Berlinale 2026: Der Genuss von Blut und Asche

Verwandelt man sich während der Berlinale zusehends in ein Wesen, das das Tageslicht scheut, nachts wach bleibt und sich von Kaffee und Süßgebäck ernährt, sind sowohl frevelhafter Konsum als auch Vampire ein treffendes Thema. Auf der offiziellen Website der Berlinale haben Ulrike Ottingers “Die Blutgräfin” und Natalie Erika James “Saccharine” beide die Tags “Queer”, “Nicht von dieser Welt” und “Furchtlose Frauen” erhalten (”Die Blutgräfin” wurde zusätzlich mit “Familie ist kompliziert” versehen, was ich besonders schön finde).

Die österreichische Grusel-Komödie läuft dieses Jahr als Weltpremiere in der Berlinale Special Gala und erzählt die fiktive Geschichte einer Vampir Gemeinschaft in Wien. Isabelle Huppert als die Blutgräfin kehrt aus ihrer Gruft an die Oberfläche zurück, um sich auf die Suche nach einem Buch zu machen, das die Existenz alles Böses rückgängig machen kann. Ihre treue Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) steht ihr dabei zur Seite. Dabei wird ihr Neffe Bubi (Thomas Schubert), der eigentlich überhaupt kein Vampir sein möchte und mit seinem Therapeuten Theobald Tandem (Lars Eidinger) über sein Dasein als Vegetarier sinniert, in ihre Pläne mit eingesponnen und möchte das Buch am liebsten selbst an sich bringen.

Die Vampire entsteigen ihren Särgen im Wien der Jetztzeit, Kostüm und Set-Design spielen aber gekonnt mit der Liebe der Wiener zu Altem und Verstaubtem. So dürfen die Figuren in mittelalterlichen Gewändern durch U-Bahn Stationen flanieren. Der verstaubte Prunk und die stolze Ramschigkeit werden wunderschön und amüsant mit Elementen der Moderne verknüpft und rufen den Gedanken wach, dass die österreichische Hauptstadt tatsächlich einen der besten Schauplätze Europas für einen Ball der Vampire bietet.

Der ersten Minuten wirken besorgniserregend abstrus, aber dann beginnt der Film eine überraschend klare und geradlinige Geschichte zu erzählen. Einzelne Absurditäten und viel Witz werden zielsicher gesetzt und ergeben ein wirklich stimmiges Gesamtbild, das sowohl optisch als auch inhaltlich überzeugt.

“Saccharine” versucht, einen ähnlich optisch eindrücklichen Effekt zu erziehlen, gerät in seiner Gesamtheit aber deutlich schwammiger. Der Body-Horror Film der australischen Regisseurin Natalia Erika James läuft im Berlinale Special Midnight und erinnert stark an vorausgegangene Kinoerfolge wie “The Substance” (2024) oder The Ugly Stepsister (2025). Aber leider kann er an Ermangelung einer klaren Aussage mit seinen Vorbildern nicht mithalten. 

Medizinstudentin Hana (Midori Francis) ist unzufrieden mit ihrem Körper. Sie meldet sich bei einem Fitnessprogramm an, geleitet von der attraktiven und freundlichen Alanya (Madeleine Madden), aber nichts scheint den gewünschten Effekt zu erzielen. Als sie eine ehemalige Mitschülern trifft, berichtet  diese ihr von einer Diätpille, die bei ihr Wunder gewirkt hat. Die Pillen sind jedoch teuer, und als Hana untersucht, woraus genau sie bestehen, entdeckt sie, dass es sich um menschliche Asche handelt. 

Kurz entschlossen stiehlt sie Überreste eines menschlichen Kadavers, den sie im Unterricht sezieren, um ihre eigenen Pillen herzustellen. Plötzlich kann Hana so viel essen, wie sie will, verliert aber stetig an Gewicht. Sie ist zufrieden, bis sie plötzlich von Visionen des Leichnams heimgesucht wird, dessen Asche sie eingenommen hat.

Böse Zungen würden sagen, “Saccharine” ist sich unsicher, ob er Übergewicht kritisieren möchte, oder nicht. Grundsätzlich ist die Aussage natürlich, dass Gewichtsabnahme nicht alle Probleme löst. Der fettleibige Leichnam dient aber dennoch als Horrorvision, und Hana scheint von ihrem Dasein so gepeinigt zu sein, dass die Hemmschwelle, die Überreste eines Menschen zu konsumieren, überraschend gering ist.

Einzelne Element sind unlogisch, die Body-Horror Elemente repetitiv und effekthascherisch und das Ende für einen visuellen Schocker an den Haaren herbeigezogen. Selbst der Versuch einer Kritik an der heutigen Diätkultur hätte stärker herausgearbeitet werden müssen und wirkt verschenkt. Im Gegensatz zu “Die Blutgräfin”, der amüsante Antagonisten und Sympathieträger bietet, sind einem die Figuren in „Saccharine“ größtenteils gleichgültig.

Gleich zwei Filme, die den Konsum menschlicher Bestandteile kritisieren, sorgen bei der 76. Berlinale für eine überraschend hohe Quote. Einer davon ist ein Schuss in den Ofen, der andere ein überraschend mitreißender Erfolg.

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