
„Romanticize the Dive“, ist das zehnte Album der kanadischen Indie-Rockband Metric. Sängerin Emily Haines und Gitarrist und Produzent Jimmy Shaw blicken bald auf 25 Jahre gemeinsame Arbeit und fast 30 Jahre Freundschaft zurück. Das ist schon etwas, das man stolz und schamlos romantisieren darf.
An einem der ersten warmen Tage in Berlin sitzen wir in der Hotellobby zusammen. Emily und Jimmy sprühen nur so vor Ideen und Tatendrang – Emily hat gerade spontan einen riesigen Strauß roter Rosen geordert, für ihr Akustik-Showcase im Berliner Rough Trade später am Abend. Wir sprechen viel über diese erstaunliche Energie, die die beiden seit nun schon so vielen Jahren aufrecht erhalten. Über den Zweifel hinaus, dem Älterwerden zum Trotz und ohne dem damit verbundenen Optimierungswahn zu erliegen.
Wir sprechen auch über Verbindung zu ihren Fans. Und diese wird am Abend beim Showcase wieder einmal besonders deutlich. Menschen jeden Alters und jeder Identität singen inbrünstig ihre liebsten Metric Songs mit. Die Art wie Emily und Jimmy in ihr Leben eintauchen, verdient es tatsächlich, romantisiert zu werden.
Als ich euch das letzte Mal gesehen habe, habt ihr nach dem Konzert mit euren Fans eine Party auf dem Parkplatz gefeiert. Du, Emily, hattest in der einen Hand eine Boombox und in der anderen ein Glas Wein.
Jimmy: Das Bild kenne ich.
Emily: Ich habe so einen kleinen Lautsprecher mit einem Gurt, wie eine Handtasche. Ja!
Jimmy: Eine vertraute Szene ist das.
Emily: Sowas machen wir gerne. Wir haben das schon auf unserer Tour mit Noel Gallagher und mit Garbage gemacht. Wir waren Support und nach der Show haben wir Zelte aufgebaut, Tische hingestellt, gegrillt, eine Bar aufgebaut… wir haben ein komplettes Setup gemacht (lacht). Wir versuchen einfach, die Leute glücklich zu machen. Es ist schön, dass wir diese gemeinsame Erinnerung haben.
Davor hatte ich dich, Emily, zu eurem Album „Art of Doubt“ interviewt. Damals haben wir viel über Zweifel gesprochen. Ich erinnere mich, dass du gesagt hast, du gehst immer ganz bewusst auf Zweifel zu.
Emily: Ja, genau. Direkt auf ihn zu.
Und weißt du, was ich gedacht habe, als ich das neue Album gehört habe? Es klingt ein bisschen so, als hättet ihr den Zweifel hinter euch gelassen.
Jimmy: Das ist ein sehr cooler Gedanke! Ich würde dem zustimmen. Ich habe es selbst nie so betrachtet, aber auf der Platte herrscht tatsächlich nicht viel Zweifel.
Emily: Stimmt, ja.
Musikalisch klingt alles sehr frisch, verspielt und poppig. Aber die Texte sind sehr erwachsen. Diese „No Bullshit“-Haltung auf dem Album hat mich total abgeholt.
Emily: (lacht) Wir haben neulich darüber gesprochen. Wir machen all diese Arbeit – und das Schreiben ist auch innere Arbeit. Es geht immer darum, auf den Zweifel zuzugehen und zu spüren, wo man sich selbst gegenüber nicht ehrlich ist. Oder wo man Angst hat. Oder sich versteckt. Oder kein Selbstbewusstsein hat, was auch immer. Und neulich hatte ich diesen Moment: Oh warte… vielleicht funktioniert das ja wirklich. Vielleicht ist das das, was du da hörst. Es ist total ermutigend, das zu hören, danke dir. Ich bin so in diesem Mindset, dass man immer darauf zugehen muss. Aber vielleicht entwickelt man sich ja wirklich weiter. Vielleicht können wir das. Und vielleicht haben wir es sogar schon. Das wäre schön (lacht).
