Interview mit Slow Club

Wir packen es heute mal ganz direkt und ohne Umschweife an: Slow Club gehören definitiv zu den Bands, die hierzulande viel mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hört euch das aktuelle Album „Complete Surrender“ an! Kommt zu den Live Shows Ende Oktober! Verliebt euch in Charles und/oder Rebecca. Ihr könnt auch damit anfangen, dass ihr lest, was Charles uns im Interview erzählt hat. Dann läuft der Rest schon von ganz allein. Wir sind da ganz zuversichtlich.

Es ist bereits ein paar Jahre her, dass ich euch zuletzt live in Berlin gesehen habe. Als ich euer neues Album zum ersten Mal gehört habe, habe ich ein paar Songs wieder erkannt, ihr habt sie damals bereits live gespielt.

Das stimmt, ein paar der Songs gibt es schon eine ganze Weile. Wir haben sie schon live gespielt, weil wir sie auf Tour geschrieben haben. Die meisten aber sind letztes Jahr zwischen Januar und März entstanden. Insgesamt sind die Songs alle recht schnell entstanden – in unserer Zeitmessung (lacht).

Ich habe mich damals schon sehr über den neuen, souligen Vibe dieser Songs gefreut.

Ja, ich glaube, es war damals schon klar, dass wir in diese Richtung gehen werden. Wir versuchen einfach, jedes Mal etwas Neues zu machen, so war es schon bei „Paradise“. Ich denke, die einzige wichtige Konstanten sind unsere Stimmen, alles andere lässt sich immer wieder ändern. Uns wird einfach so schnell langweilig, wenn wir zweimal das Gleiche machen (lacht).

Aber ist es nicht schwierig einen Weg zu finden Neues auszuprobieren und trotzdem dem treu zu bleiben, das euch als Band ausmacht?

Wenn man wollte, könnte man sich darüber jede Menge Gedanken machen. Aber ich denke, am Ende unserer Tour waren wir einfach bereit neue Songs zu schreiben. Ich glaube auch, dass der Sprung von der letzten zu dieser Platte nicht so groß war wie der von unserer ersten zu „Paradise“. Das war eine viel größere Veränderung.

Als ihr angefangen habt die Songs zu schreiben, war euch von Anfang an klar, dass ihr diesmal produktionstechnisch in diese Richtung gehen wollt – 60ies Soul, Streicher und Bläser?

Ja, wir haben angefangen zwei der Songs aufzunehmen und haben dafür Streicher benutzt. Da wurde uns schnell klar, das geht genau in die Richtung, in die wir wollen. Wir haben es dann bei den nächsten Aufnahmen wieder probiert und festgestellt, dass das der Platte eine gewisse Kontinuität gibt, die ihr gut tut. Die Songs an sich sind ja eigentlich sehr unterschiedlich. Wir schreiben immer aus der Emotion heraus, und da man sich ja ständig anders fühlt, kommen auch sehr unterschiedliche Songs dabei raus. Am Ende muss man gucken, dass doch alles irgendwie zusammen passt. Streicher und Bläser haben dafür gut funktioniert.

Wie ist es euch insgesamt mit der Platte ergangen? Ich begegne immer wieder Künstlern und Bands die mir erzählen, dass sie ihr drittes Album als etwas ganz Besonderes empfunden haben. Gerne aber auch mal als besonders schwierig.

Ich glaube, das ist von Band zu Band unterschiedlich und hängt bestimmt auch mit den Dynamiken innerhalb der Band zusammen. Wenn man schon eine Weile zusammen Musik macht kann es sein, dass man seine Bandmitglieder hasst, wenn man einmal beim dritten Album angekommen ist (lacht). Becky und mir ist dieses Album zum Beispiel viel leichter gefallen als unser zweites. Wir haben uns dieses mal viel mehr Raum zum Schreiben gegeben. „Paradise“ haben wir ja zum größten Teil auf Tour geschrieben. Und wir haben die meisten Songs nie vorher live gespielt, bevor wir sie aufgenommen haben. Bei diesem Album haben wir versucht, so viele Songs wie möglich Live zu spielen, bevor wir ins Studio gegangen sind. Das hat den Songs sehr gut getan. Ich versuche auch jetzt schon, viele neue Songs zu schreiben, damit wir so viele von ihnen wie möglich Live spielen können, bevor wir sie aufnehmen, wenn es ans nächste Album geht. Ich würde sehr gerne das nächste Album komplett live einspielen.

