Berlinale 2024: Erste Highlights aus dem Wettbewerb

„Another End“ von Piero Messina

Die Berlinale ist im vollen Gange, und besonders das erste Wochenende ist jedes Jahr so randvoll gepackt mit Premieren, dass man spätestens am Sonntag Abend das Gefühl hat, sein halbes Leben im Kino zugebracht zu haben. „Haben wir den gestern gesehen oder heute?“ ist so ein Satz, der in unseren Diskussionen über die gesehenen Filme mit Regelmäßigkeit fällt. In diesem Jahr waren die ersten Tage gefühlt auch noch besonders hektisch, vor allem was die Premieren des Wettbewerbs betrifft. Es mag also ein Tropfen auf den heißen Stein sein, aber hier kommen unsere ersten Highlights aus dem Kinosessel.

Small Things Like These

Als Eröffnung der 74.Berlinale wurden wir von Cillian Murphy in der Rolle des sanftmütigen Kohlenhändlers und Familienvaters Bill Furlong bezaubert und berührt. Der diesjährige Eröffnungsfilm ist eine Romanverfilmung des gleichnamigen, irischen Bestsellers von Claire Keegan und berichtet von den sogenannten Magdalenen-Wäschereine, die in den 1820er Jahren bis ins Jahr 1996 in Irland von römisch-katholischen Institutionen betrieben wurden und bei denen es sich in der Realität um Korrektions- oder Besserungsanstalten für mittellose junge Frauen handelte.

Trotz des interessanten und brisanten Themas lässt es die Berlinale hier zum Auftakt wortwörtlich langsam angehen und präsentiert einen Film, der vorwiegend auf Atmosphäre setzt. Die Stimmung um die Vorweihnachtszeit in Irland 1985, überschattet von der bedrohlichen Präsenz der katholischen Nonnen (besonders überzeugend in Gestalt von Emily Watson), wird hervorragend porträtiert, auch wenn die Handlung hin und wieder ein wenig Tempo und Spannung zu wünschen übrig lässt und sich etwas zu deutlich auf seinen Star-Cast verlässt. Dennoch war “Small Things Like These”, ohne uns am Rande unseres Stuhls den Atem anhalten zu lassen, ein gelungener Einstieg. Er hat die Vorfreude auf weitere großartige Kinoerlebnisse gesteigert, indem er daran erinnert hat, in welche bisher unbekannte Welten Filme uns entführen können, um uns fremde Teile der Welt und unserer Gesellschaft ein Stückchen näher zu bringen.

(Emilie Rudolph)

Keyke mahboobe man – My Favourite Cake

Das iranische Regie-Duo Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha wurde mit einem Ausreiseverbot belegt und konnte deshalb seinen Wettbewerbsbeitrag „Keyke mahboobe man – My Favourite Cake“ nicht persönlich in Berlin vorstellen. Als Platzhalter fungierte bei der Pressekonferenz ein gemeinsames Foto und Hauptdarstellerin Lily Farhadpour verlas ein Statement der beiden. „My Favourite Cake“ ist das perfekte Beispiel dafür, wie wenig das Politische und das Private sich trennen lassen. Er zeigt einen entscheidenden Ausschnitt aus dem Leben einer 70 jährigen Witwe, die sich bewusst dafür entscheidet, den Weg der Einsamkeit, der von der Gesellschaft für den Rest ihres Lebens vorgezeichnet scheint, zu durchbrechen. Die Zufallsbegegnung mit einem ebenfalls allein lebenden Taxifahrer gipfelt in einem ausgelassenen Abend, der die Freude am lebendig sein, an den kleinen Dingen des Lebens und an der Zweisamkeit für einen Moment wieder aufleben lässt. Der Film erzählt dies mit derart bezaubernder Leichtigkeit, dass das unweigerliche Ende einen wie ein Schlag in die Magengrube trifft.

Hauptdarstellerin Lily Farhadpour ist schlichtweg bezaubernd in ihrem unerschütterlichen und offensiven Bemühen, den Rest ihres Lebens nicht fügsam, genügsam und in Einsamkeit abzusitzen. Sie und Hauptdarsteller Esmail Mehrabi lassen zusammen eine Energie entstehen, die Liebe und Lebensfreude befreit und losgelöst von Alter und gesellschaftlichen Konventionen aufleben lässt.

