Gesehen: „Marty Supreme“ von Josh Safdie

Nach dem Heist-Thriller “Uncut Gems” (2019), bei dem er gemeinsam mit seinem Bruder Benny Safdie Regie führte und dem nervenaufreibenden Drama “If I Had Legs I’d Kick You” (2025), bei dem er mit als Produzent verantwortlich zeichnet, muss nun Tischtennisspieler Marty Reisman zumindest im Ansatz als neues Terrorkind von Josh Safdie auf der Großbildleinwand herhalten. Der Sohn eines Taxifahrers, der an sieben Weltmeisterschaften teilnahm und später die Autobiographie “The Money Player, The Confessions of America’s Greatest Table Tennis Player and Hustler” veröffentlichte, dient allerdings nur lose als Vorlage für seinen neuen Film „Marty Supreme“. Die Geschichte, die sich in einer bestechenden 50er-Jahre-Ästhetik rund um Hauptdarsteller Timothée Chalamet herum entfaltet, ist frei erfunden.

Marty Mauser, ein junger, jüdischer Mann, der in Lower Manhattan aufgewachsen ist, arbeitet im Schuhgeschäft seines Onkel Murray (Larry Sloman) als Verkäufer. Aber er hat größere Pläne. Um an den Qualifikationen für die Weltmeisterschaft im Tischtennis teilnehmen zu können, ergaunert er sich das Geld für die Reise von seinem Onkel mit zuversichtlichen Versprechungen für einen Anteil am Preisgeld. Seine Jugendliebe Rachel Mizler (Odessa A’Zion), mit der er eine Affäre pflegt, obwohl sie inzwischen verheiratet ist, lässt er schwanger mit seinem Kind zurück. Er kämpft sich bis ins Finale vor, lernt bei einem Interview die alternde Hollywood-Ikone Kay Stone (Gwyneth Paltrow) kennen und beginnt ihr nachzustellen.

Martys Kampf um die Weltmeisterschaft beginnt und führt ihn immer wieder in den Zweikampf mit dem Spieler der japanischen Mannschaft, Endo. Um seine Reisen und seine Ausrüstung zu finanzieren, lässt er sich auf mehr als einen krummen Deal ein und zieht unverschämt seinen Mitmenschen das Geld aus den Taschen. Sowohl Rachel als auch Kay Stone und Dion Galanis (Luke Manley) werden dabei immer wieder, freiwillig oder unfreiwillig, zu Komplizen gemacht.

Marty Supreme hält einen für zweieinhalb Stunden gefangen zwischen Angespanntheit, Unglaube und Fremdscham. Jedes Mal, wenn das Spiel aus und der Kampf zu Ende scheint, setzt Marty Mauser noch einen drauf und jagt völlig schamlos seinem Ziel weiter nach. Dabei ist es nicht Empathie, was einen als Zuschauer an der Stuhlkante schweben lässt. Timothée Chalamet als Marty Mauser ist keineswegs eine sympathische Figur, der man den Erfolg bedingungslos gönnt. Aber die Rückschläge, die er erlebt sind teilweise so absurd und seine Bemühungen so unverschämt, dass man irgendwie nicht aufhören kann mit ihm zu fühlen – selbst, wenn man es manchmal gerne würde. 

Das Erfolgsschema ist ähnlich zu Josh Safdies vorausgegangenem Film “Uncut Gems”. „Marty Supreme“ legt ein halsbrecherisches Tempo vor und scheint sich, trotz Überlänge, dauerhaft in seiner eigenen Absurdität zu steigern. Fährt die Handlung scheinbar vor eine Mauer, bricht sie doch plötzlich wieder hindurch. Dabei funktioniert das Motiv des endlosen Katz-und-Maus-Spiels besser noch als in “Uncut Gems”, in dem es vorranging um materielle Bereicherung geht. Marty Mauser ist davon überzeugt, eine Bestimmung im Leben zu haben, der sich alles andere unterordnen muss. Sein Ehrgeiz steht nicht unbedingt in direkter Korrelation zu Reichtum und ist daher fast leichter zu ertragen. Unverschämtheit und Egoismus sind nicht böswillig, Kollateralschaden werden dennoch achselzuckend in Kauf genommen.

Dabei folgt der Film weder der gängigen Handlungsstruktur eines Sportdramas noch der eines typischen Biopics. Fast gänzlich unvorhersehbar werden sämtliche ausgeworfenen roten Fäden wieder eingeholt und zu einer haarsträubenden Abwärtsspirale zusammengedreht. Das zunehmende Ausmaß der Katastrophe lässt einen in amüsierte Hysterie verfallen. 

Fran Drescher, Hauptdarstellerin und Star aus “Die Nanny”, kehrt als angenehme Überraschung in der Rolle von Martys Mutter auf die Leinwand zurück, auch wenn sie ihren Sohn nicht so zu bändigen vermag wie einst ihre Schützlinge. Kostüm- und Set Design verleihen dem Ganzen den letzten Schliff und machen den Film durch den Tischtennissport, einer umso treffenderen Analogie, zu einer runden Sache. 

Wie ein gut eingeübtes Musikstück wird die Handlung Schlag auf Schlag flüssig vom Blatt gespielt, ohne einen Takt zu verpassen. Wer nach einer Moral in der Geschichte sucht, kann lange grübeln und wird vermutlich frustriert aufgeben. „Marty Supreme“ zeigt keinen strahlenden Helden, und manch einer fragt sich vielleicht, warum man sich dann zweieinhalb Stunden mit seinem Schicksal auseinandersetzen sollte. Ich sage, weil es verdammt lustig ist.

„Marty Supreme“ startet am 26. Februar in den deutschen Kinos. Vorstellungszeiten findet ihr hier.