Glaubst du, dass es der Kreativität gut tun kann, sich selbst strikten Regeln zu unterwerfen? Wie es die White Stripes zum Beispiel damals getan haben. Nur zwei Instrumente, nur Live Einspielung im Studio, keine elektronischen Effekte…

Absolut. Vor allem heutzutage, wo technisch ja quasi alles möglich ist. Nur weil man alles tun kann heißt es ja nicht, dass man auch alles tun muss. Durch die moderne Technologie muss man ja theoretisch noch nicht mal im selben Raum sein, um miteinander Musik zu machen. Da liegt dann letztendlich auch die Gefahr drin. Wir wollen versuchen, so viel wie möglich zusammen zu sein, auch mit den Leuten, mit denen wir zusammen aufnehmen, einfach alle in einem Raum. Das ist sehr wichtig. Manchmal, wenn man alleine ist, denkt man sich etwas aus und hat das Gefühl es ist großartig. Und wenn man es in die Gruppe bringt merkt man erst, dass es eigentlich scheiße ist (lacht).

Was gab es sonst noch an neuen Einflüssen, die bei der Entstehung von „Complete Surrender“ eine Rolle gespielt haben? Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass du einen größeren Teil zu den Vocals beiträgst als die Male zu vor.

Ja, das stimmt. Ich denke, dass ich mich immer noch an das Singen heran taste. Es ist nichts, womit ich mich sofort und organisch wohl fühle, in erster Linie sehe ich mich immer noch als Gitarrist. Aber ich habe dieses Mal viel mehr Zeit mit dem Schreiben von Texten verbracht, dadurch ist es wahrscheinlich gekommen, dass ich auch mehr gesungen habe. Eigentlich wollte ich erst gar nicht singen, ich hatte mein Selbstbewusstsein was das angeht ein wenig verloren. Letztes Jahr haben wir uns Zeit genommen um andere Dinge zu tun. Ich habe einen Schreibkurs in St. Martin’s in London belegt. Da ging es nicht um Songtexte, mehr um Fiktion, Kurzgeschichten und all sowas. Aber es hat auf jeden Fall andere Kanäle geöffnet, mir geholfen, Sprache noch einmal ganz anders zu verstehen. Und es hat mir den Mut gegeben mich auszudrücken, ohne meine Gitarre vor mir zu haben. Das fällt mir manchmal ganz schön schwer.

Das finde ich toll! Wenn Musiker erzählen, dass sie sich weiter entwickeln, arbeiten sie meistens an ihrem Gesang oder ihrem Gitarrenspiel oder lernen ein neues Instrument. Den Umgang mit Sprache zu vertiefen finde ich spannend.

Ja, wenn wir eine Platte machen, versuche ich immer, mich parallel noch mit einer anderen Kunstform zu beschäftigen. Als wir „Paradise“ aufgenommen haben, habe ich zum Beispiel viel gemalt. Das hat sich so ergeben, weil ich damals eine Wohnung hatte, in der das gut möglich war, sie hatte tolles Licht. Aber es hat die Arbeit am Album auf jeden Fall beeinflusst.

Da wir schon bei Kunst sind – ihr habt tolle Videos zu euren letzten Singles gemacht. Wie wichtig sind Musikvideos heute noch? Ich erinnere mich an Zeiten, da hat kaum einer mehr Musikvideos gemacht. Heute, in Zeiten des Internets, scheinen sie wieder wichtiger zu werden. Wie siehst du das?

Ich selber gucke nicht besonders oft Musikvideos. Ich weiß aber, das viele Leute es tun. Die meisten hören Musik ja auch nicht mehr auf richtigen Soundsystemen, sondern auf ihren Computern. Was schade ist, weil die meisten Laptop Lautsprecher Mist sind. Aber so ist es nun mal. Durch Videos kann man den Leuten dann ein visuelles Erlebnis zur Musik dazu geben, wenn sie schon am Computer sitzen müssen. So etwas zu machen ist aber furchtbar anstrengend. Es gibt immer zu wenig Geld und zu hohe Erwartungen. Es ist schwer etwas zu manchem, das gut aussieht, wenn man nicht viel Geld hat. Man ist immer darauf angewiesen, dass Leute einem helfen, die es aus Leidenschaft tun, weil man nicht in der Lage ist, sie richtig zu bezahlen. Am Ende geht es mir immer am meisten um unsere Platten, sie werden immer da sein. Außerdem ist Rebecca visuell der ansprechende Typ bei uns, ich weniger (lacht).

Oh, ich finde du siehst sehr gut aus mit der Katze im Arm!

(lacht) Als Boxtrainer habe ich mich tatsächlich sehr wohl gefühlt. Wenn in der Indiemusik kein Geld mehr zu verdienen ist, könnte das eine Karriere für mich sein (lacht).

Slow Club Live:

30.10.2014 Hamburg, Molotow
31.10.2014 Berlin, Magnet Club
01.11.2014 München, Atomic Cafe

Interview: Gabi Rudolph

www.slowclubband.com