„Wuthering Heights“ von Emerald Fennell: Peniswitz mit Zuckerguss

Es gibt eine Szene in „Wuthering Heights“, in der blättert Cathy in einem Pop-Up-Buch über die Pflanzenwelt. Die Rose erinnert an eine Vagina. Zwischen zwei Seiten springt ein Pilz hervor, dessen keckes Aufragen, nun ja, genau, dem männlichen Gegenstück ähnelt. Aus dem Zuschauerraum ertönt ein einzelner lauter Lacher. Das Ganze passiert ungefähr nach der Hälfte des Films und es stellt sich die Vermutung ein, dass man genau so etwas witzig finden muss, um „Wuthering Heights“ genießen zu können. Emerald Fennells heiß erwarteter und bereits im Vorfeld hitzig diskutierter neuer Film fühlt sich ein bisschen an wie ein fast zweieinhalbstündiger Peniswitz. 

Die britische Schauspielerin und Regisseurin hat sich dank ihrer ersten zwei Filme („Promising Young Woman“ und „Saltburn“) einen Namen gemacht für sowohl visuell als auch erzählerisch mutiges Kino, feministisch angehaucht und mit jeder Menge schwarzem Humor. „Saltburn“ sorgte, vor allem in den USA, aufgrund seiner provokanten Szenen für einen Aufschrei unter konservativen, besorgten Eltern, die ihre Kinder vor derart verwerflichen, ja pornografischen Inhalten schützen wollten. 

Viral ging unter anderem die Szene, in der Barry Keoghan mit Sperma versetztes Badewasser aus dem Ausguss trinkt und die, in der er nackt auf einem frisch ausgehobenen Grab masturbiert. Provokation verpflichtet – die Eröffnungsszene in „Wuthering Heights“ zeigt den minutenlangen Todeskampf eines Gehängten, der im Moment des Ablebens in seine Hose ejakuliert. Bei „Saltburn“ war es noch ärgerlich, dass ein origineller Film mit einer klugen, verwinkelten Geschichte im öffentlichen Diskurs auf seine pikantesten Szenen reduziert wurde. Bei „Wuthering Heights“ ist es leider traurige Realität: viel mehr als eine knallbunte Popart-Inszenierung und hohle, nahezu verzweifelt um Aufmerksamkeit heischende Schockmomente hat der Film nicht zu bieten.

Der Klassiker von Emily Brontë, auf dem der Film lose basiert, erschien erstmals im Jahr 1847. Einen fast 200 Jahre alten Stoff auf seine eigene Weise neu zu interpretieren, ist nicht nur in Ordnung, sondern auch angebracht. Dennoch muss Fennell sich die Frage gefallen lassen, was sie denn nun genau an der Geschichte interessiert. Sich auf die erotische Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren Cathy und Heathcliff zu konzentrieren liegt nicht unbedingt unmittelbar an der Oberfläche der ursprünglichen Geschichte, in der es vor allem um Missbrauch und Co-Abhängigkeit geht. Kann man machen, jedoch sollten die Figuren dann doch etwas mehr als gutaussehende Anziehpuppen in bewusst unpassend knallbunten Kostümen sein. 

„Wuthering Heights“ erzählt die Geschichte von Cathy (Margot Robbie) und Heathcliff (Jacob Elordi), die gemeinsam auf dem verwahrlosten Gut Wuthering Heights aufwachsen, nachdem Cathys Vater den Jungen von der Straße aufgelesen und ihm, sich brüstend er sei der beste Mensch der Welt, ein Zuhause geboten hat. In Wirklichkeit erwartet ihn jedoch auch dort vor allem Lieblosigkeit und körperliche Gewalt. Cathy jedoch ist von der ersten Begegnung an hin und weg von dem Jungen, den sie selbst Heathcliff, nach ihrem verstorbenen Bruder, tauft. Er möge ab sofort ihr Haustier sein, bekräftigt der Vater, und damit sind die Weichen für die Beziehung der beiden weitestgehend gestellt. 

