Gelesen: “Renata wasweißich” von Catherine Guérard

1967 erschien der gesellschaftskritische Klassiker von Catherine Guérard, “Renata wasweißich” (”Renata n’importe quoi”) in Frankreich und brachte der Autorin eine Nominierung für den Prix Goncourt ein. Nach ihrem Tod 2010 in Paris fand eine Neuauflage des Romans großen Anklang. Jetzt wurde er von Olga Radetzkaja für den Fischer Verlag erstmals ins Deutsche übersetzt.

Eines Morgens wird Renata bewusst, dass ihr Leben ihr gehört und dass niemand ein Anrecht auf ihre Zeit hat. Sie möchte lieber auf einer Bank sitzen und die Vögel beobachten. Also kündigt sie ihre Stelle als Hausmädchen, lässt sich ihren Lohn auszahlen und macht sich mit ihrem Hab und Gut in Paketen verpackt auf den Weg. Es gibt keine Richtung, kein Ziel, außer der Wunsch, in vollkommener Selbstbestimmung zu existieren. Jede Frage, die fremde Passanten an sie richten, egal ob höflich, unfreundlich, neugierig, oder gelangweilt, geht ihr gegen den Strich, denn schließlich kann sie selbst entscheiden. 

Sie nimmt keine Geschenke an, die sie binden könnten, alles, was sie zu lange an einem Ort hält, weist sie entschieden zurück. Niemand versteht sie so wirklich, denn man muss doch schließlich essen und trinken, sich kleiden und waschen. Jeder Mensch hat doch das Bedürfnis nach einem sauberen und trockenen Schlafplatz, nach Freunden und Familie, nach einer erfüllenden Tätigkeit.

Nicht so jedoch Renata. Für sie gilt nur eine Frage: wer bestimmt hier? Bestimmt der Regen, der die anderen von der Straße vertreibt? Bestimmen die Blumen, die Wasser brauchen? Bestimmen meine Besitztümer, wenn ich sie an einem Ort zurücklassen, an den ich wiederkehren muss? Nur wenn die Antwort stets lautet, ich, ich bestimme, denn ich kann gehen, wann immer ich will, schlafen wo immer ich will, reden mit wem auch immer ich will.

Catherine Guérard verfolgt Renatas Reise nur über wenige Tage hinweg. Wir lernen Renata nicht kennen, wenn ihr Geld ausgegeben ist, wenn sie von dem stetigen Regen geschwächt und krank ist, wenn sie Hunger und Durst hat. Dadurch geht im Grunde der wirklich interessante Teil der Antwort verloren auf die Frage: wie lebt man, wenn man sich von jeglichem gesellschaftlichen Kontext lossagt?

Renata kommt glimpflich davon. Sie trifft auf Unverständnis, aber auch auf die eine oder andere helfende Hand. Der interessanteste Aspekt besteht daher vielleicht eher darin, warum Renata will, was sie will. Sie sucht die totale Freiheit um der Freiheit willen, nicht um damit etwas Bestimmtes anzufangen. Auch ihr bisheriger gesellschaftlicher Status wirkt nicht so unerfreulich, als dass er diese plötzlich Lossagung rechtfertigen würde.

Der Schreibstil ist gelinde gesagt speziell. Im ganzen Roman findet sich kein einziger Punkt. Es ist ein etwas über zweihundert Seiten langer Monolog, die einzelnen Gedankenfetzen werden allein durch Kommata separiert. Hat man sich einmal daran gewöhnt, wirkt es aber für den Lauf der Geschichte recht förderlich. Renatas Gedanken werden unmittelbar die des Lesers. Warum lässt man sie nicht einfach in Frieden? Warum hat jeder das Bedürfnis, ihr seine Lebensweise aufzuzwingen? Warum wirkt es so beunruhigend auf andere, wenn sich jemand sämtlichen sozialen Strukturen entsagt?

Ein kurzweiliges Gedankenexperiment mit interessanten Ansätzen, das leider schon zu Ende ist, wenn es am spannendsten wird. Zuweilen etwas langatmig, nach einigen Seiten hat man das Prinzip verstanden, dennoch lesenswert.

“Renata wasweißich” von Catherine Guérard ist in deutscher Übersetzung im Fischer Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.