Andy Shauf im Interview: „Wenn man eine gute Bar gefunden hat, fühlt man sich gleich mehr zuhause“

Andy Shauf ist eher ein ruhiger Zeitgenosse. Wenn er spricht, dann tut er das mit Bedacht, in kurzen, wohl überlegten Sätzen. Seine Musik sprudelt dagegen nur so über vor Kreativität, Ideen und Geschichten. Auf seinem neuen Album „The Neon Skyline“ geht der Erzähler in seine Lieblingsbar, die Neon Skyline, und erfährt, dass seine Exfreundin wieder in der Stadt ist. Später taucht sie selbst auf, neben einer Vielzahl anderer Charaktere und natürlich dem Barkeeper, der schon weiß was man trinken will, bevor man überhaupt bestellt hat. Im Rahmen seines ersten richtigen Pressetages in Deutschland hat Andy mir eingangs verraten, dass er es ganz schön komisch findet, den ganzen Tag über sich selber zu reden. Aber dann hat er mir doch so einiges über seine Arbeit an „The Neon Skyline“ erzählt – und verraten, warum er seine ehemals legendär langen Haare jetzt kurz trägt.

Deine Haare sind ab!

Sie sind weg. Ich musste es tun. Ich war es leid. Sie haben mich zu viel Zeit gekostet, die ich nicht mehr bereit bin zu investieren. 

Das Thema hat man ja gerne mit Kindern: Wenn du dir die Haare nicht kämmen willst, dann kommen sie ab!

Genau so war das bei mir. Ich wünschte nur mir hätte das jemand gesagt. Ich musste es ganz allein auf die Reihe kriegen.  

Du bist ja wirklich sehr produktiv. Du hast gerade erst ein Album mit deiner Band Foxwarren veröffentlicht, ihr wart auf Tour und jetzt schon wieder ein Soloalbum. 

Das Foxwarren Album war schon fertig, als ich mein letztes Album „The Party“ fertig hatte. Es hat eine Weile herum gelegen und auf seine Bestimmung gewartet. Ich hatte in Wirklichkeit viel Zeit dieses Album zu schreiben.

Und du hast sie dir genommen. 

Das habe ich (lacht). Es hat ein bisschen gedauert, bis ich wirklich glücklich damit war.

Du hast aber sehr viele Songs geschrieben, um die 50?

Ja, so etwas in der Art. Ich habe lange versucht herauszufinden, was genau ich mit der Geschichte machen möchte. Es war alles nicht wirklich in Stein gemeißelt. Als ich angefangen habe, hat es Song für Song Gestalt angenommen. Es ging eine Weile in unterschiedliche Richtungen. Ich musste Songs ausprobieren und sie dann wieder raus werfen, um den richtigen Weg zu finden.

Das Storytelling ist bei dir ja sehr wichtig. Wie gehst du in der Arbeit vor? Gibt es zuerst einen roten Faden, wie in diesem Fall nun die Bar? Oder hast du zuerst Melodien im Kopf?

Meistens geht es tatsächlich mit einer Melodie los. Ich sitze da und spiele mit ihr herum, singe Wörter dazu, die erst einmal nichts bedeuten, bis etwas hängen bleibt. Dadurch formt sich, was die Geschichte sein wird. Der erste Song auf dem Album, „Neon Skyline“, war auch einer der ersten die ich geschrieben habe. Dadurch wurde mir klar ich habe Figuren und ein Setting. Dann konnte ich nach und nach sehen, was an diesem Ort mit diesen Figuren passiert. Es hat funktioniert, aber es hat eine Weile gedauert.

Wenn man die Texte zu den Songs schriftlich vor sich hat, kommt man nicht als erstes drauf, dass es sich um Songtexte handelt.

Das ist cool. 

Ich glaube ich habe noch nie Songtexte gelesen, die so viel direkte Rede enthalten.

Es gibt sehr viel Dialog, ja. Das ist tatsächlich ein bisschen seltsam. 
Aber wenn man dann die Songs hört, dann geht das alles so organisch zusammen. Das ist faszinierend, weil es beim Lesen erst einmal ein bisschen sperrig wirkt. 

Das ist interessant. Wenn ich die Texte zu einem Song einmal habe, dann kann ich sie nicht mehr lesen, ohne die Melodie dazu im Kopf zu haben. Es macht für mich einfach Sinn, wie alles zusammen gehört. 

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Geschichten zu erzählen ohne Musik dafür zu nutzen?

