
Dass die Debatte um Geschlechteridentitäten, Rollenbilder und alternative Beziehungsmodelle in unserer Gesellschaft heutzutage immer häufiger und offener geführt wird, spiegelt sich logischerweise in der Kunst. “Fast Abend, immer noch hell”, der sommerliche Sensationsroman aus Dänemark von Linea Maja Ernst widmet sich ebenfalls diesem Diskurs. Dem. Und auch wirklich nur dem.
Sylvia, die bisexuelle Tagträumerin; Kvæde, der nach seiner Geschlechtsumwandlung ein zweites Mal den pubertären Freiheitsdrang auslebt; Gry, die ganz in ihrer Mutterolle aufgeht; Esben, der sensible Schriftsteller und Karen, die etwas Eindrucksvolles, Königliches umgibt; sie alle kennen sich aus dem Geisteswissenschaftlichen Studium. Früher haben sie jede freie Minute gemeinsam verbracht, doch nach ihrem Abschluss haben Karriere, Partner und Familienplanung sie auseinandergetrieben.
Nach Monaten der Trennung wollen sie diese Zeit wieder aufleben lassen und im Hochsommer eine gemeinsame Woche an einem malerischen Haus am See verbringen. Mit von der Partie sind Charlie, Sylvias Partnerin, die sich als einzige Nichtakademikerin etwas eingeschüchtert fühlt und Adam, der obligatorische, heterosexuelle Cis-Mann und Lebenspartner von Gry, sowie deren Kinder. Im warmen Licht des Mitsommers verbringen sie Zeit im Freien, gehen im See baden und essen und trinken gut. Doch die wiedergefundene Verbundenheit holt vergessene Sehnsüchte an die Oberfläche, lässt neue aufsteigen und sorgt für Konflikte, die niemand hat kommen sehen.
Linea Maja Ernsts neuestem Roman fehlt es, bis auf lange Diskussionen, die an kunstvoll gedeckten Frühstückstischen ausgetragen werden, praktisch an jeder Handlung. Zwischendurch bleibt jedoch Zeit, das blühende Sexleben des lesbischen Paares auszuschlachten. Im Grunde ist es ein ständiges Sinnieren über die Frage, wer wen am attraktivsten findet. Dass der heterosexuelle Cis-Mann dabei mit am besten abschneidet und in den anderen Figuren besonders männliche Attribute als schön und lustvoll hervorgehoben werden, stößt sauer auf.
Das Cover ist hübsch und harmlos gestaltet, der Klappentext liest sich leicht und lustig, die Freundesgruppe, die aber zusammenkommt, um ihren Zusammenhalt zu feiern, ist absolut unausstehlich. Missgünstig, eifersüchtig und egoistisch, kämpft jeder permanent um den Platz im Scheinwerferlicht und kann im Glück des anderen nur Fehler finden. Man könnte dem Roman noch anrechnen, dass es sich hierbei um einen gewollten Blickwinkel handelt, der mit Kitsch und verklärter Sommeridylle abrechnen möchte. Aber eine angenehme Leseerfahrung wird es dadurch trotzdem nicht. Beschäftigt man sich sonst nicht viel mit dem thematisierten Diskurs, mag das Buch vielleicht revolutionär erscheinen. Aber im Grunde drängt es einem immer wieder nur die gängigen Stereotype auf.
Das lesbische Paar ist freizügig, unkonventionell und hat Kinky Sex. Charlies beste Eigenschaften sind dabei ihre eher männlich gelesenen Attribute, ihre breiten Schultern und ihre ruhige Stimme. Das heterosexuelle Paar ist langweilig, konventionell und hat schon zwei Kinder. Der transsexuelle Mann ist ein unvernünftiger Partygänger, der jedes Wochenende einen anderen Mann mit nach Hause schleppt. Gry, die ganz in ihrer Mutterrolle aufgeht, backt Sauerteigbrot und strickt Pullover, während die große und nicht zu vergessen schlanke Karen eine knallharte Journalistin ist und mit der Familienplanung hadert.
“Fast Abend, immer noch hell” formuliert keine neuartigen Gedanken, sondern überlegt zweihundert Seiten lang, ob freie Liebe für alle nicht eine tolle Idee ist. Dabei reden die Freunde nur ein einziges Mal wirklich offen miteinander über ihre Sehnsüchte. Die übrige Zeit sehen sie einander schmachtend hinterher, während sie sich selbst so gut wie möglich in Szene setzen.
“Fast Abend, immer noch hell” von Linea Maja Ernst ist in deutscher Übersetzung bei S. FISCHER erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.
