Interview mit Paul Smith (Maxïmo Park)

Paul Smith ist heiser. Zwei Tage lang hat der Frontmann der britischen Erfolgsband Maxïmo Park am Stück über sein Soloalbum „Margins“ gesprochen. Ich bin sein vorletzter Termin am Abend des zweiten Tages, und langsam fängt seine Stimme an, ihren Dienst zu versagen. Aber er ist offen, freundlich und bereit, noch mehr zu erzählen. Das Album liegt ihm spürbar am Herzen und er redet  gerne darüber. Also legen wir direkt los.

_DSC2761_quadr_gespMit deinem Soloalbum gehst du ganz bewusst andere Wege.

Ja! Ich mache nicht gerne immer wieder dasselbe. Ich verändere Dinge gern. Mit Maxïmo Park haben wir uns ganz subtil von Platte zu Platte ein wenig verändert. Jetzt wollte ich zur Abwechslung etwas extrem anderes machen. Ich habe diese Songs aufgenommen und mir gedacht, warum nicht ein kleines Album daraus machen, das seine ganz eigene Atmosphäre, ein anderes Gefühl hat. Ich denke, die Leute werden überrascht sein. Keine Ahnung, was sie denken werden. Ich mache mir auch nicht gerne Gedanken darüber, was die Leute denken.

Denkst du dass es schwer ist, innerhalb einer Band, die bereits sehr etabliert ist, etwas komplett anderes zu machen? Ist das einer der Gründe, weshalb Du diese Songs solo und nicht mit Maxïmo Park raus bringst?

Es ist nicht schwer, aber viele Leute haben Angst davor. Mit  Maxïmo Park waren wir schon immer auf einem Independent Label und haben unser eigenes Ding gemacht. Aber unsere Manager, auch wenn sie sehr nett sind, sind am Ende Geschäftsleute, und ich sehe ihre Bedenken. Als ich ihnen gesagt habe, dass ich mein eigenes Album machen möchte, meinten sie, vielleicht können wir das ja ein wenig unter den Teppich kehren. Aber ich liebe diese Songs, warum sollte ich das tun? Ich weiß, dass sie weniger Leute ansprechen werden, weil sie nicht kommerziell produziert sind. Ich habe sie im Schlafzimmer eines Freundes aufgenommen. Trotzdem möchte ich den Leuten davon erzählen können. Das meiste davon hätte ich so niemals mit Maxïmo Park gemacht. Sie wollten keine ruhigeren Stücke auf ihren Alben, das hätte einfach nicht rein gepasst. Ich weiß nicht, ob wir es als Gruppe in uns haben, gemeinsam mehr zu experimentieren, weil wir so schon viel über unsere Musik diskutieren. Am Ende hat man dann einen guten Kompromiss. Wenn ich meine Ideen innerhalb der Band hätte durchsetzen wollen, hätte ich Leute zwingen müssen Dinge zu tun, die sie so nicht wollen. Also bin ich einen ganz natürlichen Weg gegangen. Ich will die Band nicht verlassen, aber ich will mein eigenes Ding machen. Etwas Persönlicheres. Ich glaube auch nicht, dass die Texte sehr viel anders sind als bei Maxïmo Park, aber wenn man das Tempo der Songs verlangsamt, kann man besser auf die Texte hören.

Fühlt es sich an, als würdest du noch einmal von vorne anfangen? Und wenn ja, ist das ein Gefühl, dass du bewusst herstellen wolltest?

Absolut. Ich mache diesmal alles selbst, veröffentliche das Album zum Beispiel selbst. Die Shows werden sehr klein sein. Wichtig ist mir, dass die Atmosphäre stimmt. Da habe ich auch bei den Aufnahmen zum Album sehr drauf geachtet. Dass die Songs am Ende nicht völlig glatt poliert sind. Ich mag es, wenn Musik auch mal roh und dreckig klingt. Auf dem Album sind sehr viele Fehler, die ich bewusst so gelassen habe. Dadurch bekommt es irgendwie etwas Verträumtes. Es erschreckt mich auch, dass ich das hier tue. Es erschreckt mich, dass ich plötzlich wieder auf mich allein gestellt bin. Also fühlt es sich auf jeden Fall wie ein Anfang an. Mit Maxïmo Park kam ich irgendwann an den Punkt, an dem ich dachte, es ist mir egal, was die Leute denken. Die Leute haben sich ihre Meinung schon gebildet. Leider. Sie denken, sie wüssten, worum es bei Maximo Park geht. Ich hoffe, dass ich die Meinung mancher Leute mit diesem Album noch einmal ändern kann.

