Gelesen: “Letzter Akt” von Andreas Schäfer

London, 2005. Nach etlichen erfolgreichen Jahren beim Film steht die berühmte Schauspielerin Dora, ehemals Doro, zum ersten Mal wieder auf der Londoner Theaterbühne. Bekannt wurde Dora, die gebürtig aus Frankfurt kommt, durch eine BBC Serie im britischen Fernsehen, als „Die Deutsche“. Von diesem Stigma hat sie sich inzwischen befreien können, aber es gibt Bühnen der englischen Theaterszene, die sie aufgrund ihrer Herkunft trotzdem nie wird besteigen können. Die Rolle einer Mutter, die ihr mit zunehmendem Alter immer wieder angeboten wird, lehnt sie kategorisch ab.

Am Abend ihrer Premiere, nachdem die Vorstellung überstanden ist und die Mitwirkenden in einem Kellerrestaurant ihren Erfolg feiern, trifft Dora auf den noch unbekannten Künstler Viktor. Als dieser sie nicht erkennt, ist Dora fasziniert von den Möglichkeiten, die sich ihr dadurch bieten. Victor ist nicht Teil der Welt, in der sie ständig um Anerkennung bangt, in der ihre Mutter mit plötzlich erwachtem Interesse pausenlos aus Frankfurt anruft und in der Geister aus der Vergangenheit ungefragt vor der Tür stehen.

Dora verliebt sich in Viktor und sie verliebt sich in die Tatsache, dass er nicht von ihr zu profitieren wollen scheint. Nach einigen gemeinsam verbrachten Woche wünscht Dora sich, dass Viktor sie malen soll. Doch das Bild fördert eine längst vergangene Geschichte zu Tage und erinnert Dora schmerzhaft daran, dass man nicht ewig vor allem davonlaufen kann.

Seine Laufbahn als Schriftsteller begann Andreas Schäfer 2002 mit seinem Debütroman “Auf dem Weg nach Messara”. In seinen Romanen spielt er seitdem immer wieder mit Themen wie Identität, Schuld und prägenden Familienkonstellationen. Seine letzten vier Werke, wie auch seine neueste Veröffentlichung “Letzter Akt”, erschienen allesamt im Dumont-Verlag.

“Letzter Akt” ist auf 224 Seiten knapp gehalten. Ich habe nichts gegen kurze, knackige Geschichten einzuwenden, aber hier schreiten wir, besonders auf den ersten fünfzig Seiten, mit so großen, schnellen Schritten voran, dass der Leser bei den ersten dramatischen Wendungen ins Straucheln gerät. Es fällt schwer, der Liebesgeschichte von Dora und Viktor mit Interesse und Empathie beizuwohnen, wenn man noch überhaupt kein Gespür für ihre Figuren, ihren Charakter oder ihre Motive hat.

Was will dieser Roman erzählen? Über jedes Thema, das er aufmacht, die Liebe, die Schauspieler, die Malerei, das Altern, streicht er nur kurz hinweg, die Tiefe fehlt an allen Ecken und Enden. Was auf den Seiten steht, ist lyrisch schön verfasst, mit langen, ausgeschmückten Sätzen, aber es sind oft nur kurze Momentaufnahmen, die nicht den wirklichen Erzählfluss einer Geschichte zustande kommen lassen. Wie der Autor bei der Buchpremiere im Roten Salon der Volksbühne schildert, ist es ausschlaggebend für die Geschichte, dass sie ohne den Einfluss der sozialen Netzwerke im Jahr 2005 spielt, wo man noch mit einer BBC Serie seinen Durchbruch erlebt hat. Aber auch dieser Aspekt wirkt wenig ausgearbeitet und erscheint nicht wie ein Alleinstellungsmerkmal.

Die Auflösung, der Umschwung auf den letzten fünfzig Seiten kommt schnell, und da man noch kein Gefühl für die Figuren entwickeln konnte, ist man weder überrascht noch schockiert. Dennoch rundet das Ende die kurze Erzählung angenehm ab. Ein paar aufgegriffene rote Fäden knüpfen sich zu einem Muster. Auch wenn es keinen lange bleibenden Eindruck hinterlassen wird, ist es jetzt hübscher anzusehen. Vielleicht wirkt es durch seine Kurzweiligkeit fast realistischer als eine pompös ausgeschmückte Liebesgeschichte in der Londoner Theaterszene.

Es fehlt das dramatische Türenschlagen, der wahre Antagonist, es fließt kein Blut, die Partizipierenden gehen still auseinander. Aber im Leben ist es öfter so als anders. Ein kleiner Einblick in das Leben zweier Menschen, deren Wege sich kreuzen, bevor sie wieder auseinandergehen.

“Letzter Akt” von Andreas Schäfer ist im Dumont Verlag erschienen.