
Zweimal im Jahr findet in Berlin die Fashion Week statt, einmal für die Frühlings- und Sommer- und einmal für die Herbst- und Winterkollektion des folgenden Jahres. An verschiedensten Standpunkten über die Stadt verstreut präsentieren sich im Rahmen von Fashion Shows, Modemessen und anderen Events die Designer*innen und Labels. Das Überangebot ist überwältigend, besonders im Fokus stehen aufstrebende Talente, die zu stilvoller Musik in gefüllten Locations ihren Fuß in die Tür quetschen. Es war wieder soweit, vom 02. bis zum 05. Juli 2026 wurden die Klappstühle herausgeholt und der Champagner geköpft.
Inhouse Fashion Show SS27 KOLO Berlin

Am ersten Tag der Berliner Fashion Week fand die erste offizielle Show der nachhaltigen Streetwear & Avantgarde Modemarke “KOLO” aus Berlin statt. In einem Seitenarm der Hermannstraße präsentiert die Designerin Aigerim Usabaev mit einer Handvoll dunkel geschminkten Models die Frühling Sommer Kollektion 2027. In zwei Räumen des Studios und Show Rooms der Marke KOLO werden schwarze Klappstühle und große Lautsprecher für einen provisorischen Laufsteg aufgebaut. Die Models laufen in einem Rund, ein Teil ihres Wegs führt über den Neuköllner Bürgersteig, eine unmittelbare In-Szene-Setzung der Streetwear Marke.
Das Ganze steckt noch sichtbar aber charmant in den Kinderschuhen. Die Models schielen ab und zu nervös nach links und rechts, im zweiten Raum fällt immer wieder die Musik aus. Aber jeder muss schließlich einmal anfangen und die Designs sprechen für sich. Auf den ersten Blick vielleicht etwas eintönig, überzeugen letztendlich elegante, zeitlose Schnitte und dunkle Stoffe mit ihrer schicken Alltagstauglichkeit.
Sie verkörpern den beliebten Lebensstil der Berliner, von der Arbeit auf die Straße, ins Museum, ins Kino, in den Club, immer ist man sowohl passend angezoge, als auch wettergeschützt. Es ist eine neue Form von “cool”, bei der es keine Diskrepanzen zwischen Kleidung für Männer und Frauen gibt, sondern alle sich gleichermaßen frei und praktisch bewegen können. Hin und wieder erscheint ein Fleckchen Farbe, ein sattes Orange, ein Königsblau. Ein gelungener Auftakt.
PLATTE X seefashion26

Am frühen Abend stehen die Menschen vor dem ZK/ U – Zentrum für Kunst und Urbanistik Schlange. Anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Kunsthochschule Weißensee Berlin zeigen 19 Bachelor- und Master- Absolvent*innen des Fachgebiets Modedesign ihre Abschlusskollektionen. Vor den Bogenfenstern der industriell anmutenden Halle tobt ein Unwetter, die Hitze der letzten Tage ist gebrochen. Die Zuschauer sitzen auf grauen und zartrosa Plastikstühlen. Kurz bevor es losgeht werden Zettel verteilt. Auf ihnen sind die Namen der angehenden Designer sowie die Namen ihrer Kollektionen in chronologischer Reihenfolge vermerkt.
Die Show ist übersichtlich und unterhaltsam gestaltet. Bei jedem Wechsel wird ein Schild gezeigt, damit man den Überblick nicht verliert, wer an der Reihe ist. Jede Kollektion hat ihre eigene musikalische Untermalung und jede ist anders. Manche heben sich dabei stärker hervor als andere.
Figuren, die entfernt an filmische Darstellungen weiblicher Unterdrückung erinnern, wie die Mägde aus “The Handmaid’s Tale“ laufen über den schlangenförmigen Laufsteg. Geometrische Formen in schrillen Farben wurden zu schwingenden und hüpfenden Kleidern verarbeitet. Eine paar der Models bleiben nicht stumm, sondern nutzen, im Einklang mit ihren mit Sprüchen versehenen Outfits, ihre Stimmen für Parolen der Nachhaltigkeit. Das Ergebnis ist ein gelungenes Event, das die Arbeit der talentierten Absolvent*innen angemessen würdigt.
Graduate Shows auf den Runways der Neo.Fashion.2026

In Moabit am Neuen Ufer befindet sich die Basis der Neo.Fashion.2026. In einer umfunktionierten Lagerhalle gibt es Infostände, Essen, Getränke und natürlich einen riesigen Laufsteg. Hier werden, bereits in der 10. Edition im Rahmen der Fashion Week , aufstrebende Labels sowie Nachwuchstalente nationaler und internationaler Hochschulen präsentiert.
Fast stündlich versammeln sich die zahlreichen Gäste auf den langen Stuhlreihen und bekommen eine neue Kollektion dargeboten. Auch wenn jeder seine rechtmäßige Zeit im Scheinwerferlicht bekommt, ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Irgendwann schwirrt einem der Kopf und da können die – zugegebenermaßen besonders leckeren – Crepes auch nur bedingt helfen.
Am Donnerstag sticht besonders die Show der Fashion Art Toronto hervor, die aufstrebende Talente aus Kanada nach Berlin bringt. Stoffe mit auffälliger Textur, Masken und aufwändige Schnitte erinnern an die Kostüme eines Science Fiction Films. In weiß und vorwiegend dunklen Farben gekleidet, kämpfen die Models mit breiten Ärmeln, voluminösen und schleppenden Röcken – wenn sie durch Maske und Gesichtsbehang überhaupt etwas sehen können.