Das Spannende an „Margins“ ist ja, dass die Produktion so rau geblieben ist. Man hört zum Teil noch die Hintergrundgeräusche und hat dadurch sofort ein Bild im Kopf, wie Du in einem Raum sitzt und Musik machst._DSC2770_gesp

Ja! Die meisten Songs sind am Stück in einem Raum aufgenommen worden. Ich habe gesungen und gleichzeitig Gitarre gespielt. Am Anfang von „While You’re In The Bath“ zum Beispiel hört man den Stuhl quietschen, auf dem ich sitze und am Ende, wie ich meine Gitarre weg lege. Es sind Fehler drin, das Schlagzeug hinkt zum Beispiel beim zweiten Chorus ein wenig. Aber ich finde den Gitarrensound sehr mächtig und ganz anders, als man ihn erwartet. Die Gitarre klingt eher metallisch. Ursprünglich hatte ich mir das alles nicht so vorgestellt, aber am Ende hat es genau so funktioniert. Ich hätte alles nochmal aufnehmen können, aber es fühlt sich so menschlich an.  Bei vielen Platten ist das nicht der Fall. Da geht es um Präzision, darum, zu kalkulieren, wie man bestimmte Emotionen herstellt. Oder darum, was sich gut im Radio verkauft.

Wie wird es für dich sein, die neuen Songs live zu performen? Sie sind ja viel ruhiger, das wird für dich auf der Bühne doch sicher eine Umstellung. Du bist ja ein sehr energetischer Performer.

Davor habe ich mehr Angst denn je. Für mich alleine im Schlafzimmer diese Songs zu singen ist kein Problem. Aber auf der Bühne, das ist  etwas völlig anderes. Mit der Zeit habe ich gelernt, was ich auf der Bühne tun muss. Ich versuche aber auch dort, mich nicht zu wiederholen. Ich habe keine festgelegten Bewegungen, auf die ich immer wieder zurückgreife. Ich versuche einfach immer wieder, mich auf die Gefühle einzulassen, die der jeweilige Song in mir hervorruft. Bei den neuen Songs werden das ganz andere, neue Gefühle sein. Und ich werde auf der Bühne Gitarre spielen. Am wichtigsten ist mir aber immer noch, Kontakt zu meinem Publikum herzustellen, nicht einfach nur da zu stehen und meine Songs spielen. Die Leute sollen ja nicht nach Hause gehen und das Gefühl haben, ihr Geld raus geschmissen zu haben. Ich möchte einfach, dass sie sich danach irgendwie anders fühlen.

Wo nimmst du deine Energie her? Letztes Jahr hast du noch gesagt, du wolltest es dieses Jahr ein wenig ruhiger angehen lassen.

Ja, so bin ich, wenn ich es ruhiger angehen lasse (lacht). Ich will einfach Platten machen und live spielen. Wenn du etwas machst, bei dem du so ein starkes Gefühl hast wie ich bei diesem Album, willst du es einfach veröffentlichen. Vielleicht werde ich mich nächstes Jahr ein wenig ausruhen. Und ein neues Album mit Maxïmo Park machen.

Das fiele dann unter ausruhen?

_DSC2772_quadr_gesp(lacht) Nicht wirklich. Ich bin ja auch noch in einer anderen Band und würde mit der auch gerne ein Album machen. Es gibt einfach viel zu viele Dinge, die man tun kann. Aber ich habe dieses Jahr auch  ein bisschen Urlaub gemacht. Zwei Wochen in Berlin zum Beispiel. Ich habe mir viele Museen angesehen, bin viel herumgelaufen und habe Zeit mit Freunden verbracht. Am Ende war ich dann doch wieder sehr müde. Es war nicht so wirklich ein Erholungsurlaub, eher ein stimulierender. So bin ich aber einfach. Ich entspanne mich gar nicht so gerne, habe dann immer das Gefühl, ich verschwende meine Zeit.

Ich habe mir deinen Blog angesehen und dort gelesen, dass du in Berlin warst. Ein sehr schöner Blog ist das. Das Design gibt einem das Gefühl, ein wenig in dieses mysteriöse, rote Notizbuch rein sehen zu dürfen, das du oft auf der Bühne bei dir hast.

Ja! Ich schreibe ständig Sachen auf in diesem Buch. Das Design meiner Webseite basiert auch darauf. (Er greift in seine Tasche, holt sein Notizbuch heraus, blättert darin herum und zeigt mir ein paar Seiten) Wenn ich in einer Ausstellung bin, die mir gefällt, notiere ich mir das hier und veröffentliche es später auf dem Blog. Es ist ein bisschen so, als würde man Sachen mit seinen Freunden teilen. Ich versuche aber, nicht zu viel dort zu veröffentlichen, damit er nicht überladen ist mit Informationen. Wenn die Leute ab und zu drauf gehen, können sie vielleicht etwas entdecken, das sie noch nicht kannten. Ich mag es, verschiedene Bereiche der Kunst zu verbinden. Gleichzeitig mit dem Album erscheint ein Buch mit Polaroids. Ich habe über die letzten vier bis fünf Jahre tausende von ihnen gemacht. 70 von ihnen habe ich für das Buch ausgewählt. Damit kann man die Musik auch visuell erleben.

„Margins“ ist seit dem 15. Oktober im Handel erhältlich. Im November kann man Paul Smith in Deutschland live erleben:

05.11. Hamburg – Mondial Club
06.11. Berlin – Station
08.11. München – 59:1
09.11. Heidelberg – Karlstorbahnhof
10.11. Köln – Gebäude 9

Interview: Gabi Rudolph

Fotos (c) Lynn Lauterbach