Kat Frankie im Interview: „Wenn man anfängt sich selbst einzuschränken, kann man es gleich ganz bleiben lassen.“

Kat Frankie, ursprünglich aus dem australischen Sydney aber seit Jahren Berlinerin by heart, steht in den Startlöchern mit ihrem neuen Album “Bad Behaviour”, das diesen Freitag erscheint.
Im Interview verrät uns die Vollblutmusikerin, wie sie ihren neuen, experimentelleren Sound kreiert hat und was für sie beim Songwriting essentiell ist. Zudem gibt Kat Frankie uns Einblicke in die Zusammenarbeit mit Clueso und berichtet von ihren ersten eigenen Songs über Tiere auf dem Bauernhof.

Die Aufregung steigt: Bald erscheint dein neues Album “Bad Behaviour”. Ich würde mich freuen, wenn du uns einen kleinen Einblick in die Entstehung des Albums geben könntest. Wie genau ist der Songwriting und Recording Prozess abgelaufen?

Ich habe sehr lange an dem Album gearbeitet. Ich produziere immer alle meine Sachen selbst. Auf “Bad Behaviour” habe ich zudem auch viele der Instrumente selbst eingespielt. Mir war von vornherein bewusst, dass dieses Album im Vergleich zu meinen ältern Sachen sehr anders sein würde. Ich habe ja in der Vergangenheit viel veröffentlicht, was in die Singer Songwriter Richtung geht. Beim neuen Album wollte ich mich hingegen mehr auf den Produktionsaspekt konzentrieren. Es war mein Ziel, einen neuen Sound zu erschaffen, der mehr Spaß macht als ein Album rein mit Akustikgitarre; der Sound sollte offener und experimenteller sein. Insgesamt habe ich vier Jahre an dem Album getüftelt. Nebenher habe ich zudem noch Gitarre bei Olli Schulz gespielt und das KEØMA Album produziert, eines meiner weiteren Projekte. Auch Soundtracksachen fürs Fernsehen habe ich in dieser Zeit produziert. Ich habe also immer viel Musik gemacht, habe aber nicht durchgängig an meinem Album gesessen.

Was inspiriert dich denn beim Songwriting?

Das kann im Prinzip alles sein. Manchmal sind es ein paar Noten, die zusammen gut klingen. Manchmal ist es aber auch ein einzelner Satz, eine Geschichte, die mir jemand erzählt hat oder ein Artikel, den ich gelesen habe… Ab und zu fange ich auch einfach an, eine Melodie zu singen, weil mir Singen extrem viel Freude bereitet. Im Grunde verhält sich das bei jedem Song total unterschiedlich: Manche Songs sind sehr persönlich, andere wie beispielsweise “Headed For The Reaper “ handeln von einer Story, die auf einem Zeitungsartikel basiert. Diese Geschichte handelt von diesem verrückten Typen, der seinen eigenen Tod gefaked hat. Inspiration kann von überall her kommen.

Was würdest du sagen: Fängst du beim Songwriting eher mit einer Melodie an oder beginnst du meist mit dem Text?

Oh, weder noch. Das geht bei mir Hand in Hand. Ich bin sehr schlecht darin, beides nacheinander zu erschaffen. Die tiefere Bedeutung eines Songs sollte meiner Meinung nach sowohl im Text als auch in der Musik zum Ausdruck kommen. Und da beides gleichzeitig gehört wird, schreibe ich auch beides gleichzeitig.

Ich glaube, mein aktueller Favorit ist der Titel “Versailles“. Welcher der Tracks liegt dir denn persönlich am meisten am Herzen?

Wirklich? Du bist die erste, die diesen Song nennt, wow! Mein Lieblingssong? Das ist superschwer… Es hängt wohl von meiner Stimmung ab. Wenn ich ein bisschen aggressiv und voller Energie bin, dann mag ich “Home” wahnsinnig gerne. Wenn ich relaxen möchte, höre ich hingegen am liebsten “Spill”, weil es sehr sanft ist. Man, ist das schwer. Bitte lass mich diese Entscheidung nicht treffen. (lacht)

Dann lass uns zurückgehen zu den Anfängen. Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen? Ich nehme an, das war in deiner Heimatstadt Sydney in Australien?

Ich habe eigentlich schon immer gesungen, auch als ich wirklich sehr, sehr jung war. Singen war für mich immer gleichbedeutend mit einem Gefühl des Wohlbefindens, denn beim Singen vibriert der ganze Körper. Es war für mich das Natürlichste der Welt zu singen. Ich habe auch schon als Kind angefangen, mir Songs auszudenken. Richtig angefangen Musik zu spielen habe ich allerdings erst viel später. Als Kind habe ich mich rein nach meinem Gefühl gerichtet, ich habe keine musikalische Erziehung genossen. Ich war circa 17 als ich angefangen habe, Gitarre zu spielen. Doch auch damals habe ich nicht im Traum daran gedacht, jemals beruflich Musik zu machen. Ich habe dann erst einmal Design studiert und es war tatsächlich erst in Berlin, dass ich langsam mit dem Gedanken gespielt habe, Profimusikerin zu werden.

