
Es ist ein ungeschriebenes popkulturelles Gesetz, dass es für jede Zeit die eine Band der Stunde geben muss. Die, die mit ihrer Musik, ihrer Message, ihrer Haltung und ihrem Auftreten als Sprachrohr für eine ganze Generation und oft noch weit darüber hinaus funktioniert. Die Welt wird wahrscheinlich nie damit aufhören, das nächste große Ding nach Oasis zu suchen.
Vielleicht wird diese ehrenvolle Aufgabe eher Bands (in der Regel rein männlichen) als Einzelkünstler*innen zuteil, weil sie in sich schon eine Gemeinschaft bilden. Und man sich als Fan gerne als Teil dieser Gruppe sieht, die gemeinsam Musik macht und im Idealfall auch freundschaftlich miteinander verbunden ist. Dass es aktuell die Iren von Fontaines D.C. sind, die sich in wenigen Jahren den Status dieser Arenen (im nächsten Jahr in UK sogar Stadien) füllenden, für Menschen und deren Sorgen und Nöte sprechenden Band erarbeitet hat, passt ebenfalls ins Bild.
Seit ihrem Debüt “Dogrel” aus dem Jahr 2019 haben Fontaines D.C. ihren Sound kontinuierlich weiterentwickelt und, ob bewusst oder unterbewusst, sukzessive an die Größe der Venues angepasst, die sie bespielen. Sie sind ein Garant fürs Verlässliche, was vor allem der charakteristischen Stimme von Frontmann Grian Chatten zu verdanken ist und stehen gleichzeitig klanglich für Fortschritt und Weiterentwicklung. Sie vertonen soziales und politisches Bewusstsein genauso wie innere, persönliche Umwälzungen. Dass Grian Chatten mit seiner Bühnenperformance derartig viele Menschen mitreißt ist erstaunlich und logisch zugleich. Er ist nicht der klassische Typ des exaltierten Frontmanns, sondern eher wortkarg, zurückhaltend und introvertiert. Auch etwas, das sich in der Generation widerspiegelt, zu der er spricht.
Bleibt die Frage, wie spannend rein musikalisch Fontaines D.C. auf lange Sicht bleiben. “Marianne”, die erste Single aus dem neuen Album “Dopamine Chamber” legte die Vermutung nahe, dass die Band ihren Fokus weiter und stärker auf einen Achtziger Jahre inspirierten Industrial Sound legen würden, dass die Gitarren weiter in den Hintergrund und Drum Machines und Synthesizer in den Vordergrund rücken würden. Rein musikalisch ist “Dopamine Chamber” jedoch durchaus ein abwechslungsreiches Album geworden.
Es gibt einige Songs, die den Indie Sound von Fontaines D.C. weiterpflegen, wie “Happy For You” und “Demolition”. Oder zum Beispiel “Tongue”, einer der spannendsten Tracks des Albums, der, ähnlich wie die Hit-Single “Starbuster” aus dem letzten Album “Romance”, seine Wurzeln fast schon im Hip-Hop sucht. Die bereits erwähnten Achtziger Jahre Referenzen wie im Opener “Six Shot Morning” oder in “Mimesis” stehen der Band gut zu Gesicht. In den besten Momenten schaffen Fontaines D.C. auf “Dopamine Chamber” eine skurril interessante Atmosphäre, der es trotzdem nicht an Zugänglichkeit fehlt.
Wenig Variation findet sich jedoch in Hinblick auf die gesamte Stimmung des Albums. Es gibt kaum Erlösung von der überwiegend düsteren Atmosphäre auf “Dopamine Chamber”. Fontaines D.C. sind offensichtlich nicht gekommen, um uns Ablenkung zu schenken. Aber wer sich in der konstanten Bestätigung der Schwere Zuhause fühlt, der wird auch dieses Album lieben. Es bietet genug Momente, um traurig zu tanzen.
„Dopamine Chamber“ von Fontaines D.C. ist ab sofort erschienen.