Ich habe darüber nachgedacht. Ich wünschte ich wäre in der Lage, richtige Geschichten zu schreiben. Etwas zu machen, das ein bisschen ehrgeiziger ist. Aber ich finde es sehr schwer, in richtig zusammenhängenden Sätzen zu schreiben, auf diese Weise eine Stimme, einen Stil zu finden. Ich habe es versucht. Aber ohne die Musik zu haben ist es für mich sehr schwierig, etwas in Gang zu kriegen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann.

Du produzierst deine Musik auch selbst. Ist das nicht manchmal ein etwas einsamer Prozess?

Ich genieße das. Ich bin gerne alleine. Ich brauche nicht unbedingt jemanden der mich führt, oder der meine Ideen leitet. 

Und wer sind die Menschen, denen du deine Arbeit zuerst zeigst? Deren Meinung dir wichtig ist?

Vor allem John, mein Manager. Ein paar Freunde, die ich schon lange kenne, die selber auch Songwriter sind. Die sagen mir ehrlich wenn etwas Scheiße ist (lacht). Das Ding ist, wenn ich jemandem etwas schicke um seine Meinung zu hören, dann ist das schon ein Zeichen dafür dass ich weiß, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn sie mir das sagen, dann ist das okay. Ich weiß, dass ich sie nicht reinlegen kann. 

Was würdest du sagen, hast du bei der Arbeit an diesem Album gelernt, das neu für dich war?

(überlegt) Als ich vor zehn Jahren angefangen habe Shows zu spielen, habe ich die meiste Zeit solo gespielt. Wenn ich Songs geschrieben habe, habe ich sie deshalb immer so geschrieben, dass ich sie auch solo spielen kann. Bei „The Party“ sind die Arrangements  größer geworden, ich habe mit mehr Instrumenten gearbeitet. Bei diesem Album wollte ich mehr zu den Anfängen zurück, zurück zu dem fokussierten Songwriting, wie ich es früher gemacht habe. Hauptsächlich Stimme und Gitarre, so dass ich die Songs alleine spielen kann. Am Ende sind es dann doch wieder mehr Instrumente geworden. 

Ich wollte gerade sagen, so reduziert klingt es gar nicht. 

Auf „The Party“ gibt es Songs, bei denen sechzig Spuren übereinander liegen. Auf diesem Album sind es vielleicht sechs Spuren maximal. Im Vergleich zu „The Party“ ist es doch sehr reduziert. Ich habe mich absichtlich beschränkt. 

Du arbeitest ja zum Beispiel gerne mit der Klarinette. Das ist ja eher ungewöhnlich, man hört sie nicht so oft.

Sie ist ein wirklich einzigartiges Instrument. Ich mag die Klarinette sehr, sie hat einen ganz eigenen Sound. Sanfter als ein Saxophon. 

Du wolltest auch selber lernen Flöte zu spielen. Wie ist es dir damit gegangen?

Nun, ja, ich habe mir eine besorgt. Und… ich habe ein bisschen gelernt sie zu spielen. Es war ein bisschen schwieriger als ich gedacht hatte. Ein bisschen davon ist auf dem Album gelandet. Ich denke es klingt okay. Mit der Flöte ist das so ein Ding, wenn man sie nicht wirklich gut spielt, hört es sich an als würde man in eine Röhre spucken. 

Wie ist es in Toronto zu leben? Ich möchte schon lange einmal dorthin.

Es ist eine coole Stadt. Ich bin ja eher ein Kleinstadtjunge, deshalb versuche ich, wenn ich in einer Großstadt bin, meinen Radius möglichst einzuschränken. Ich verlasse meine Nachbarschaft nicht oft. Ich habe mein Studio, meine Apartment und die Skyline Bar, um die es auf diesem Album geht. Sie hat gerade eröffnet, als ich in die Gegend gezogen bin. Wenn man eine gute Bar gefunden hat, fühlt man sich gleich mehr zuhause (lacht). 

Nachdem ich dein Album zum ersten Mal gehört hatte war mein erster Gedanke, dass ich wieder mehr Zeit in Bars verbringen muss. Ich mache das viel zu selten. 

Es ist schön. Hängt natürlich von der jeweiligen Bar ab. Die Skyline Bar ist perfekt. Sie ist auch ein Restaurant, aber ab einer bestimmten Zeit gibt es nichts mehr zu essen. Es ist sehr ruhig da. Man kann sich tatsächlich mit Leuten unterhalten, ohne ständig gegen Musik anschreien zu müssen. Das ist leider in vielen Bars in Toronto heutzutage so. Die Leute lieben es offensichtlich sich anzuschreien.

Foto © Colin Medley

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