Eartheater: „Ich glaube daran, dass alles Gute aus Schmerz entsteht, aus harter Arbeit, aus Anstrengung“

Alexandra Audrey Drewchin, aka Eartheater, hat gerade ihr neues Album „Heavenly Body: If I’m the Bottle You’re the Message“ veröffentlicht und ein Konzert im wunderschönen, rot plüschbestuhlten Theater des Westens in Berlin gespielt. Am nächsten Tag habe ich die Gelegenheit, mit ihr zu einem Gespräch zusammenzukommen.

Wir verstehen uns auf Anhieb. Eartheaters neues Album ist ganz der Erfahrung gewidmet, ein Kind zur Welt zu bringen und Mutter zu werden. Doch dass wir beide Mütter sind ist nicht das Einzige, was uns verbindet. Wir sprechen viel über Gegensätze und darüber, wie sehr wir beide zwei vollkommen unterschiedliche Pole in unserem Leben brauchen, um glücklich und zufrieden zu sein. Lärm und Stille. Zeit für uns allein und Gesellschaft. Die Stadt und das Land. Beton und Gras.

Diese Gegensätze finden sich auch in Eartheaters Musik wieder. Ihre Songs sind üppig und unheimlich, ihre Texte, besonders auf diesem Album, oft erfrischend direkt. Ihre Stimme schwebt über orchestralen Arrangements und elektronischen Beats. Am Ende umarmen wir uns und sind uns einig, dass wir beide etwas aus diesem Gespräch mitgenommen haben. Ein schöneres Ergebnis kann man sich von einer 30-minütigen Begegnung mit jemandem, der bereits einen ganzen Tag lang Gespräche geführt hat, kaum wünschen.

Während deines Konzerts gestern hatte ich plötzlich eine Kindheitserinnerung: Ich würde sie dir gerne erzählen, wenn das okay ist.

Oh, cool!

Ich muss ungefähr vier oder fünf gewesen sein, ich war noch im Kindergarten, und irgendjemand hatte mir diese Haarreifen mit kleinen goldenen Antennen geschenkt. Ich war besessen davon. Ich wollte sie jeden Tag tragen. Ich habe meine Mutter sogar gebeten, mir für eine Kostümparty ein goldenes Kleid dazu zu nähen. Irgendwann hat es meiner Mutter gereicht und sie meinte: „Du musst aufhören, diese Antennen zu tragen. Ich gehe nicht noch einmal mit dir in den Supermarkt, wenn du sie aufhast.“ Also habe ich mich vor den Spiegel gestellt und so getan, als würde ich die Antenen in meinen Kopf einziehen. So konnte ich das Haus verlassen, ohne dass man meine Antennen sehen konnte. Aber ich wusste, dass sie noch da waren!

Oh mein Gott!

Ich habe dich gestern auf der Bühne gesehen und musste sofort an meine Alien-Antennen denken.

Ich glaube, ich habe diese Alien-Antennen auch, nur kann sie niemand sehen. (lacht) Vielleicht hast du meine für einen Moment gesehen! Wir sind gleich. (lacht) Weißt du, das ist so cool, denn seit ich wieder in das Haus gezogen bin, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich all diese spontanen Erinnerungen, von denen ich glaube, dass ich mich zum ersten Mal an sie erinnere. Wenn man sich an etwas erinnert, ist jede Erinnerung daran zunächst eine Kopie der vorherigen Erinnerung. Und so verändert sie sich langsam. Deshalb können wir dem, woran wir uns erinnern, oft gar nicht wirklich trauen. Aber manchmal erinnern wir uns an etwas zum ersten Mal, und es ist so lebendig und emotional. Man kann es beinahe riechen. In den zwei Jahren, seit wir die Farm gekauft haben, gab es so viele Momente, in denen mich diese unglaublich intensiven Erinnerungen überrollt haben.

Ich habe gehört, dass du einen Teil deiner Zeit auf einer Farm lebst. Ich wusste aber nicht, dass es das Haus ist, in dem du aufgewachsen bist. Wie ist es dazu gekommen?

Ja, ich bin in diesem Haus geboren worden und meine Mutter hat es verkauft, als ich 15 war. Es hatte in der Zwischenzeit drei oder vier verschiedene Besitzer. Vor zwei Jahren haben mein Mann und ich es auf dem Markt entdeckt und zurückgekauft. Damit ist wirklich ein Traum wahr geworden. Ich habe einige der Songs darüber geschrieben.

Ich habe auch gehört, dass du das Leben auf dem Land und die Stadt gleichermaßen brauchst, um glücklich zu sein. Das kann ich total nachvollziehen!

(lacht) Das ist wirklich so. So bin ich einfach. Ich kann nicht nur eines von beidem sein.

