„Die Odyssee“ von Christopher Nolan: Größenwahn und Menschlichkeit

Die Odyssee © Universal Studios

Einer der größten Regisseure unserer Zeit verfilmt eine der größten Geschichten aller Zeiten, nutzt dafür eine brandneue Tecnhologie und versammelt einen Cast, der sich liest wie das aktuelle “Who is Who” von Hollywood. “Die Odyssee”, der neue Film von Christopher Nolan, ist ohne Frage ein größenwahnsinniges Eitelkeitsprojekt, ein bildgewordener Jungentraum eines Regisseurs, der gefühlt schon alles erreicht hat. Aber zum Glück ist das Ergebnis genau das geworden, was es im Bestfall sein sollte: ganz großes Kino. 

Die Geschichte ist hinreichend bekannt. Odysseus (Matt Damon), König der griechischen Insel Ithaka, hat erfolgreich den Trojanischen Krieg beendet und möchte mit seinen Männern zurück nach Hause kehren. Aber die Heimfahrt wird zur berühmten Irrfahrt. Ein Umweg ergibt den nächsten, eine Gefahr reiht sich an die andere. Auf ihrem Weg begegnen sie einem gefürchteten Zyklopen, der Zauberin Kirke (Samantha Morton), die Menschen in Tiere verwandelt, sie müssen dem gefürchteten Gesang der Sirenen widerstehen und sich dem immer wieder neu entfachen Zorn des Meeresgottes Poseidon stellen. 

Schließlich landet Odysseus alleine auf einer einsamen Insel, auf der ihn die schöne Kalypso (Charlize Theron) gesund pflegt. Doch weil sie ihn gerne behalten möchte, füttert sie ihn mit Lotusblüten, die ihn seine Vergangenheit vergessen lassen. Und schon gehen weitere sieben Jahre ins Land. 

Währenddessen wagen auf Ithaka seine Gattin, Königin Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland), schon kaum mehr auf Odysseus’ Rückkehr zu hoffen. Eine Reihe bösartiger Schergen steht bereits Schlange, um den Platz an Penelopes Seite einzunehmen und Telemachos sein Recht auf den Thron streitig zu machen. Allen voran der verschlagene Antinoos (Robert Pattinson), sieht sich bereits auf selbigem sitzen. Aber als sein Ziel endlich in greifbarer Nähe ist, macht ihm ein mysteriöser Bettler überraschend einen Strich durch die Rechnung. 

Das Wunderbare an Homers Odyssee ist: Selbst wenn man sie nicht gelesen hat, hat man die meisten Geschichten schon einmal gehört. Sie sind der Inbegriff der immer weiter erzählten, immer wieder neu interpretierten Sage, die sich im Licht der Zeiten wandelt und dabei stets einen aktuellen Bezug zu haben scheint. Dieses Gefühl setzt Nolan in seiner Version kongenial um. Man weiß, was in der Höhle lauert, man weiß, dass die Soldaten den Genuss von Kirkes Suppe schwer bezahlen werden, dass es ausgerechnet der Bettler ist, der Odysseus Bogen spannen kann. Und trotzdem kann man satte drei Stunden lang kaum erwarten zu sehen, was als nächstes passieren wird. 

Dazu trägt natürlich bei, dass wirklich jede Szene fantastisch gemacht ist. Vor allem die Eroberung Trojas mithilfe des berühmten Pferdes hat man noch nie so spannend und beklemmend realistisch gesehen. Die ruhigeren Sequenzen, zum Beispiel wenn Odysseus den Geistern der Vergangenheit begegnet, wirken lebendiger und menschlicher, als man es von derartigen Action- und CGI-geladenen Multimillionen Dollar Produktionen gewöhnt ist.

Die Odyssee © Universal Studios

Der illustre Cast agiert dabei auf unterschiedlichem Niveau. Matt Damon gibt seinem Odysseus alle wichtigen Facetten, als Heerführer ist er gleichermaßen besonnen wie ruchlos. Tom Holland liefert überzeugend den Sympathieträger, hat als Telemachos aber nicht die Möglichkeit, seine spielerischen Fähigkeiten voll auszuschöpfen. Robert Pattinson hingegen versucht es als Antinoos überaus ambitioniert, schießt dabei aber gerne mal übers Ziel hinaus. Und Anne Hathaway… schon in “Der Teufel trägt Prada 2” legte sie die Vermutung nahe, dass ihre spielerischen Fähigkeiten sich nur noch auf dramatische Heulanfälle beschränken. Als Penelope untermauert sie diese leider. 

Die Schönheitsquote zu erfüllen haben Zendaya als Athene und Charlize Theron als Kalypso. Während Theron ein bisschen unfreiwillig komisch in jeder Szene so aussieht, als käme sie gerade vom Burning Man Festival, geht Zendayas Erscheinung als Odysseus’ gebeuteltes Gewissen voller Wärme auf.

Es macht natürlich Spaß, selbst in den kleinsten Rollen große Stars zu entdecken. Schade ist aber auch, dass Christopher Nolan nicht die Möglichkeit genutzt hat, zumindest ein unbekanntes Gesicht zu entdecken und ihm mit seinem Mega-Projekt zum Durchbruch zu verhelfen. Idealerweise jemanden mit griechischen Wurzeln, denn so jemand findet sich tatsächlich nicht in der derzeitigen Hollywood Oberliga.

“Die Odyssee” ist der erste Film, der vollständig mit analogen 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht wurde. Wer das volle visuelle Erlebnis haben möchte, muss ein wenig auf die Suche gehen, denn nur 15 Kinos in Deutschland zeigen den Film im Original IMAX-Format. Aber auch so ist “Die Odyssee”, allem Größenwahn zum Trotz, ein mitreißendes Kinoerlebnis, das bei aller Brutalität, die die Geschichte zwangsläufig mit sich bringt, auch eine Lanze für die Menschlichkeit bricht. 

„Die Odyssee“ startet am 16. Juli 2026 in den deutschen Kinos.