
Es ist schon eine kleine Herausforderung, sich mitten im Hochsommer, zwischen zwei Hitzewellen, mit einem neuen Phoebe Bridgers Album auseinanderzusetzen. Wobei der Sommer, dank konstant steigender Temperaturen und ausgetrockneter Flüsse, eigentlich auch keine besonders unbeschwerte Zeit mehr ist. Dann kann man sich auch in die emotionalen, herrlich tiefen Gründe einer Phoebe Bridgers hinab begeben. Wer braucht schon Sommerhits? Ein „Lost Weekend“ trifft den Nerv vielleicht doch eher.
Es war vorauszusehen, dass es keine leichte Kiste werden wird, wenn Bridgers sich sechs Jahre nach ihrem Erfolgsalbum „Punisher“ mit einem neuen Soloalbum zurückmeldet. Inmitten all der glitzernden Popstars und Megastars, die sich schon aufgrund ihrer zum Teil Milliardenschwere immer weiter vom Identifikationspotential des Durchschnittsmenschen entfernen, bleibt sie für diejenigen, deren Leben eher vom alltäglichen Struggle geprägt ist, der Fels, an den man sich in den schweren Momenten, unter Tränen aber lächelnd, anlehnen kann.
Natürlich ist Phoebe Bridgers heute auf ihre eigene Art ein Superstar. Das zeigt schon die Größer der Hallen, in denen sie diesen Winter tourt und die sie in Windeseile ausverkauft. Passend zu diesen Konzerthallen, hat sich entsprechend auch die Produktion dieses Albums vergrößert. Unter anderem waren daran Jack Antonoff (hört man zum Glück weniger) und Alex G (hört man zum Glück mehr) beteiligt. Bridgers bleibt in ihrer Wirkung stets nah und unmittelbar.
“Unter Tränen lächeln” ist so ziemlich der Default-Modus ihrer Musik, und dem bleibt sie auch auf “Lost Weekend” treu. Sie schöpft auf diesem Album, sowohl klanglich als auch emotional, mehr denn je aus den Vollen. Vocoder, Banjo und Mundharmonika, orchestrale Arrangements und sirenenartige Chöre verbinden sich zu einem kongruenten Ganzen, das einen regelrecht in Erstaunen versetzt. Darüber wie gut es funktioniert, wie sehr es nach Bridgers und gleichzeitig völlig neu klingt.
Manche Songs sind schon in sich eine Tour de Force, wie das titelgebende “Lost Weekend”, das zum Ende hin noch einmal komplett die Richtung ändert. Die sanften Töne scheinen irgendwie besonders sanft, die lauten besonders laut. Sie wechseln sich kontinuierlich ab, was “Lost Weekend” zum abwechslungsreichsten der nun drei Phoebe Bridgers Alben macht – obwohl es gleichzeitig das Album ist, auf dem sie sich am weitesten vom Gitarren-dominierten Indie-Sound entfernt hat.
Und all das ist außerdem so herrlich schräg, fast ein bisschen unheimlich in seiner Widersprüchlichkeit. Weil manche Songs so seltsam sind und andere regelrecht Hit-Potential haben. Ein bisschen, als würde man einen Jane Schoenbrun Film bei herrlichstem Wetter auf der Couch gucken. Vielleicht spielt der Sommer in die Atmosphäre doch stärker mit ein, als man anfänglich denkt. Aber wenn sie im Winter erst einmal auf Tour kommt und diese Songs live präsentiert… das wird herrlich.
„Lost Weekend“ von Phoebe Bridgers erscheint am 14. August 2026.