Jimmy: Das würde ich auch gerne glauben. Als wir „Art of Doubt“ vor acht Jahren gemacht haben, ging es nicht unbedingt darum, dass wir voller Zweifel waren. Ich glaube nicht, dass unser Selbstvertrauen heute so viel anders ist. Aber es liegen eben acht Jahre Leben und Erfahrung dazwischen. Die Vision für dieses Album war von Anfang an ziemlich klar – nicht unbedingt inhaltlich oder thematisch, sondern was es für uns bedeuten sollte, es zu machen. Was wir damit erreichen wollen. Wir hatten irgendwie dieses Gefühl: Lass es uns so machen, als wäre es unser letztes Album. Ich glaube nicht, dass es das ist. Aber arbeite immer so, als wäre es so. Deshalb ist es auch nicht einfach eine Rückkehr zu unserem Sound. Sondern wir haben ihn uns selbst neu zueigen gemacht. Das war uns sehr wichtig.
Und es ist euer zehntes Album! Wie schafft man das?
Jimmy: Wir hören einfach nicht auf. Aber wir sind auch nicht manisch dabei
Emily: Genau. Wir sind einfach auf diesem Weg. Und das Tempo variiert manchmal. Es gibt Umwege. Aber alles führt immer wieder zurück in diese Vorwärtsbewegung, mit uns vieren.
Es wirkt tatsächlich, als würdet ihr konstant vorangehen. Immer in Bewegung, aber entspannt, nicht verbissen. Und ihr habt euch weltweit eine Fanbase aufgebaut – das ist ja heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
Emily: Ich glaube, es ist eine echte Verbindung. Das merken wir überall auf der Welt. Wir spielen keine zehn Arena-Shows, aber wir spielen großartige Venues. Und die Leute die kommen wissen, warum sie da sind. Es gibt kaum Gelegenheits-Hörer. Selbst die Jüngeren, die uns entdecken – was total schön ist – da habe ich das Gefühl, dass sie wirklich etwas Tieferes daraus ziehen. Es ist nichts Modisches. Vielleicht sind wir sogar unmodern (lacht).
Ihr habt das Album in New York aufgenommen, mit einem Gefühl der Rückkehr zu euren Wurzeln. Was war der Auslöser dafür?
Jimmy: Das geht etwa zwei Jahre zurück, April 2024. Emily hatte Musik geschrieben, ich hatte Musik geschrieben. Wir wollten sehen, wie es sich anfühlt, nach langer Zeit wieder ins Electric Lady Studio zu gehen. Ich glaube, seit „Synthetica“ waren wir nicht mehr dort – also fast 15 Jahre. Und dann war da dieser kleine Funke: wieder in New York zu sein, in diesem Studio, im gleichen Hotel wie 2006. Es fühlte sich an wie eine Art Rückkehr, die in den Sternen stand. Als wir dann angefangen haben, das Album zu machen, hatten wir die Vision, die gleichen Leute wieder zusammenzubringen, die uns bei „Fantasies“ und „Synthetica“ geholfen haben. Also haben wir Gavin Brown und John O’Mahony dazu geholt. Und wir haben uns bewusst entschieden: Wenn wir Antworten suchen – wenn ein Song nicht funktioniert oder wir Inspiration brauchen – hören wir nur unsere eigenen Platten. Das war das erste Mal überhaupt, dass wir das so gemacht haben. Wir wollten uns nur auf uns selbst beziehen. Ein Teil der Geschichte war, unseren Platz in der Musik- und Kunstwelt wirklich anzunehmen – alles, was in den letzten über 20 Jahren passiert ist. Und auch den Prozess von damals wieder aufzugreifen. Das hat zu einem sehr spezifischen Ergebnis geführt. Hätten wir anders gearbeitet, wäre es definitiv ein ganz anderes Album geworden.
Emily: Dinge können sich in so viele Richtungen entwickeln. Für uns war klar: Wir brauchen einen Plan und eine Vision – was wollen wir diesmal umsetzen? Es muss einen Rahmen geben. Und ich glaube, es war genau richtig, sich diesmal auf diese Essenz zu konzentrieren.
Das klingt nach einer ziemlich intensiven Aufgabe – so tief ins eigene Werk einzutauchen.
Emily: Schön, dass du auch die andere Bedeutung von „eintauchen“ mit ins Boot holst (bezieht sich auf den Albumtitel „Romanticize the Dive“)
Es ist aber kein nostalgisches Album. Eher ein romantisierendes, würde ich sagen. Klanglich geht es zurück zu euren Wurzeln, aber insgesamt ist es sehr nach vorne gerichtet. Nostalgie kann ja auch lähmend sein.
