Gelesen: Shelly Kupferberg “Stunden wie Tage”

In einem abgetragen, hellblauen Mantel, Filzpantoffeln und einer Mähne aus weißen Haaren durchstreift Martha E. die Straßen von Berlin Schöneberg. Zeitlos, alterslos, aber angefüllt mit Geschichten. Ihr Leben lang verwaltete sie ein Wohnhaus in der Crellestraße, putzte, reparierte und sammelte zum Monatsanfang die Miete ein. Das Haus soll ihr ein Obernazi geschenkt haben, damit sie über ihre gemeinsame Affäre Stillschweigen bewahrt. Auch wohlhabend soll sie gewesen sein, auch wenn ihr täglicher Aufzug etwas ganz anderes vermuten lässt. Die Suche nach Marthas wahrer Geschichte führt die deutsche Autorin und Journalistin Shelly Kupferberg ins Grundbuchamt, wo sie mit Hilfe alter Akten die Historie des Schöneberger Wohnhauses und seiner Hausbesorgerin rekonstruiert. Nach dem Erfolg ihres ersten Romas “Isidor” (2022) erscheint “Stunden wie Tage” von Shelly Kupferberg am 25. März 2026 im Diogenes Verlag.

Als junge Frau hat Martha, außer ihrer maßgeblichen Beteiligung im Haushalt ihrer Eltern, keine Berufserfahrungen vorzuweisen. Ihre Kompetenz und Courage imponieren den Brüdern Berkowitz dennoch, und sie übertragen ihr den Posten der Hausbesorgerin. Marthas angeborener Fleiß und ihre Sparsamkeit lassen sie diese Arbeit gewissenhaft ausführen und Geduld mit den sehr eigenen Hausbewohnern bewahren. Bald zieht der gutmütige Postbote und ihr künftiger Ehemann Willy bei ihr ein und unterstützt sie bei den gröbsten Tätigkeiten. 

Martha kultiviert mit der Zeit eine fast freundschaftliche Beziehung mit dem Hausbesitzer jüdischer Herkunft, Henry Berkowitz, der mit seiner Frau Katharina und seiner kleinen Tochter Liane von Russland nach Deutschland auswanderte. Martha, die selbst zu ihren Lebzeiten kinderlos blieb, hat das kleine Mädchen gern. Als Henry Berkowitz durch die zunehmenden politischen Unruhen gezwungen ist, Deutschland zu verlassen, kümmert sie sich gemeinsam mit Katharina um deren Tochter. Als sich der Schatten des Naziregimes immer höher über Berlin auftürmt, wird Martha nicht nur Zeugin der Geschichten der Menschen im Wohnhaus in der Crellestraße, sondern auch des schicksalhaften Lebens von Liane Berkowitz.

Der Schreibstil in “Stunden wie Tage” ist zeitlos, erzählerisch aber nicht zu ausgeschmückt. Die Berlin-affine Kulisse des Schöneberger Wohnhauses und die individuellen Portraits der Menschen, die dort leben, erinnern an die Werke von Vicki Baum, die später zu Film und Theaterstücken gemacht wurden. Martha ist eine Figur, die einem mit ihrer herzlichen Schroffheit seltsam vertraut ist, als hätte jeder von uns schon einmal in einem Haus gelebt, in dem es eine Martha gab. Die Geschichte nimmt schnell an Fahrt auf und verweilt nie zu lange an einzelnen Handlungsetappen. Die Figuren wachsen einem so ans Herz, dass die knapp zweihundertsiebzig Seiten fast zu kurzweilig wirken.

Die Kapitel sind kurz und verhindern dabei stellenweise einen weichen Erzählfluss. Die Geschichte schreitet sehr schnell voran und bevor man sich versieht, hat man die letzte Seite umgeblättert. Dennoch sollte man im Hinterkopf behalten, dass es sich eben nicht um eine romanhafte Erzählung à la Vicki Baum handelt, sondern um die geschichtliche Rekonstruktion tatsächlicher, tragischer Schicksale. Vielleicht lag hier auch aus Respekt eine Hemmung vor, die Geschehnisse zu sehr auszuschmücken.

“Stunden wie Tage” erzählt im kleinen Rahmen von einer großen Tragödie. Man verfolgt das Schicksal von Martha E., Liane und den Menschen um sie herum mit Interesse und Empathie und es gelingt, was Autorin Shelly Kupferberg vermutlich erreichen wollte. Wir gedenken ihrer bis heute.

“Stunden wie Tage” von Shelly Kupferberg ist im Diogenes Verlag erschienen.