Gelesen: Zwei Romane von Cécile Tlili

Die ersten Seiten von “Eine Frau verschwindet”, dem neuen Roman von Cécile Tlili, wirken so aus der Zeit gefallen, dass einem Wörter wie “Imbissbude”, “Döner” oder “Gentrifizierung” wie Fremdkörper ins Gesicht springen. Vielleicht ist es der kurze, bündige und doch dezent geschmückte Schreibstil, der das falsche Zeitgefühl herbeiführt. Vielleicht ist es aber auch die Tatsache, dass die vollkommene persönliche Abhängigkeit der zentralen weiblichen Figur von einem Mann, sowie der darauffolgende Prozess der Abnabelung heutzutage kein so beliebtes Thema mehr sind wie in der Literatur der 60er Jahre.

Auch wiederholt es sich. Im Erstroman der französischen Autorin, “Ein Sommerabend” (2023), kommen zwei befreundete Paare zusammen, um sich über einem Curry und gefüllten Zucchiniblüten unter dem Deckmantel der Freundschaft auf intrigante Weise einen eigenen Vorteil zu verschaffen. Étiennes Karriere als Anwalt befindet sich auf dem absteigenden Ast, und seine Frau Claudia kämpft neben seinem dominanten Verhalten gegen ihre krampfhafte Schüchternheit an. Johar steht vor der Entscheidung, eine berufliche Beförderung anzunehmen, von der Étienne sich einen Vorteil erhofft, ihr Mann Rémi wäre am liebsten bei seiner Geliebten. Inmitten des Trubels erinnert die stille Claudia dabei stark an die zentrale Figur aus “Eine Frau verschwindet”.

Alice arbeitet in einem Labor. Als ihr Mann ihr eröffnet, dass er lieber getrennte Wege gehen möchte, verlässt sie Hals über Kopf das Haus, in dem sie ihre gemeinsame Tochter großziehen und mietet ohne sein Wissen eine kleine Wohnung an. In der selbst gewählten Einsamkeit streift sie schlaflos durch die Stadt, als sie ihrer Nachbarin Siham begegnet. Die junge Frau macht eine Ausbildung in einer Kinderkrippe, um sich innerhalb der autoritären Strukturen ihrer Familie eine gewisse Autonomie zu erkämpfen. Sie lässt Alice bei sich unterkommen. Die ungleiche Freundschaft lässt Alice Hoffnung schöpfen, bis Siham sie damit konfrontiert, mit ihr etwas ersetzen zu wollen, vor dem sie gerade davonläuft und Sihams Familienmitglieder immer engere Kreise um sie ziehen.

Cécile Tlilis Romane sind beide kurz gehalten. Während diese Kürze in “Ein Sommerabend”, dessen Handlung sich in wenigen Stunden abspielt, zum theatralischen Effekt beiträgt, lässt sie in “Eine Frau verschwindet” vergeblich auf mehr Tiefgang hoffen. Alice ist als Figur vollständig farblos, und auch wenn es zu einer Geschichte von Emanzipation und Abhängigkeit oft dazugehört mit einem unbeschrieben, oder besser gesagt, bis zur unkenntlich vollgekritzeltem Blatt zu beginnen, durchläuft sie kaum eine Wandlung. Nach dem Sommerabend verlassen alle Beteiligten die stattliche Pariser Wohnung als verändertes Wesen, aber obwohl Alice mehrere Wochen Zeit gegeben werden, befindet sie sich fast ausnahmslos auf der Flucht. Während ihr ausweichendes Verhalten ihrem Mann gegenüber einfach zu erklären ist, sagt sie sich erstaunlich leicht von ihrer Tochter los, die bis auf ein paar bedeutungsschwangere Dialoge, in denen jeder Satz durch ein bereits existierendes Werk vorweggenommen wurde, faktisch kaum eine Rolle spielt.

Im Grunde ist es lange keine Geschichte über die Abnabelung, sondern über das Abrutschen von einer Abhängigkeit in die nächste. Die Konflikte sind einfach gestrickt und führen zu einfachen Lösungen. Obwohl sie eine viel tiefgreifende Problematik beleuchten, wird sich dabei kaum Zeit genommen, wirklich hinzusehen. Im Ansatz spannend, aber wenig ausgearbeitet.

„Eine Frau verschwindet“ und „Ein Sommerabend“ von Cécile Tlili sind im Kein & Aber Verlag erschienen.