Gesehen: „Hamnet“ von Chloé Zhao

In den letzten Wochen ist die Diskussion zu einer regelrechten Glaubensfrage herangewachsen – ist „Hamnet“ der traurigste Film aller Zeiten? Oder ist der neue Film von „Nomadland“ Regisseurin Chloé Zhao manipulativer „Grieve Porn“? Hat man kein Herz, wenn man im Kino keine Sturzbäche von Tränen vergießt? Oder werden einem die Tränen mit dem Holzhammer aus dem Gesicht geprügelt? Es scheint vor allem diese beiden extremen Haltungen zu geben, wenn man hört und liest, was über „Hamnet“ gesprochen und geschrieben wird.

Oder, man steckt doch irgendwo dazwischen. So wie ich. Ich habe bei „Hamnet“ tatsächlich nicht geweint – dabei hätte ich es wirklich sehr, sehr gerne getan. Ich war gewillt, im Kinosessel vor Leid zu verfließen. Und die Vorzeichen standen dafür auch richtig gut. Ich mochte den fast schon dokumentarischen Ton, den Chloé Zhao in ihrem Langfilmdebüt „Songs My Brothers Taught Me“ oder in dem mit zwei Oscars ausgezeichneten „Nomadland“ anschlägt. Er schien mir genau richtig für einen Film, in dem es um etwas so unsagbar Schreckliches wie den Tod eines Kindes geht. 

Sowohl Jessie Buckley als auch Paul Mescal halte ich für zwei der talentiertesten und charismatischsten Schauspieler*innen unserer Zeit.Beide schaffen es augenscheinlich mühelos, große Emotionen darzustellen und zu vermitteln. Sie verstehen sich beide sowohl auf die leisen als auch die lauten Töne. Das Ende von „Aftersun“, der Film, der für Paul Mescal den großen Durchbruch und eine Oscar-Nominierung brachte, ist für mich einer der größten und zuverlässigsten Tränenschocker aller Zeiten. Und Paul Mescal als Shakespeare? Das ist so ein anspruchsvolles Level an Fan Fiction, für das ich, ganz offen zugegeben, durchaus empfänglich bin. 

Womit wir schon dabei wären, worum es in „Hamnet“ geht. Der Film basiert auf dem Buch von Maggie O‘ Farrell, indem sie angelehnt an historische Ereignisse erzählt, wie William Shakespeare und seine Frau Agnes eines ihrer drei Kinder, ihren Sohn Hamnet, durch die Pest verloren haben. Während Agnes nach Hamnets Tod im heimischen Stratford versucht, ihre Trauer zu verarbeiten und die Familie zusammen zu halten, kehrt ihr Mann zurück nach London, wo er Stücke schreibt und ein Theater betreibt. Agnes fühlt sich zunehmend von Will entfremdet und in ihrer Trauer allein gelassen. Und dann kommt ihr auch noch zu Ohren, sein neuestes Stück trage den Namen „Hamlet“. 

Es ist unbegreiflich für Agnes, wie Will etwas so Intimes und Tragisches wie den Tod ihres Sohnes zum Thema eines Theaterstückes machen kann. Im Versuch zu verstehen, macht sie sich zusammen mit ihrem Bruder Bartholomew (Joe Alwyn) auf den Weg nach London, um das Stück zu sehen – das auf den ersten Blick jedoch so gar nichts mit dem verstorbenen Hamnet zu tun haben scheint. 

Das Positive vorweg: „Hamnet“ ist in weiten Strecken ein wirklich starker Film. Und das verdankt er zu größen Teilen der Besetzung. Jessie Buckley und Paul Mescal haben nicht nur eine starke, natürliche Chemie miteinander, sondern vor allem auch mit den Kindern. Letzteres trägt bedeutend zu der Fallhöhe bei, die durch den Verlust des Sohnes entsteht: die Szenen, in denen Agnes, Will und ihre Kinder, völlig losgelöst von ihrer Herkunft und der Zeit in der sie leben, eine Familie und Einheit bilden, voller Liebe und Zuwendung, bilden ein Fundament, das durch den Verlust schwer getroffen wird. 

