
Frankreich auf dem Land, ein stürmischer Sommer voller Unruhe, ein kleiner Ort, den man “in der Nähe von Marseille“ verortet. In dem hochherrschaftlichen Landhaus, das Almas Großvater gehörte, verstecken sich Alma und Thèo vor ihren Familien, ihrer Zukunft und voreinander. Sechs Jahre, sechs sehr entscheidende Jahre haben sie dem gemeinsamen Leben gewidmet und beide Opfer für den anderen gebracht. Jetzt, mit sechsundzwanzig, stehen sie plötzlich vor der Frage, ob es die richtige Entscheidung war. Einen letzten Sommer wollen sie gemeinsam in dem Ort verbringen, wo alles begann, und erst wieder auseinandergehen, wenn sie die Antwort gefunden haben: festhalten oder loslassen.
Der Klappentext von Eva Pramschüfers Debütroman, “Weißer Sommer”, der dieses Frühjahr im Rowohlt Verlag erscheint, liest sich wie die klassische Geschichte zweier Eheleute mittleren Alters, die nach zwanzig Jahren plötzlich mit einem faden Beigeschmack nebeneinander aufwachen. Was allerdings darunter zum Vorschein kommt, ist zart und zerbrechlich. Die Geschichte über junge Liebe hat mich überrascht, da es ein Alter ist, in dem sich nur wenig Kunst mit Stabilität und Beständigkeit beschäftigt. An die frühen Zwanziger sind so viele Erwartungen geknüpft, und den Partner fürs Leben zu finden, hat für mich nie dazu gehört.
Besonders die ersten dreißig Seiten bezaubern mit einem verspielten und doch direkten Schreibstil. Würde man ihn als blumig bezeichnen, dann mit Wiesen voller Wildblumen, Heidekraut oder Dünengras im Hinterkopf, nicht mit Rosen. Der Moment, in dem die Geschichte beginnt, wirkt verletzlich und durchscheinend wie die Ruhe nach dem Sturm, welcher uns in langen Rückblicken geschildert wird. Es ist ein nostalgisches Buch, das sich fast ausschließlich mit seiner eigenen Vorgeschichte beschäftigt.
Der Vorhang wird schnell zerrissen, das ländliche Frankreich wird zu München, eine Sommerromanze zu einer längeren Verpflichtung. Der Roman beginnt sich selbst zu entzaubern, die Eleganz der ersten Seiten geht langsam aber sicher verloren. Auch wenn es schade ist, ist es gewissermaßen Teil der Geschichte. Thèo und Alma, zu Anfang noch mysteriöse, formlose Gestalten, werden mit ihren Bedürfnissen, Vorlieben und Wünschen bald so vertraut, dass sie einem zum Hals raushängen. Man wird fast schon unfair und beginnt Ansprüche zu stellen, die man selbst vermutlich nicht halten könnte. Sie sollen doch bitte ihre Probleme lösen, miteinander sprechen, nicht mehr davon laufen.
Die Peripetie in der Gegenwart lässt bis zum letzten Moment auf sich warten. Die Reflexion über die gemeinsamen Jahre, die verlorene Freiheit, die Suche nach einer Lösung, die mich eigentlich interessiert hätte, muss zugunsten der langen Nacherzählungen weichen. Im Grunde ist das Konstrukt des Romans also hinfällig, denn erzählt wird Almas und Théos Geschichte, nicht deren Ende, und somit wird sie wieder etwas beliebig. Wirklich gelöst haben sie keine ihrer Probleme, denn sie lieben sich ja. Vielleicht waren die Erwartungen dorthin gehend auch zu hoch. Sie sind schließlich erst sechsundzwanzig. Die wirkliche Aussprache quetscht sich auf zwei nicht metaphorische Seiten und endet natürlich zu schnell und zu einfach in der körperlichen Aussöhnung.
Kurzum, zwei Drittel von “Weißer Sommer” wirken etwas unbefriedigend nach, für das, was der Anfang verspricht. Was am Anfang originell erscheint, wird doch schnell wieder herkömmlich. Eine schöne Geschichte ist es trotzdem, ein literarischer Happen für zwischendurch über das, was man hat und das, was man will, über Chancen und Fairness und über das menschliche Ego.
“Weißer Sommer” von Eva Pramschüfer erscheint am 17.04.2026 im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