Aber du hast schon als Kind Songs auf Kassette für deine Oma aufgenommen…

Ja, das stimmt. Daran kann ich mich aber gar nicht mehr so richtig erinnern. Meine Mutter hat diese Kassetten immer mit mir zusammen aufgenommen. Meine Mutter hat mir immer vorgeschlagen, dass ich doch mal diesen oder jenen Song singen sollte, aber ich wollte immer lieber meine eigenen Lieder singen. Und dann habe ich mir irgendwelche seltsamen Songs über Tiere auf dem Bauernhof ausgedacht. (lacht)

Du hast eine ganz besondere Art zu singen. Teilweise, wie zum Beispiel bei “Back To Life” ist deine Stimme so verfremdet, dass man sie kaum erkennt. Siehst du das als eine Art künstlerische Freiheit, mit deiner Stimme zu spielen?

Natürlich. Diese Freiheit muss man leben. Denn wenn man anfängt, irgendwelche Regeln oder Mauern aufzubauen, dann kann man sich als Künstler nicht mehr weiterentwickeln. Und das ist für mich essentiell. Dann macht das alles keinen Sinn mehr. Wenn man anfängt sich selbst einzuschränken, kann man es gleich ganz bleiben lassen. Ich mag den Song “Back To Life” und ich singe ihn wahnsinnig gerne auf Konzerten, weil er das Publikum ein kleines bisschen schockiert… ok, eigentlich sogar ziemlich. (lacht) Ich möchte mich immer weiterentwickeln, sonst könnte ich genauso gut tot sein.

Was macht für dich einen guten Song auf aus? Was braucht ein Song, damit er dich berührt?

Für mich liegt die Essenz guten Songwritings im Spiel mit Spannung und Release. Es geht also nicht um eine bestimmte Struktur, sondern es geht darum, Spannung aufzubauen und damit zu spielen. Die besten Melodien sind diejenigen, die einen ständig überraschen, aber sich gleichzeitig total stimmig anfühlen. Wenn man die Melodie hört, denkt man die ganze Zeit: “Oh, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. “ – aber es fühlt sich gleichzeitig genau richtig an.

Von welchen Künstlern, Musikern bist du selbst Fan? Was sind deine musikalischen Helden?

Als ich jünger war, war ich ein großer Fan von PJ Harvey, Fiona Apple und Rufus Wainwright, allesamt sehr dramatische, emotionale Songwriter. Heutzutage höre ich sehr viele unterschiedliche Sachen, da ich mich sehr für die Produktion der Songs interessiere. Letztes Jahr zum Beispiel, als ich gerade dabei war, das Album fertigzustellen, habe ich sehr viel Dirty Projectors gehört. Ich finde es wahnsinnig spannend, dass sie so frei sind im Songwriting und keinen Regeln zu folgen scheinen. Ja, ich würde sagen, das sind meine neuen musikalischen Helden.

Du hast auf Cluesos letztem Album ein Duett mit ihm gesungen, und das sogar auf Deutsch. Er selbst hat uns im Interview verraten, dass es gar nicht so leicht war für „Wenn du liebst“ eine Duett Partnerin zu finden. Wie war die Zusammenarbeit für dich und auch das Singen auf Deutsch?

Mit Clueso zusammenzuarbeiten ist einfach sehr easy-going. Die Recording Session war im Grunde gar nicht so lange, sie ist sehr gut gelaufen. Nur mit dieser einen Stelle habe ich mich ewig herumgeschlagen. Ich sollte die Zeile “Nichts Schlechtes zu sehen“ singen. Ich habe diese eine Zeile mindestens zehn Mal hintereinander aufgenommen. Das war echt eine Herausforderung für mich mit diesen ganzen schwer auszusprechenden Lauten, ein richtiger Zungenbrecher. (lacht) Mittlerweile habe ich die Stelle drauf, da wir den Song Abend für Abend gemeinsam auf Tour gesungen haben. Aber im Studio dachte ich echt: “Wie zur Hölle soll ich das jemals schaffen? “ Clueso war da wirklich sehr geduldig und verständnisvoll. Es macht wirklich großen Spaß, mit ihm zusammen zu singen, er ist einfach ein cooler Typ.

Du lebst seit vielen Jahren in Berlin. Was gefällt dir am besten an der Stadt?

