Berlinale 2026: Die Frau, die Hose, das Meer

Mit Sandra Hüller und Amy Adams kämpfen zwei großartige Schauspielerinnen im Berlinale Wettbewerb um weibliche Selbstermächtigung. In einem Fall funktioniert das, im anderen leider nicht.

„Rose“ von Markus Schleinzer: Die Freiheit liegt in der Hose 

So sehr möchte Rose (Sandra Hüller) dem Dasein als Frau entfliehen, dass sie lieber in den Krieg zieht. Als Mann hat sie zehn Jahre im Dreißigjährigen Krieg gekämpft. Zum Ende des Films, ais ihr Schicksal bereits besiegelt ist, wird sie andeuten, an welchen Gräueln sie sich aktiv beteiligen musste, um ihre männliche Identität zu wahren. Eine schwere Schussverletzung im Gesicht hat sie ebenfalls davon getragen, die Kugel trägt sie wie ein Mahnmal an einer Kette um den Hals. 

Nun ist der Krieg zu Ende und Rose möchte sich in einem Dorf niederlassen. Sie ist im Besitz von Dokumenten, die sie als rechtmäßigen Erben eines Bauernhofes ausweisen. Die Dorfgemeinschaft ist erst skeptisch dem Fremden gegenüber. Durch die Tötung eines Bären jedoch verschafft Rose sich Respekt, auch dadurch, dass sie geschickt und ohne Scheu vor harter Arbeit anfängt, erfolgreich den Hof zu bestellen. Dass der Fremde in Wirklichkeit eine Frau ist, ahnt niemand. 

Der Wunsch nach Expansion führt zu einem Geschäft mit dem benachbarten Bauern (Godehard Giese), der Schwierigkeiten hat, seine fünf Töchter durchzubringen und zumindest die Älteste, Suzanna (Caro Braun), endlich loswerden will. Die Ehe wird arrangiert und, Rose hat hierfür entsprechende Vorkehrungen getroffen, auch vollzogen. Eine überraschende Wendung nehmen die Dinge, als Suzanna schwanger wird. 

Dadurch entsteht aber auch eine Form von Sicherheit für Rose. Als nach einem Unfall ihre wahre Identität ans Licht zu kommen droht, formiert sich eine Form von Verbundenheit zwischen den beiden Frauen, sie versuchen sich gegenseitig zu helfen, ihre jeweils angestrebten Lebensrealitäten aufrechtzuerhalten. 

Es ist natürlich wenig überraschend, dass es für jemanden wie Rose kein glückliches Ende geben kann. „Rose“, der Wettbewerbsbeitrag des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer, hat deshalb keinen großen inhaltlichen Spannungsbogen. In ungemütlichen Schwarzweiß-Bildern und mit stoischer Ruhe zeichnet er Roses Weg nach. Und trotzdem hält der Film einen in seiner straffen Laufzeit von 90 Minuten fest im Griff. 

Das liegt vor allem natürlich an der grandiosen Darbietung von Sandra Hüller. Ohne großen Gestus ist ihre Rose ein Mann, bis sie keiner mehr sein darf. Auch Caro Braun, die in „Rose“ ihr Kinodebüt gibt, verleiht der Suzanna überraschende Facetten. Dank dem Spiel der beiden schleicht sich auch immer wieder ein leiser aber gut sitzender Humor ein. Sehr zugute zu halten sei Markus Schleinzer auch, dass er sich bewusst dagegen entscheidet, die unausweichliche Gewalt, auf die der Konflikt unweigerlich zusteuert, graphisch darzustellen. Jedes Wort, das darüber gesprochen wird, hallt umso tiefer nach. 

Am Ende stehen große Fragen: Darf man sich wirklich selbst aussuchen, wie man sein Leben leben möchte? Warum herrscht bei vielen Menschen so eine große Angst davor? Welchen Schaden nimmt die Gesellschaft davon, wenn die eigene Identität, einschließlich des Geschlechts, eine Frage der persönlichen Wahl ist? Und das eigentlich Schockierende ist, dass wir bis heute keine entscheidenden Antworten darauf haben.

