Gesehen: „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ von Matt Ross

Der Titel könnte ein wenig in die Irre führen. „Captain Fantastic“, der neue Film von Matt Ross, ist kein Action Hero Fantasy Epos. Wobei die Figur des von Viggo Mortensen verkörperten Vaters, der versucht seine sechs Kinder in der Wildnis der Wälder im Nordwesten der USA großzuziehen, durchaus, wenn auch eigenwillige, Superhelden Qualitäten aufweist.

Es ist ein kleines Paradies, das Ben Cash (Viggo Mortensen) und seine Frau Leslie für sich und ihre Kinder in der Abgeschiedenheit der Wälder aufgebaut haben. Man lebt in einer Hütte, duscht unter freiem Himmel, jagt sein Essen selbst und verzehrt es abends gemeinsam am Lagerfeuer. Die sechs Sprösslinge der Familie sind braungebrannte, zähe, vor Kraft und Wildheit strotzende Kinder und Jugendliche, die sich bei Waldläufen und Freiklettern stählen und sich anhand der umfangreichen Büchersammlung weiterbilden. Die Kinder wirken ausgelastet und zufrieden, Vater Ben ist stolz auf seine Brut.
Aber als Mutter Leslie, die schon länger nicht mehr bei der Familie, sondern in einer Klinik weilt, Selbstmord begeht, zeigen sich Risse im Fundament der Idylle. Leslie litt bereits seit der Geburt des ersten Kindes an schweren Depressionen, ihre konservativen Eltern verachten die Lebensweise der ungewöhnlichen Familie und geben dem Schwiegersohn die Schuld am Tod der Tochter. Seine Anwesenheit bei der Beerdigung ist nicht erwünscht, sie drohen damit, ihm die Kinder wegzunehmen. Nach reiflichen Überlegungen macht man sich aber doch auf den Weg, auf Drängen der Geschwister hin macht man sich im familieneigenen Bus auf den Weg quer durch die USA, um sich von der Mutter zu verabschieden.
Es beginnt ein Roadtrip, der für den Zuschauer gleichermaßen unterhaltsam, rührend und lehrreich ist. Denn statt der naheliegenden Kultur-Clash-Komödie, die das Thema „Wildnis trifft auf Zivilisation“ automatisch hergeben würde, setzt Regisseur Matt Ross zum Glück auf spannendere Zwischentöne. Man ist als Zuschauer bei aller Schrägheit streckenweise sehr mit Familienoberhaupt Mortensen und seinen wilden, schönen Kindern verbunden, die so viel mehr Bildung und körperliche Fitness aufweisen als ihre XBox spielenden Cousins und mit glänzenden Kinderaugen die geschenkten Jagdmesser entgegen nehmen, sich aber beim Anblick eines Zombie-Baller-Videospiels zu Tode fürchten. Aber wieviel Wildnis verträgt ein Kind wirklich? Lernen sie auf diese Weise, wie Vater Ben Cash überzeugt ist, alles, was zum Überleben in der heutigen Welt wichtig ist? Irgendwann regt sich erster Widerstand in den eigenen Reihen. Und letztendlich stellt sich auch die Frage, wie gefährlich dieser rigorose Lebensstil am Ende für die Familie ist.
„Captain Fantastic“ ist ein Film, der auf nahezu beängstigende Weise alles richtig macht. Sämtliche Rollen sind superb besetzt, allen voran natürlich Viggo Mortensen als bärtiger Löwenpapa, aber auch das Jugendensemble (unter anderem der britische Shooting Star George MacKay und die unglaublich intensive Annalise Basso) überzeugt mit seiner Natürlichkeit und Intensität. Die fast zwei Stunden Lauflänge fliegen ohne nennenswerte Längen dahin, und am Ende ist man nicht nur bestens unterhalten worden, sondern nimmt, vor allem als Mutter, auch viele spannende Fragen mit nach Hause. Wie oft traut man seinen Kindern zu wenig zu? Wo liegen die Grenzen von Freiheit? Es ist wirklich selten, dass ein Film einem so viel mit gibt wie „Captain Fantastic“.

Szenenfoto: Sony Pictures

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