGI animierten Affen Bubbles sind derart unrealistisch verkitscht, dass sie die Organisation Humane World for Animals auf den Plan rief, die die Darstellung von Wildtieren als Haustiere im Film scharf kritisiert. Michael und Bubbles sitzen unter anderem zusammen und sehen sich sein liebstes Bilderbuch „Peter Pan“ an, während Michael dem zahmen, Kleinkind-artigen Affen seine Sicht auf die Welt erklärt. Dass er sich selbst mit der Figur des immer Kind gebliebenen Peter Pan identifiziert, haben wir inzwischen verstanden, das Buch wird schließlich mehr als einmal als Referenz herangezogen.
Es entspricht der Realität, dass Michael Jackson zu Lebzeiten von seinen Fans wie eine göttliche Entität verehrt wurde. Legendär sind die Menschenaufläufe, für die er sorgte wo immer er hin ging, die Nervenzusammen- und Tränenausbrüche, die Schreianfälle, für die er bei Menschen jeden Alters und Geschlechts sorgte. Das heißt aber nicht, dass man ihn eins zu eins als genau so ein Wesen darstellen muss. Mit der Zeit tut es einem regelrecht leid für den ohne Zweifel hochtalentierten Jaafar Jackson, der Michael Jackson mit viel Herzblut verkörpert, jedoch den gesamten Film über mit Fistelstimme und dem immer gleichen treuherzigen Gesichtsausdruck agieren muss.

Es ist keine Persönlichkeit, die wir hier zu sehen bekommen. Sämtliche Schicksalsschläge und Prüfungen, durch die Michael auf seinem Weg zum größten Popstar aller Zeiten gehen muss, werden auf den Konflikt mit seinem Vater zurück geführt. Der märchenhafte Ton des Films macht ihn zu einer Schablone. Er wird auf das reduziert, was eingefleischte Jackson-Fans, die ihn bis heute in den sozialen Medien bis aufs Blut gegen jegliche Kontroverse verteidigen, sehen wollen. Und auf die Legende, die der Jackson-Estate aufrecht erhalten muss, um die Marketing Maschine am Laufen zu halten.
Jaafar Jackson brilliert ohne Zweifel in den musikalischen Szenen. Er wirkt wie ein derart erschreckend reales Abbild Jacksons, dass man sich fragt, ob ihm eine derartige Verschmelzung mit seinem berühmten Onkel auf die Dauer gut tun wird. Ebenfalls überzeugend und überaus charmant ist Juliano Krue Valdi als junger Michael Jackson, der im Gegensatz zu Jaafar Jackson sogar selbst singt. Aber besonders zum Ende hin nehmen die Konzert-Sequenzen übermäßig viel Raum ein und wirken letztendlich seltsam unnötig. Zu oft hat man diese Auftritte im Original gesehen, als dass man einer möglichst lebensnahen Darstellung ihrer irgendetwas Neues abgewinnen könnte.
Dass Michaels Schwester Janet Jackson aufgrund von Differenzen im Film letztendlich überhaupt nicht stattfindet und so behandelt wird, als habe sie schlichtweg nicht existiert, ist ebenfalls wild. Aber wahrscheinlich ist diese märchenhafte Herangehensweise letztendlich auch nur konsequent. Jackson hat die Antworten auf viele Fragen mit ins Grab genommen und die wahre Geschichte dieser einerseits öffentlichem, andererseits höchst mysteriösen Persönlichkeit wird sich nie wirklich entwirren lassen.
Man hätte es auch einfach lassen können. „Michael“ ist ein Nostalgiefest für eingefleischte Michael Jackson Fans, die noch einmal zwei Stunden lang in der zuckersüßen Liebe zu ihrem Idol aufgehen wollen. Jedem anderen hätte dieser belanglose Film nicht gefehlt.
„Michael“ startet am 22. April 2026 in den Kinos.