Berlin ist einfach die beste Stadt, um künstlerisch tätig zu sein. München erinnert mich zum Beispiel sehr stark an Sydney, meine Heimatstadt. Wenn München einen Hafen und einen Strand hätte, dann wäre es 1:1 Syndey. Die Leute haben sogar einen ähnlichen Kleidungsstil… Aber für mich ist Berlin einfach sehr passend. In einer Stadt zu sein, wo es so viel Kreativität gibt, ist optimal. Zudem ist die Miete nicht so hoch, sodass man relativ leicht einen guten Proberaum findet. All das ändert sich zwar gerade ein wenig, aber die Stadt ist immer noch ein gutes Pflaster, wenn es darum geht kreativ zu arbeiten.

Im März gehst du mit deiner Band auf Tour quer durch Deutschland. Freust du dich schon darauf, insbesondere die neuen Songs live zu performen?

Oh mein Gott, ja! Das war auch einer der Gründe, weshalb ich sie überhaupt geschrieben habe. Meine Shows sind ziemlich emotional und dramatisch, meine älteren Songs sind alle eher traurig. Mit dem neuen Album wollte ich ein bisschen mehr Spaß auf der Bühne haben. Und dafür habe ich nun auch die passenden Songs geschrieben. Wir haben die neuen Tracks schon bei ein paar Gigs live performt und sie kommen gut an.

Du verwendest bei Liveauftritten oft eine Loopstation, zum Beispiel beim Titeltrack “Bad Behaviour“. Was macht dieses Instrument so besonders?

Ich glaube das liegt daran, dass Singen für mich das Natürlichste der Welt ist. Eine Loopstation ist eine Maschine, die es einem sehr leicht macht, Sounds aufzunehmen und Harmonien übereinander zu legen. Es macht einfach wahnsinnig Spaß, damit Songs aufzubauen. Dafür verwendet man nur die eigene Stimme und andere Sounds, die mit dem eigenen Körper produziert werden. Es ist im Prinzip wie ein Spielzeug.

Zum Abschluss noch ein paar quick questions: Was ist dein aktueller absoluter Lieblingssong?

Hmmm… Ich habe in letzter Zeit gar nicht so viel Musik gehört. Letztes Jahr habe ich jedoch sehr viel Wye Oak gehört, eine Band aus Baltimore. Sie haben einen Song namens “Watching The Waiting” und jedes Mal wenn ich den Song höre denke ich aufs Neue, dass das einfach ein fantastischer Song ist. Dabei hat er noch nicht mal einen richtigen Refrain, aber die Melodie ist so genial, dass ich den Song fünf Mal hintereinander anhören könnte ohne mich zu langweilen.

Beende den Satz: Ein Leben ohne Musik wäre…

(lacht) Ich schätze, dass die meisten sagen würde “… ist nicht lebenswert, “ aber ich habe einen anderen Vorschlag: “…wäre sehr ruhig. “

Was war das letzte Konzert, das du privat besucht hast?

Das war der Gig von Tim Neuhaus, Cluesos Drummer. Das war eine tolle Show! Tim ist ein alter Freund von mir und in seinen Songs gibt es unsagbar viele Mitsing-Parts. Im Grunde sind seine Singalongs mit die kompliziertesten, die ich bei Musikern je erlebt habe. Bei anderen Bands bestehen diese meist nur aus “yeah yeah” oder “woah woah”, bei Tim hingegen klingt das so (singt Mitsing Part aus “As life found you“ nach)… Das Publikum kann das tatsächlich auch mitsingen, aber es ist echt der schwerste Publikum Mitsing Part, den du je gesehen hast!

Reisen oder zu Hause chillen?

Ist es schlimm wenn ich sage, ich möchte lieber zu Hause relaxen? Ich reise ja schon beruflich schon extrem viel…

2018 wird ein gutes Jahr, weil…

ich auf Tour gehen darf. Das ist das Tollste, was man erleben kann.

Vielen Dank für das Interview und viel Glück für den Release!

Bad Behaviour Tour 2018:
04.03. Dresden, Scheune
05.03. Frankfurt, Brotfabrik
06.03. Stuttgart, clubCANN
11.03. München, Ampere
13.03. Würzburg, Café Cairo
14.03. Leipzig, UT Connewitz
15.03. Göttingen, musa
16.03. Erfurt, Franz Mehlhose
17.03. Münster, Gleis22
20.03. Köln, Kulturkirche
21.03. Hannover, Pavillon
22.03. Hamburg, Nochtspeicher
23.03. Bremen, Lagerhaus
24.03. Rostock, Helga‘s Stadtpalast
27.03. Berlin, Volksbühne
28.03. Berlin, Volksbühne

Interview: Marion Weber
Fotos: Sabrina Theissen Groenland Records

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