Besonders stark sind im Film die Momente, in denen das Geschehen auf eine raue, nahezu kühle Weise beobachtet wird. Agnes‘ zweite Geburt ist so schonungslos inszeniert, dass man es kaum ertragen kann, ihr beizuwohnen. Man sehnt das (trügerische) Happy End verzweifelt herbei. Wunderbar differenziert: Emily Watson als grantige und gleichzeitig zugewandte Schwiegermutter. Aber leider wechseln sich in „Hamnet“ derart intensive Szenen regelmäßig mit solchen ab, in denen der Film sich schlichtweg im Ton vertut. 

Er schlägt leider immer wieder zu, der bereits erwähnte Holzhammer. Die erste Hälfte, die sich um die Liebesgeschichte zwischen Agnes und Will dreht, ist hölzern, oft überromantisch inszeniert. Das schadet vor allem der Figur der Agnes, die durch den süßlichen Blickwinkel eher wie ein Klischee als ein voll entwickelter Charakter wirkt: das Kräuter und Pflanzen sammelnde, Raubvögel zähmende, allein im Wald gebärende Weib – das könnte funktionieren, wenn Zhao sich nicht zu sehr auf ästhetische Bilder verlassen würde, die zeigen wie Buckley mit wehendem Haar (wild!) und im roten Kleid (weiblich!) durch die Wälder streicht. 

Es gibt viele Ausrufezeichen in „Hamnet“, auf die man gut verzichten könnte. Es ist einfach alles ein bisschen zu viel. Jede Emotion wird nach außen getragen. Jeder Konflikt wird ausgesprochen. Jeder Schmerz wird in Großaufnahme gezeigt. Manchmal ist das leicht irritierend, manchmal schlichtweg ärgerlich. Vor allem in der entscheidenden Szene des Films, in der Hamnet stirbt, setzt Zhao plötzlich auf einen bildlichen Surrealismus, der wie einem platten Fantasy-Drama entsprungen wirkt. Und wenn sich etwas tatsächlich unnötig manipulativ anfühlt, dann der alles überdeckende Soundtrack von Max Richter, den man zu allem Überfluss inzwischen etwas zu oft gehört hat. 

Der Film gewinnt noch einmal sehr im letzten Drittel, in dem Agnes nach London geht und erkennt, dass Will auf seine eigene Weise trauert und dies die gleiche Berechtigung hat. Die Szenen im Globe Theatre sind herrlich mitreißend inszeniert und vermitteln einem charmant das Gefühl, dass es dort genau so zugegangen sein könnte. Aber auch das kann nicht ganz darüber hinweg trösten, dass „Hamnet“, ich wage kaum es auszusprechen, erschreckend oft ins Kitschige abrutscht. 

Es steht außer Frage, dass alle Beteiligten mit viel Herzblut an diesem Film gearbeitet haben. Das spürt man. Aber vielleicht haben alle Beteiligten einfach ein bisschen zu viel gewollt. Interessant ist, dass die Romanvorlage von Maggie O’Farrell ein ähnliches Problem hat. O’Farrell versucht der Geschichte sprachlich mit einer Vielzahl an Adjektiven, Aufzählungen und Wiederholungen so penetrant Nachdruck zu verleihen, dass es einen auf die Dauer regelrecht erschlägt. Gemeinsam mit Chloé Zhao hat sie auch das Drehbuch geschrieben, und ihre Vorliebe für überbildliche Beschreibungen scheint sich direkt auf die Leinwand übertragen zu haben.

Ich hätte „Hamnet“ wirklich gerne von vorne bis hinten geliebt. Stattdessen haben sich mir einige Szenen positiv und zutiefst emotional eingebrannt. Andere waren mir ein bisschen unangenehm. Manche sogar peinlich. Und an einer entscheidenden Stelle habe ich mich richtig geärgert. All das zeigt aber auch, dass „Hamnet“ ein Film ist, der einen nicht kalt lässt. Auf welche Weise auch immer. 

„Hamnet“ startet am 22. Januar 2026 in den deutschen Kinos. Vorstellungszeiten findet ihr hier.