Vielleicht spiegelt sich das auch in deiner Musik wider. Sie ist gleichzeitig so unheimlich und so bodenständig. Es ist ein echtes Spannungsverhältnis.

Auf jeden Fall. Wenn man etwas leicht Raues und Ungehobeltes neben etwas sehr Verziertes und Raffiniertes platziert, verstärken sich die Identitäten dieser beiden Dinge gegenseitig. Und genau das liebe ich. Ich liebe es, wie Hässlichkeit neben Harmonie die Harmonie nur noch engelhafter erscheinen lässt.

Ich habe auch das Gefühl, dass es einen lebendig hält, wenn man draußen auf dem Land ist und dann zurückkommt und wieder lernt, mit dem Lärm der Stadt zu leben.

Meine Mutter lebt auf dem Land auf ihrer kleinen Farm. Gerade während ich hier bin, ist sie bei uns in der Stadt, um meinem Mann mit dem Baby zu helfen. Aber sie ist es nicht gewohnt, mehrere Tage in der Stadt zu verbringen. Und der Lärm ist das, was sie mehr als alles andere erschöpft. Dieses ständige, mahlende Maschinengeräusch, das sich ins Gehirn frisst.

Aber was für eine wunderbare Lösung. Du weißt, dass dein Baby in den besten Händen ist, und kannst das Reisen genießen und auf der Bühne deine Kunst leben!

Ja! Genau. Auf allen Touren und bei allen Auftritten bisher war das Baby bei mir. Mal mit meinem Mann, mal ohne ihn. Das hat auch gut funktioniert. Bei den Shows in L.A., den ersten Shows, war ich allein mit dem Baby. Ich habe eine Babysitterin engagiert, die mich unterstützt hat. Das war ein völlig anderes Gefühl. Schön ist auch dass ich wieder Kontakt zu so vielen Freunden aufnehmen konnte, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte.

Es ist vielleicht eine etwas abgedroschene Frage, aber erzähl mir bitte, wie du auf den Albumtitel gekommen bist. Ich finde ihn so großartig.

(lacht) Für mich ging es bei diesem Album sehr stark um den körperlichen Zustand des Menschseins. Es gab so viele verrückte Momente, in denen alles zusammenpasste. Heute ist der 1. September, und das ist der Tag, an dem wir herausgefunden haben, dass die Farm, auf der ich aufgewachsen bin, zum Verkauf stand. Und es war auch der Tag, an dem das Baby gezeugt wurde, denn als ich drei Wochen später in der Geburtsklinik war, konnten sie dort genau feststellen, wann das Baby gezeugt worden war. Im Grunde ist das eine mathematische Gleichung, wenn sich Zellen vermehren. Für mich fühlte sich das wie ein Wunder an. Dass wir die Farm zurückkaufen konnten, fühlte sich ebenfalls wie ein Wunder an. Ein Wunder nach dem anderen. In solchen Momenten wird man ehrfürchtig. Deshalb wollte ich, dass sich der Titel irgendwie magisch anfühlt.

Aber gleichzeitig … die Art und Weise, wie all diese Anagramme in Eartheater stecken. All diese verschiedenen Wörter existieren in Eartheater. Heat und heart und arteater und theater … Ich liebe es zu schauen, wenn ich ein Wort benutze, welche anderen Wörter darin stecken. Selbst wenn ich die Einzige bin, die das bemerkt, verleiht es dem Ganzen irgendwie mehr Tiefe. Heavenly zum Beispiel enthält das Wort heave, also das, was man beim Gebären macht. Man presst und schiebt. Darin stecken Kraft, Schmerz und Anstrengung. Obwohl heavenly nach Himmel klingt, nach göttlicher, allumfassender Gnade, liebe ich es, dass darin gleichzeitig diese gegensätzliche, irdische, körperliche Botschaft steckt. Und ich glaube wirklich daran, dass alles Gute aus Schmerz entsteht, aus harter Arbeit, aus Anstrengung. Aus etwas, das nicht im Himmel beginnt.

Du bist auf diesem Album wirklich sehr direkt. Gestern während deines Konzerts dachte ich irgendwann: Ich glaube, ich habe noch nie jemanden auf der Bühne singen hören: „My baby is too big for my cervix.“

(lacht) Es hat sich bei diesem Album unglaublich befreiend angefühlt, einfach auf Metaphern zu verzichten. Die Dinge direkt auszusprechen und zu sagen: Genau das ist passiert. Vor allem, weil es noch gar nicht lange her ist. Es fühlt sich immer noch so gewaltig an. Es ist keine weit zurückliegende Erinnerung, auf die ich mich beziehe. Es passiert gerade. Das war sehr befreiend!