Als junge Frau gesteht Cathy ihrer Zofe Nelly (Hong Chau), dass sie Heathcliff liebt, ihn aber nicht heiraten kann, weil sie beide arm sind und diese Verbindung sie herabsetzen würde. Stattdessen nimmt sie den Antrag des wohlhabenden Nachbarn Edgar Linton (Shazad Latif) an, in der Hoffnung, dass ihr Reichtum irgendwann auch Heathcliff nützlich sein könnte. Heathcliff belauscht das Gespräch, allerdings nur den letzten Teil, sodass er nichts von Cathys Liebe ahnt. Wutentbrannt macht er sich auf ihrem Pferd davon in den blutroten Sonnenuntergang, um Jahre später als reicher, wohlfrisierter Mann zurückzukehren. 

Nachdem er Cathy zuerst für ihre Ablehnung straft, nimmt er sie schließlich mit dampfendem Atem in jeder nur erdenklichen Position in der Kutsche, im Schuppen und im Stall. Cathy jedoch ist inzwischen von Edgar schwanger und beendet die Affäre. Um sie weiter zu demütigen, heiratet Heathcliff Edgars Mündel Isabella (Alison Oliver, gnadenlos bis zum Abschuss der Lächerlichkeit preis gegeben), die er natürlich wiederum dafür demütigt, dass sie nicht Cathy ist. 

Auf dem Weg zum unausweichlich tragischen Ende zieht Fennell wie gesagt alle Register: Pferdehalfter als Sexspielzeug, Selbstbefriedigung auf der Sturmhöhe, eine freiwillig am Kamin angekettete Geliebte, Blutegel, Zungen auf Gesichtern und Finger in Mündern in Großaufnahme, in ohne Frage originellen, kunterbunten Settings und Kostümen fernab von historischer Genauigkeit, untermalt von Charli XCX‘ Gothic-Pop-Soundtrack. Allerdings möchte das Alles so krampfhaft verwegen wirken, dass es einen irgendwann nur noch ermüdet. Die Sexszenen wirken eher abgestanden als schwitzig, seltsam spießig mutet das Herumgeturne an.

Am Tragischsten sind jedoch die hölzernen Dialoge, die mindestens genauso blutleer wirken wie die verknoteten Leiber, sowie die nahezu durch die Bank weg schlechten Darbietungen von eigentlich großartigen Schauspieler*innen. Wobei man sich bei Jacob Elordi irgendwann fragt, ob es ihm bis dato einfach gelungen ist, seine Talentfreiheit geschickt zu verbergen. Als Heathcliff darf er vor allem in Großaufnahme einen Flunsch ziehen und bedeutungsschwanger im Halbflüsterton vor sich hin raunen. 

Zu seiner Verteidigung muss man sagen, er hat aber auch wenig Chance. Wie jede Figur ist auch sein Charakter so gut wie nicht ausgearbeitet. Für Heathcliffs Bösartigkeit findet Fennell nur ein Ausdrucksmittel: aggressive Sexualität. Damit er dennoch als Love-Interest funktioniert, muss natürlich etabliert werden, dass die Frauen das eigentlich ganz gut finden, sich von ihm demütigen zu lassen. Und da wird’s dann wirklich ein bisschen eklig.

„Wuthering Heights“ ist Storytelling auf Telenovela-Niveau, das in Acryllack und Zuckerguss getaucht wurde, um es als großes Kino zu verkaufen. Wahrscheinlich muss man sich den Vorwurf der Verkopftheit gefallen lassen, wenn es einem nicht gelingt, sich zurückzulehnen und von eindrucksvollen Bildern, poppigem Soundtrack und schönen Menschen mitreißen zu lassen. Aber die schiere Menge an mit vollen Händen verschenktem Potential macht es leider so schwierig, sich von „Wuthering Heights“ das Hirn durchpusten zu lassen. 

„Wuthering Heights“ startet am 12. Februar 2026 in den deutschen Kinos.