
Es ist eigentlich fast unmöglich, dass „The Drama“ (zu Deutsch „Das Drama – nochmal auf Anfang“), der neue Film von Kristoffer Borgli, kein Hit wird. Im Zeitalter der Internet Girl- und Boyfriend Kultur ist „The Drama“ dank seiner Besetzung ganz vorne mit dabei. Wer allerdings eine Romanze à la „Stolpersteine auf dem Weg zum Happy End, aka der Hochzeit“ erwartet, die vor allem davon lebt, wie das cute Super-Couple Zendaya und Robert Pattinson sich gegenseitig die Haare rauft , der wird – zum Glück – enttäuscht.
Wer ein bisschen cineastisch bewandert ist, der weiß jedoch auch, dass der norwegische Regisseur Kristoffer Borgli nicht für romantisches Wohlfühlkino bekannt ist. Sein Debütfilm „Sick of Myself“ erzählt von einer Influencerin, die sich absichtlich mit einer schweren Hautkrankheit infiziert, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In „Dream Scenario“ spielt Nicolas Cage einen Biologieprofessor, der plötzlich als Schreckensgestalt in anderer Leute Träume auftaucht. „The Drama“ dürfte Borglis kommerzieller Durchbruch werden. Er ist auch sein zugänglichster Film, auch wenn die anfangs recht geradlinig erzählte Geschichte zunehmend ihre Haken schlägt.
Emma und Charlie, seit zwei Jahren ein Paar, stehen kurz vor der Hochzeit. Charlie schreibt an seiner Rede, er schwelgt in Erinnerungen an die erste Begegnung. Beim Menü-Testessen mit ihren besten Freunden Rachel (Alana Haim) und Mike (Mamoudou Athie) gerät in weinseliger Runde ein ursprünglich harmloses Spiel außer Kontrolle. Die vier verraten einander, was das Schlimmste ist, dass sie jemals getan haben. Und danach ist nichts mehr so, wie es vorher war.
Das, was Emma ihren Freunden beichtet, geht weit über einen dummen Streit oder eine Jugendsünde hinaus. Zwischen Emma und Rachel kommt es zum sofortigen Bruch. Charlie ist vor allem verwirrt – ist Emma wirklich die, für die er sie gehalten hat? Gab es nicht schon immer Anzeichen dafür, dass in ihr eine gemeingefährliche Psychopatin schlummert? Und wenn nicht, was wenn sie sich doch irgendwann als solche entpuppt?
Emma leidet natürlich ebenso. Die Enthüllung ihres größten Geheimnisses und die Sorge, Charlies Vertrauen könnte für immer zerstört sein, lastet schwer auf ihr. Gleichzeitig möchte sie sprechen, erklären, Vertrauen und Gefühle wiederherstellen. Aber ist das an diesem Punkt noch möglich? Das Treffen mit der Hochzeitsfotografin wird zur Farce. Wie sollen die beiden heiraten, sie können ja noch nicht einmal vor der Kamera als romantisches Paar miteinander posieren.
„The Drama“ arbeitet geschickt mit Zeitsprüngen, Realitäts- und Perspektivenverschiebungen. Alles verschwimmt – wie Charlie und Emma miteinander sind, wie sie es einmal waren, wer sie sind, wer sie einmal waren. Ebenso geschickt stellt der Film eine Menge Fragen. Ist das Bild, das man von einem Menschen, den man glaubt zutiefst zu kennen, noch real, wenn plötzlich einzelne Puzzleteile nicht mehr passen wollen? Oder muss man sie einfach neu sortieren?
Und: wie schlimm ist das, was Emma getan hat wirklich, wenn es zum Großteil doch nur ein Gedankenspiel war? Aber auch: was hat letztendlich dazu gefehlt, dass es beim Gedankenspiel geblieben ist? Es gibt hier auf nichts leichte Antworten und schon gar keine Lösungen. Das Drama muss sich unweigerlich entfalten, und irgendwie ist das zum Glück auch wahnsinnig komisch.
Zendaya brilliert mit ihrer reduzierten, fast schon kühlen Spielweise, die sie als Emma nicht nur für Charlie schwer zu durchschauen macht. Robert Pattinson rennt dagegen die meiste Zeit wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend. „The Drama“ spielt viel mit derlei Kontrasten, so wie die moderne Romance-Ästhetik im Gegensatz steht zu der Komplexität und Schwere mancher Themen, die hier verhandelt werden. Es ist ein verstörender Film, der gleichzeitig schön anzusehen ist. Ein bisschen Spaß darf man mit dem cuten Super-Couple schon haben. Das ganze Drama sorgt jedoch dafür, dass man sich nicht rundum wohl dabei fühlt.