Emily: Ich liebe es, dass du diesen Unterschied siehst. Streng genommen kannst du nur nostalgisch sein, wenn du selbst dabei warst. Das schließt viele aus. Nostalgie gehört denen, die dabei waren. Aber Romantik ist offen für alle. Ich mag die Vorstellung, dass Menschen in ihren Zwanzigern versuchen herauszufinden, wie man heute lebt – und dabei die Vergangenheit romantisieren. Das ist nichts Oberflächliches. Man sollte das romantisieren. Wir auch. Es war hart. Kein Geld. Keine Smartphones. All das gab es nicht – Dinge, die heute vielleicht helfen oder auch nicht. Aber unser Antrieb war: Wir machen uns dieses Leben. Als Künstler, mit unseren Freunden. Da gibt es eine klare Haltung dahinter. Und es macht Spaß! Ich finde es schön, wenn jüngere Leute das romantisieren. Es ist nicht fake.
Apropos Freundschaft: Ich liebe es, dass ihr im Herbst gemeinsam mit euren Freunden von Stars und Broken Social Scene auf Tour geht. Da ist eine sehr ehrliche Verbindung spürbar.
Jimmy: Für mich ist es so: Wenn du ein Album machst, steckt die Aussage darin. Auf Tour gehst du dann quasi, um diese Aussage zu promoten. Aber diese Tour ist selbst eine Aussage. Zusammengenommen kommen wir auf gefühlt tausend Jahre Freundschaft.
Emily: Ganz grob gerechnet (lacht).
Jimmy: Es ist wirklich krass. 25 Leute, die sich seit über 20 Jahren kennen – das sind verdammt viele Jahre Freundschaft. Ich glaube, das wird eine starke Wirkung haben. Klar, eine Band gut spielen zu sehen, ist toll – das haben wir alle schon oft erlebt. Aber wir bringen noch etwas anderes auf die Bühne.
Ich habe vorhin diese „No Bullshit“-Haltung erwähnt. Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit dem Älterwerden weniger Geduld für sowas habt?
Emily: Ich versuche es zumindest. Ich versuche, das zu manifestieren. Ich sage mir: Ich gebe keinen Scheiß mehr drauf – aber im richtigen Sinne. Ich werde meine Empathie definitiv nicht verlieren. Es geht nicht darum, sich nicht für andere zu interessieren. Es geht um Eitelkeit und diese endlose Selbstkritik… Ist das wirklich alles? Ich habe dieses großartige Leben und verbringe es damit, mich über mein Aussehen und meine Schwächen fertig zu machen? Und das war’s dann? Auf keinen Fall. Das ist die Idee dahinter
Ihr kennt euch jetzt schon so lange…
Emily: Wir vier arbeiten seit 24 Jahren zusammen, wir haben uns 1998 kennengelernt.
Jimmy: Ja, wir gehen auf die 30 Jahre zu.
Habt ihr bei diesem Album noch etwas Neues übereinander – und über Metric – gelernt?
Jimmy: Ich finde es bewundernswert, dass wir beide entschieden haben, das bestmögliche Album zu machen – und uns nie zufrieden gegeben haben. John (O’Mahony), der unsere frühen Platten gemischt hat, meinte: „Ich habe zehn Jahre nicht mit euch gearbeitet. Wenn ich zurückkomme, dann gehen wir all in. Wir werden nichts unversucht lassen.“ Und das kam nicht nur von uns – er hat uns sogar gezwungen, Sachen neu aufzunehmen.
Emily: Wir haben wirklich nichts akzeptiert außer dem Besten, das wir leisten konnten.
Aber dafür muss man sein Ego ganz schön zurückstellen, oder?
Emily: Absolut.
Jimmy: Genau das ist der Punkt. Wir haben unsere Egos einfach beiseitegelegt. Und das nach so vielen Jahren noch zu können, ist echt besonders. Es hält alles am Laufen. Es ist schwer, etwas wirklich Gutes zu machen. Sehr schwer. Aber solange du dich nicht verrückt machst… mach einfach weiter.

Das neue Metric Album „Romanticize the Dive“ ist am 24. April 2026 erschienen. Tickets für die gemeinsame „All the Feelings“-Tour mit Broken Social Scene und Stars gibt es hier.
Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt. Die englische Version lest ihr hier.