Tragisch ist hier nicht nur das Ende der Geschichte, sondern auch die Tatsache, dass ein Film, der den ganz persönlichen Alltag einer Frau zeigt, für derartige Kontroverse in seinem Herstellungsland sorgt. Gleichzeitig zeigt er ohne jeglichen Fingerzeig deutlich auf, wie sinnlos und menschenverachtend derart unterdrückende Regime sind. Während die Jugend protestiert, sind die Alten von den ihnen auferlegten Repressionen herrlich unbeeindruckt. 

(Gabi Rudolph)

Another End

Der Tod und der damit verbundene Abschied der Hinterbliebenen ist eines der größten, vielleicht das größte Thema unserer Zivilisation. Ein Schmerz, dem wir uns wohl nie völlig werden annähern können, geschweige denn ihn überwinden. „Another End“, der Wettbewerbsbeitrag des italienischen Regisseurs Piero Messina, setzt sich in seinem dystopischen Sciene Fiction Film mit dem Experiment einer möglichen Lösung und dessen Folgen auseinander. 

Sal (Gael García Bernal) hat bei einem tragischen Unfall, für den er sich auch noch verantwortlich sieht, die Liebe seines Lebens verloren. Seine Schwester (Bérénice Bejo) arbeitet für das Programm „Another End“, das mithilfe einer neuen Technologie den Hinterbliebenen mehr Zeit gibt, sich von den Verstorbenen gebührend zu verabschieden. Hierfür wird das Bewusstsein des Verstorbenen transferiert in den Körper eines „Hosts“, der sich für einen begrenzten Zeitraum hierfür zur Verfügung stellt. Der Abschied bleibt, aber die Hinterbliebenen sollen sich so auf ihn einstellen können und die wenige, hinzu gewonnene Zeit dafür nutzen. 

Natürlich birgt das System seine Tücken, und Sal bekommt sie zu spüren. „Another End“ setzt wenig auf Dynamik und verharrt weitestgehend in düsterer Stimmung und ruhiger Erzählweise. Dank der Chemie zwischen Gael García Bernal und Renate Reinsve als Host seiner verstorbenen Liebe, dem sensiblen Spiel der beiden, eindrücklichen Bildern und einem stimmungsvollen Soundtrack funktioniert der Film trotzdem. Zudem wirft er eine Reihe philosophischer Fragen auf, mit denen man sich noch lange beschäftigen kann. 

(Gabi Rudolph)

A Different Man

“A Different Man” ist bereits der dritte Film von Regisseur Aaron Schimberg, dessen Arbeiten sich meist um das Thema Deformation, Behinderung und Entstellung drehen. Bei seinem neusten Werk wählt er allerdings eine etwas andere Herangehensweise, indem er seinen Charakter Edward kreiert.

Edward (Sebastian Stan) leidet als mäßig erfolgreicher Schauspieler unter einer starken Gesichtsdeformation, ihm gelingt es allerdings, durch neuartige Medikamente praktisch über Nacht ein von der Gesellschaft als schön angesehenes Aussehen zu erlangen. Diese Umwandlung wird sehr bildlich dargestellt und ist nichts für schwache Nerven. Edward entscheidet sich dazu sein komplettes altes Leben aufzugeben, seine alte Identität vollständig zu verleugnen und sogar einen neuen Namen anzunehmen. Als sein neu begonnenes Leben allerdings plötzlich mit alten Bekannten kollidiert, entwickelt es sich zu einem wahren Albtraum. Er begegnet Oswald (Adam Pearson), einem Mann mit einer ähnlich starken Deformation, der plötzlich in allen Aspekten seines Lebens mit ihm konkurriert.

Aaron Schimberg vereint hierbei zwei Herangehensweisen in der Filmkunst, für die er bereits stark kritisiert wurde. In “A Different Man” gehen ein Schauspieler, der eine Deformation mithilfe von Maske porträtiert und einer, der tatsächlich an Neurofibromatose leidet, aufeinander los, um den Ideenkonflikt von Representation und Ausbeutung von Behinderung im Fernsehen zu demonstrieren. Die Frage, welcher dabei den Bösewicht darstellen soll, ist hinfällig, denn man kann mit keiner der Figuren wirklich sympathisieren, was ihr teilweise tragisches Schicksal seltsam amüsant macht. Eine zentrale Aussage lässt sich für mich aus dem Psychothriller nicht herausfiltern, aber das soziale Experiment ist dennoch interessant.

(Emilie Rudolph)

www.berlinale.de