„At the Sea“ von Kornél Mundruczó: Die Frau, das Meer und der Holzhammer

Am Anfang steht die Freude über Amy Adams. Weil sie schon in der ersten Großaufnahme von „At the Sea“, dem neuen Film des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó („Pieces of a Woman“), vermittelt, dass diese Frau eine Geschichte zu erzählen hat. Und weil sie dabei aussieht, wie eine Frau in ihrem Alter nunmal aussieht (was in der aktuell mal wieder keine Selbstverständlichkeit ist). Und tatsächlich, Laura, die Protagonistin von „At the Sea“, hat nur mehr als ein Päckchen zu tragen. 

Die ehemalige Tänzerin und Leiterin einer erfolgreichen Tanzkompanie war sechs Monate in einer Entzugsklinik, nachdem sie unter Alkoholeinfluss einen schweren Unfall verursacht hat. Als sie zurückkehrt, muss sie feststellen, dass die Dynamiken innerhalb der Familie sich in ihrer Abwesenheit verändert haben. Teenager-Tochter Josie (Chloe East) ist in die Rolle des weiblichen Familienoberhauptes geschlüpft und bevormundet nicht nur ihren kleinen Bruder, sondern auch ihre eigene Mutter. Ehemann Martin (Murray Bartlett) reagiert indessen gereizt darauf, dass Laura sich nicht mühelos zurück in ihre alte Position fügt. 

Die Probleme innerhalb des wunderschönen Ferienhauses würden schon genug Stoff für ein explosives Familiendrama bieten. „At the Sea“ fährt aber noch eine Vielzahl weiterer Konflikte auf. Die Tanzkompanie, die Laura leitet, hat sie von ihrem Vater übernommen, einen narzisstischen Künstler, der ihr als Kind das Leben zur Hölle gemacht hat. Von ihm hat sie auch das Haus geerbt, auf dessen Verkauf Martin aufgrund finanzieller Probleme nun drängt.

Auch von Seiten der Kompanie erhält Laura Druck. Eigentlich wollte sie die Leitung abgeben, aber interne Querelen lassen befürchten, dass dies das Ende sein könnte. Als Sohn Felix am Strand unter ihrer Aufsicht mit einer Feuerqualle in Berührung kommt, hagelt es noch mehr Vorwürfe. Felix saß nämlich schon beim besagten Unfall mit Laura im Auto. All ihre Positionen kommen ins Wanken und sie muss sich neu definieren: als Mutter, Ehefrau und Tänzerin. 

Das Setting ist stimmungsvoll, die Konflikte bieten Potential für eine vielschichtige Handlung, die Amy Adams als Laura mühelos tragen könnte. Dennoch will „At the Sea“ einfach nicht funktionieren. Der Film traut seinen Zuschauer*innen wirklich wenig zu- jedes Problem, jeder Teil der Handlung muss im Übermass erklärt, ausgesprochen und visuell verdeutlicht werden. Sowohl die Dialoge als auch die Bildsprache sind erschreckend plump – als wolle man krampfhaft der in letzter Zeit zunehmend bemängelten, sinkenden Aufmerksamkeitsspanne des Publikums entgegen wirken. 

Es reicht zum Beispiel nicht, den Unfall mehrfach in Form eines Flashbacks auftauchen zu lassen. Er muss auch immer wieder verbal thematisiert werden. Die Dialoge verfolgen grundsätzlich ein erklärendes Ziel, die Bildsprache ist zum Teil so penetrant, dass man sich als Zuschauer regelrecht für dumm verkauft fühlt. Besonders peinlich wird es, wenn Tanz als Ausdruck für Gefühle genutzt wird – und diese trotzdem später noch ausführlich erklärt werden.

„At the Sea“ will einfach zu viel, sowohl inhaltlich als auch visuell. Am Ende ist viel passiert, aber die Konflikte wirken seltsam privilegiert und ihre Lösungen unglaubwürdig und unangenehm affektiert. Ein versöhnliches Tänzchen mit der Tochter am Strand, der Ehemann bekommt beim Ausmisten einen Klebepunkt auf die Stirn. Warum er bleiben darf? Es bleibt, wie der gesamte Film, ein Rätsel. 

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