Florence + The Machine, Uber Arena Berlin, 09.03.2026

Florence + The Machine live in London, © Lillie Eiger

Der freundliche radioeins Redakteur löst eine kurze Welle der Nostalgie in mir aus, als er mich nach dem Konzert vor der Halle um meine Meinung für seinen Beitrag bittet. 16 Jahre ist es her, dass ich Florence + The Machine zum ersten Mal live gesehen habe, im Postbahnhof als Ostbahnhof, der heute als Event-Location nicht mehr existiert. Nur wenige hundert Meter davon entfernt hat Florence Welch an diesem Abend in der mehr als das zehnfache an Publikum fassenden, ausverkauften Uber Arena gespielt. Und dazu soll ich mal eben ein kurzes Statement abgeben?

Vier Jahre war meine Tochter damals alt. Sie ist mit der Musik von Acts wie Florence + The Machine, die mich über so viele Jahre hinweg nun schon begleiten, aufgewachsen. Heute hat sie sie zum ersten Mal selbst live gesehen. Das war für uns beide ein besonderer Moment. Und der Herr von radioeins schafft es auch in der Kürze der Zeit, eine entscheidende Frage zu stellen: Habe ich damals schon gedacht, dass Florence so groß werden würde, wie sie heute ist? Über die Antwort muss ich nicht lange nachdenken: Ehrlich gesagt wirkte sie damals schon zu groß für den eher kleinen Postbahnhof. 

Es gibt nicht wenige Künstler*innen, die eine Arena mit nicht viel mehr als ihrer Präsenz füllen können. Natürlich ist die Bühnenshow von Florence + The Machine mit den Jahren größer geworden. Das Herzstück der aktuellen Europa-Tour, die gestern Abend vorerst ihren Abschluss in Berlin fand, bevor es im April nach Amerika geht, ist ein bombastischer Laufsteg, auf dem sich ein Großteil der Show abspielt. Er ist ein einfaches, aber höchst effektives Mittel für Florence Welch, um ihrem Publikum nah zu sein. Das ist ihr wichtig, man spürt es daran, wie sie immer wieder jeden Winkel der Bühne ausschreitet, mal im Galopp, mal mit Trippelschritten, die sie wirken lassen, als würde sie wie auf Luftkissen ein paar Zentimeter über dem Boden schweben. Ihr Blick sucht immer wieder einzelne Gesichter in der Menge, bis hinauf in die obersten Ränge schickt sie ihren Gesang.

© Lillie Eiger

Seit 16 Jahren ist Florence Welch ein wandelndes Markenzeichen, mit ihrem wehenden roten Haar und den nicht weniger wehenden Kleidern. Es zeigt sich deutlich im Publikum, wie sehr ihre Fans sich auch optisch mit ihr identifizieren, männlich wie weiblich – ein Meer aus roten Haaren, Blumenkronen, wallenden Kleidern und Samtumhängen. Auf ihrem neuen Album erkundet sie mehr denn je die dunkle Seite des Frauseins, in dem so viel ungezügelte Kraft steckt: die Magierin, die Hexe, die Hohepriesterin. Nicht nur die Bühne schreitet sie ab, sondern auch die ersten Reihen entlang des Laufstegs, streichelt Gesichter, verteilt Umarmungen, sorgt für Tränen und zum Teil schluchzende Zusammenbrüche.

Das kommt nicht von ungefähr. Das Image der überirdischen Universal Mother ist etwas, das sie eindeutig pflegt. Wenn sie am vorderen Rand des Laufstegs hinunter zum Publikum geht, erleuchtet ein Lichtkegel nicht nur sie, sondern auch die sich sehnsüchtig nach ihr ausstreckenden Hände derer, die von überall auf der Welt angereist sind und stundenlang vor der Halle auf genau diesen Moment gewartet haben. Aber gleichzeitig scheint es auch nahezu erschreckend mühelos zu ihr zu kommen. Es ist einfach irgendetwas Überirdisches an dieser Frau, wie sie die Arme zur Hallendecke streckt und mit gefühlt müheloser Leichtigkeit diese unfassbare Stimme ertönen lässt. 

Das wichtigste verbindende Element, das von Florence Welch ausgeht und in dem sich jeder in dieser seelenlosen Mehrzweckarena in irgendeiner Form wiederfinden wird, ist jedoch die Fähigkeit, Krisen und Schmerz, emotional wie buchstäblich physisch, zu überwinden und gestärkt daraus hervorzugehen. Jeder möchte einen Teil dieser entfesselten Göttin in sich spüren, die Welch für ihre Shows tief aus sich hervorholt. An diesem Abend in Berlin erzählt sie, wie froh sie ist, diese Tour heil überstanden zu haben, ohne Blut und gebrochene Knochen. 

Zur Veröffentlichung ihres aktuellen Albums „Everybody Scream“ hat sie zuletzt in einem Interview mit dem Guardian sehr offen über die körperlichen Probleme gesprochen, mit denen sie während der letzten Tour zu kämpfen hatte. Damals, vor 16 Jahren, vor jenem Konzert im Postbahnhof, war sie in einen Autounfall geraten, bei dem das gesamte Equipment der Band abgebrannt war. Ich hatte sie in meinem Artikel, aufgrund dieser Urgewalt, die sie auf der Bühne darstellt, diese Mischung aus Wut und Schmerz und gleichzeitiger Zartheit, mit einem aus der Asche entsteigenden Phönix verglichen. Es ist ein Bild, das bis heute hängen bleibt. 

Entscheidend ist jedoch, dass die Kraft, das Anschreien gegen die Widrigkeiten und auch die Freude, die absurderweise daraus entstehen kann, im Mittelpunkt steht und nicht das Leiden. Das unterstützen auch die vier Hexen, die Florence Welch auf der Bühne umrahmen. Sie sind sexy aber nicht lieblich, sie verdrehen die Augen und die Gliedmaßen, verzerren die Gesichter, schreien, singen und zappeln mit diebischer Freude. 

Knapp zwei Stunden spielen sich Florence + The Machine so durch die Gefühlsklaviatur treuer wie neuer Fans, und am Ende wirkt der Raum immer noch fast zu klein. Wo soll das nur hinführen? Sicherlich auf einen noch langen, langen Weg, der hoffentlich mehr von Glückseligkeit als von Blut und gebrochenen Knochen gesäumt ist.