Erzähl mir: Wann genau hast du diese Songs geschrieben? Hast du sie alle geschrieben, nachdem du dein Kind bekommen hattest?

Ich habe mit dem Album angefangen, als das Baby drei Monate alt war. Der einzige Song, den ich vorher geschrieben hatte, war „Nova“. Den habe ich während der Schwangerschaft geschrieben, und da wurde mir klar, dass ich sie Nova nennen wollte. Also habe ich angefangen zu schreiben, als sie drei Monate alt war. Aber einige kleine Einzeiler hatte ich schon während der Schwangerschaft oder direkt danach geschrieben. Ich habe meine Notizen durchgeblättert und dachte manchmal: „Oh, was ist das denn?“ Und dann hat sich daraus ein Song entwickelt.

Drei Monate nach der Geburt? Ich habe großen Respekt vor dir. Das Letzte, wonach mir drei Monate nach der Geburt war, war Kreativität. Alles war völlig überwältigend und, ehrlich gesagt, hat es mich auch ziemlich betäubt.

Diese Gefühle hatte ich definitiv auch. Es war für mich ziemlich schwierig, zu viel allein mit dem Baby zu sein. Ganz ehrlich, ich habe dafür gesorgt, dass immer Freunde oder Familie um mich herum waren. Das hat es viel einfacher gemacht. Aber ich hatte auch diese seltsamen Energieschübe. Ich fand es am anstrengendsten, mit dem Baby zusammen zu sein. Wenn also jemand da war, der das Baby halten konnte, dachte ich plötzlich: „Ich werde jetzt den kompletten Boden ölen! Die Treppe abschleifen! Die Treppe neu streichen!“ Für mich war das entspannend, verglichen mit Stillen und Bäuerchen machen … obwohl ich es geliebt habe. Es ist einfach anstrengend, mit einem Baby zusammen zu sein!

Aber dann kreativ zu sein! Ich habe mich die ganze Zeit so dumm gefühlt.

(lacht) Weißt du, ich habe wirklich großartige Manager, und ich bin ihnen sehr dankbar. Sie haben mich dazu ermutigt, kreativ zu sein. Wir hatten schon über die Idee gesprochen, dass ich gemeinsam mit Dave Sitek ein Album über all das schreiben wollte, was gerade passiert. Es hilft, ein Team zu haben, das einen dazu bringt, an etwas dranzubleiben. Wenn man allein ist, ist es viel leichter, sein eigenes Wort nicht zu halten. Mein Mann und ich waren oft wirklich auf derselben Wellenlänge. Er hatte Arbeit in L.A. und ich dachte: „Perfekt, du gehst arbeiten, ich gehe arbeiten, wir holen das Kindermädchen …“ Es war Bewegung da, Energie. Ich glaube, das hat mir geholfen, das alles mental durchzustehen. Ich glaube, die Veränderung ist mental noch gravierender als körperlich. Besonders, während der Körper gleichzeitig noch heilt. Mein Körper hat durch das Ganze definitiv ordentlich was abbekommen.

Aber jetzt bin ich wirklich, wirklich froh, dass ich damit angefangen habe und es auch zu Ende bringen musste. Es hat mich auf Trab gehalten, und ich habe es auch sehr genossen, Momente zu haben, in denen ich quasi das Dorf um Hilfe mit dem Baby bitten konnte. Denn dadurch konnte ich es kaum erwarten, wieder zu ihr zurückzukommen, anstatt zu denken: „Oh mein Gott, kann bitte jemand das Baby nehmen?“ Ich bin sehr dankbar dafür, wie es gelaufen ist.

Und ich kann mir vorstellen, dass es ebenfalls sehr hilfreich war, mit jemandem zusammenzuarbeiten.

Ja! Total. Das ist das erste Album, das ich mit nur einem Produzenten gemacht habe. Und ich glaube, wenn ich alle Instrumentals selbst hätte machen müssen oder mit einer ganzen Reihe von Produzenten gearbeitet hätte, wäre es nicht so fokussiert geworden. Ein Teil des Erfolgs lag darin, dass wir so spezifisch waren. Wir hatten einen unglaublichen Engineer, ein kleines Team. Wir waren bei ihm zu Hause, er hat 700 verschiedene Teesorten … Wir hatten die besten kleinen Snacks, draußen vor seinem Fenster blühten so viele Blumen – einfach eine unglaublich gemütliche, schöne Atmosphäre, um ein Album aufzunehmen. Er hat dafür gesorgt, dass ich mich richtig gut fühlte. Nichts daran war irgendwie zu cool. Es war einfach pure Leidenschaft.

Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Du hast quasi zweimal in so kurzer Zeit ein Kind zur Welt gebracht.

(lacht) Ha. Ja! Das stimmt.

Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt. Das englische Original lest ihr hier.

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