Gelesen: “Honey” von Imani Thompson

Zwischen dem Werdegang Imani Thompsons, ehemaliger Soziologiestudentin der Universität Cambridge, und dem Leben ihrer Hauptfigur Yrsa lassen sich einige auffällige Parallelen ziehen. Sie lassen einen darüber sinnieren, wie viele Aspekte der Handlung sie wirklich erlebt haben könnte, was die Lektüre ihres Debütromans “Honey” fast noch spannender macht.

Yrsa ist Dozentin für Soziologie in Cambridge. Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit über Afropessimismus und setzt sie sich mit der Frage auseinander, ob die Befreiung aus dem strukturellen Rassismus zwangsläufig in einem Gewaltakt münden muss. Ob der unterdrückte Mensch sich nur mithilfe von Gewalt seine Unabhängigkeit wieder erkaufen kann. Das erste Mal, dass sie diese These austestet, geschieht mehr aus Zufall.

Als Yrsa dem Professor gegenüber sitzt, der die Forschungsergebnisse ihrer Freundin gestohlen hat, nachdem er eine außereheliche Affäre mit ihr eingegangen ist, schnippt sie die Biene in sein Getränk, mit der Absicht, ihm einen schmerzhaften Stich zu verpassen. Doch dann windet er sich plötzlich am Boden und kann nicht mehr atmen. Seine Frau scheint noch nicht einmal wirklich zu trauern. Und Yrsa, die sich schon seit einer Weile in ihrem Leben langweilt, fühlt sich plötzlich wieder lebendig.

Yrsa hat auch nicht vor, es erneut zu tun. Aber in Cambridge, im Grunde in ganz England, gibt es genug Männer, die sie nicht ernst nehmen, die ihr und ihrer Arbeit ohne Respekt begegnen, die ganz im Allgemeinen frauenfeindlich und rassistisch handeln. Und so verstrickt sich Yrsa in eine Spirale aus Gewalt und Rechenschaft und der Frage, ob man Feuer mit Feuer bekämpfen kann.

Zuerst einmal ist “Honey” unbestreitbar gut geschrieben. Die über vierhundert Seiten lesen sich fließend und mühelos. Yrsa ist als Hauptfigur vielschichtig und kompromisslos, ihre ganze Art ist faszinierend. Analytisch, reduziert und genervt beobachtet sie ihre Umgebung, bis sie zu Taten schreitet, die durchaus nachvollziehbar sind. Auch der Schreibstil ist ein interessanter Cocktail aus trocken und unglaublich überzogen, genau wie die Handlung selbst. Das alles sorgt für eine erfrischende Kurzweiligkeit.

Die soziologische Debatte selbst liefert mehr als einen oder zwei Denkanstöße. Der ganze Roman scheint wie ein großes, “Was wäre, wenn?”, Gedankenexperiment. Was wäre, wenn man sich als Frau im akademischen Milieu nichts mehr gefallen ließe? Was wäre, wenn Incels im Internet plötzlich mit nichts mehr davonkämen? Was wäre, wenn man dem plötzlich Drang zuzuschlagen, filterlos nachgäbe? Dennoch gibt es Männer in Yrsas Leben, von denen sie sich erstaunlich viel gefallen lässt, was zuweilen frustrierend ist, aber ebenfalls zum Nachdenken anregt.

Ich stimme nicht mit allen Thesen überein, die “Honey” aufstellt und austestet. Ich würde sogar behaupten, dass es Imani Thompson ähnlich geht. Dennoch ist ihr Roman ein wertvoller Beitrag zum Diskurs. Eine interessante Reflexion über die Funktion und den Nutzen von Gewalt an sich, über den Akt der Befreiung und das Leben einer Frau in einer alteingesessenen, patriarchalen Institution. Besonders in diesem Milieu ist die Frage nach einem interessanten Buch fast wertvoller, als die nach einem “guten” Buch. Und interessant ist es, unabhängig davon, ob man jedem Detail zustimmt oder nicht, in jedem Fall.

“Honey” von Imani Thompson ist in deutscher Übersetzung beim Rowohlt Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.